Mountainbiker erschossen: Urteil gegen Hobby-Jäger
Ein Hobby-Jäger erschoss im Oktober 2018 bei Montriond in der Haute-Savoie einen Mountainbiker. Am 1. Dezember 2020 verurteilte das Gericht in Thonon-les-Bains den Schützen und vier weitere Angeklagte, die nach dem Schuss Jagdbuch und Beschilderung manipuliert hatten.
Symbolbild. Foto: Julian Hochgesang / Unsplash
Am 13. Oktober 2018, kurz vor 18 Uhr, war Marc Sutton oberhalb von Montriond in der Haute-Savoie mit dem Mountainbike unterwegs, wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Der 34-jährige Brite lebte im nahen Les Gets und führte dort ein Restaurant. Er trug einen farbigen Helm, sein Velo war gut sichtbar. Ein 22-jähriger Hobby-Jäger schoss aus rund 40 Metern Distanz auf ihn. Die Kugel durchschlug Wirbelsäule und Lunge, Marc Sutton war sofort tot. Der Schütze hatte ihn für ein Wildschwein gehalten.
WBW hat damals über den Fall berichtet: Frankreich: Velofahrer von Hobby-Jäger erschossen. Zwei Jahre später, am 1. Dezember 2020, verurteilte das Strafgericht in Thonon-les-Bains den Schützen und vier weitere Angeklagte. Der damalige Prozess zeigte, dass der tödliche Schuss nur der erste Teil des Problems war.
Das Urteil gegen den Schützen
Der inzwischen 24-jährige Schütze war wegen fahrlässiger Tötung bei einer Treibjagd unter offensichtlich bewusster Verletzung der Sicherheitspflichten angeklagt. Das Gericht verurteilte ihn zu vier Jahren Freiheitsstrafe, davon drei Jahre bedingt und ein Jahr unbedingt. Zudem durfte er zehn Jahre lang nicht jagen und fünf Jahre lang keine Waffen besitzen.
Nach dem Schuss: Jagdbuch geändert, Warnschild aufgestellt
Neben dem Schützen wurden drei weitere Hobby-Jäger und die Partnerin eines dieser Männer verurteilt. Nach dem tödlichen Schuss waren Einträge im Jagdbuch verändert, Namen von Beteiligten entfernt und ein zuvor fehlendes Warnschild aufgestellt worden. Die drei Hobby-Jäger erhielten bedingte Freiheitsstrafen zwischen zwölf und 18 Monaten sowie Jagd- und Waffenverbote. Die Partnerin, die das Jagdbuch auf Anweisung verändert hatte, erhielt sechs Monate bedingt.
Wer nach einem tödlichen Schuss Unterlagen manipuliert und Warnschilder nachträglich aufstellt, zeigt damit, dass die Selbstkontrolle versagt hat. Der erste Reflex galt dem eigenen Schutz, nicht der Aufklärung.
Kein klares Ziel, kein sicherer Kugelfang
Montriond zeigt, was geschieht, wenn vor dem Schuss weder das Ziel noch die sichere Flugbahn der Kugel geklärt sind. Im Prozess ging es nicht nur darum, dass das Ziel nicht erkannt worden war, sondern auch um den fehlenden sicheren Kugelfang und die Nähe zu Wohnhäusern. Sicherheitsregeln schützen niemanden, wenn sie im entscheidenden Moment missachtet werden.
Dass auch andere Mountainbiker ins Visier geraten, zeigt der Fall bei Chaumont. Schon 2021 berichtete WBW über einen ähnlichen Vorfall: Hobby-Jäger schiesst auf Mountainbiker.
Frankreich: Sicherheitsplan ohne jagdfreien Tag
Am 9. Januar 2023 stellte die französische Regierung einen Sicherheitsplan mit 14 Massnahmen vor. Der Plan sah unter anderem eine Pflichtausbildung für Leiter von Treibjagden vor, eine Strafbestimmung gegen das Jagen unter übermässigem Alkohol- oder Drogeneinfluss, einheitliche Warnschilder für Treibjagden und eine staatliche App zu Jagdorten und -zeiten. Ein jagdfreier Tag pro Woche, den Naturnutzende seit Jahren fordern, war nicht vorgesehen.
Das Risiko betrifft Jagende und Unbeteiligte, allerdings in unterschiedlichem Ausmass. Für die Saison 2024/2025 registrierte das Office français de la biodiversité (OFB) 100 Jagdunfälle mit Personenschäden und elf Todesopfer, alle unter den Jagenden. 16 Nichtjagende wurden verletzt, drei davon schwer. In der Saison 2025/2026 sank die Zahl auf 92 Unfälle und vier Todesopfer, wiederum ausschliesslich Jagende. Zehn Nichtjagende wurden verletzt, vier davon schwer. Weniger Todesfälle bedeuten nicht, dass Menschen ausserhalb der Hobby-Jagd vor Schüssen sicher sind.
Tödliche Jagdunfälle sind auch ausserhalb Frankreichs kein Einzelfall. Am 1. Oktober 2026 starb in Schweden ein Mann bei einer Hobby-Jagd: Arjeplog: Norweger stirbt bei Hobby-Jagd, Jagdkollege unter Verdacht.
Kommentar: Die Verantwortung liegt beim Bewaffneten
Marc Sutton war mit dem Mountainbike unterwegs. Die Verantwortung für den tödlichen Schuss lag beim bewaffneten Hobby-Jäger. Sie lässt sich nicht auf den Menschen vor dem Gewehrlauf abwälzen.
Montriond ist deshalb mehr als ein tragischer Unfall. Ein Mensch starb, weil eine Freizeitbeschäftigung mit scharfen Waffen dort stattfand, wo sich auch andere Menschen bewegen. Danach versuchten Beteiligte, die Spuren zu verwischen. Die Lehre gilt auch für die Schweiz: Wer Treibjagden in der Nähe von Wegen, Strassen und Siedlungen zulässt, nimmt in Kauf, dass Menschen in die Schusslinie geraten. Die IG Wild beim Wild dokumentiert solche Fälle in der Rubrik Kriminalität & Jagd.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
Wildtiere brauchen eine Stimme
Einmal pro Woche: Recherchen, Petitionen und Hintergründe zur Hobby-Jagd. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →