Saint-Ursanne: Wildhut erschiesst den Fussball-Fuchs
Ein zutraulicher Fuchs unterbrach im Jura ein Cupspiel und wurde zum Social-Media-Star. Nun ist er tot, und ein ehemaliger Kantonsparlamentarier verlangt per Anzeige eine Überprüfung des Abschusses.
Rotfuchs auf einer Wiese (Symbolbild). Foto: Zetong Li / Unsplash
Mitternachtsfuchs
Am 15. September lief in Saint-Ursanne (JU) ein Fuchs auf den Fussballplatz und zwang den Schiedsrichter, den Cupmatch zwischen dem FC Clos du Doubs und dem FC Glovelier kurz zu unterbrechen. Das Video ging im Kanton Jura viral. Wenige Wochen später ist das Tier tot: Ein Wildhüter hat es auf Meldung des Vereins erschossen, wie «Le Matin» berichtet.
Ein Fuchs, den das ganze Dorf kannte
Der Platz Champs-Fallat liegt mitten in der Natur, zwischen dem Doubs und dem SBB-Viadukt, ausgerechnet in der Nähe des kantonalen Umweltamts. Spieler sahen das Tier regelmässig im Flutlicht beim Training. Eine Anwohnerin beschrieb es als völlig unscheu. Ein Landwirt glaubt, im Fuchs jenes Tier zu erkennen, das den ganzen Winter über jeden Abend zu seinem Hof kam, um dort zu fressen.
Diese Schilderung wirft eine Frage auf, die im Bericht unbeantwortet bleibt: Hatte sich der Fuchs an leicht zugängliches Futter in der Nähe von Menschen gewöhnt? Füchse, die regelmässig Nahrung bei Häusern finden, verlieren ihre Scheu. Ob das bei diesem Tier die Ursache war, ist nicht geklärt.
Die Begründung des Vereins und des Wildhüters
Der Platzverantwortliche begründet die Meldung mit der Sicherheit von rund sechzig Junioren, die jeden Mittwoch trainieren. Der Fuchs sei bis auf einen Meter herangekommen und habe sich an Bällen und Material zu schaffen gemacht. Schliesslich sei er nach einer Generalversammlung durch die offen stehende Tür in die Buvette spaziert. Gebissen oder angegriffen hat er nach allen vorliegenden Schilderungen niemanden.
Der zuständige Wildhüter erschoss das Tier an einem Samstag. Er begründete dies damit, dass der Fuchs in der Nähe von Wohnhäusern Hühner geholt habe. Eine Falle mit anschliessender Umsiedlung hätte das Problem aus seiner Sicht nur verschoben, ohne das Verhalten des Tiers zu ändern.
Anzeige an die Staatsanwaltschaft
Raoul Jaeggi, ehemaliger Abgeordneter im jurassischen Parlament, hatte das Video gefilmt. Er reagierte empört: «Einfangen, einverstanden, aber warum ihn erschiessen?» Laut «Le Matin» verfasste er am Montag eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft des Kantons Jura. Er behauptet nicht, dass eine Straftat vorliegt. Er verlangt aber, dass der Abschussentscheid und dessen Ausführung überprüft werden.
Welche Alternativen wurden geprüft?
Die Frage ist nicht, ob ein Fuchs auf einem Fussballplatz «nichts zu suchen hat». Die Frage ist, was vor dem Schuss versucht wurde. Davon ist im Bericht keine Rede. Wurden mögliche Futterquellen beseitigt, Hühner gesichert, die Buvette geschlossen gehalten oder eine gezielte Vergrämung versucht? Bekannt ist nur, dass der Wildhüter eine Falle von vornherein als untauglich verwarf.
Die Schweiz gilt seit 1999 als frei von Fuchstollwut. Zutraulichkeit allein ist deshalb kein Hinweis auf eine Erkrankung. Ob von dem Tier eine konkrete Gefahr ausging, hätte sich an seinem tatsächlichen Verhalten messen lassen müssen. Dokumentiert sind Neugier, Ballspiele und ein Besuch in der Buvette, aber kein einziger Angriff.
Der Einzelfall ist von der grundsätzlichen Debatte über die reguläre Fuchsjagd zu unterscheiden, die Wild beim Wild in der Kampagne «Schluss mit der Fuchsjagd» behandelt. Beide verbindet aber derselbe Reflex: Der Fuchs gilt schnell als Störfaktor, obwohl er als Mäuse- und Aasfresser eine wichtige Rolle im Ökosystem spielt. Mehr zur Rolle von Beutegreifern wie Wolf, Luchs und Fuchs ist auf Wild beim Wild dokumentiert.
Dass Wildhüter anstelle von Hobby-Jägern eingreifen, ist grundsätzlich richtig. Das forderte etwa die damalige Zürcher Initiative «Wildhüter statt Jäger». Professionelles Wildtiermanagement bedeutet aber gerade, dass der Abschuss das letzte Mittel bleibt und nicht das erste. Ob das in Saint-Ursanne so war, ist offen. Ob die Staatsanwaltschaft ein Verfahren eröffnet, geht aus dem Bericht nicht hervor.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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