12. September 2026, 11:22

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Mountainbiker im Visier: Wenn Wahrnehmungsfehler zur Gefahr werden

Ein Bike-Magazin zeigt, warum sichere Zielansprache wichtiger ist als Erfahrung und Warnkleidung.

Redaktion Wild beim Wild — 12. September 2026
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«Treibjagd»

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Es dauerte einige Sekunden.

Bei Chaumont im Kanton Neuenburg nähert sich ein Mountainbiker auf einem breiten Weg, klar sichtbar. Ein Hobby-Jäger dreht sich, richtet seine Waffe auf ihn und hält ihn eine Weile im Visier. Erst als er bemerkt, dass es kein Wild ist, sondern ein Mensch, senkt er die Waffe wieder. Diesmal löst sich kein Schuss.

Bemerkenswert an diesem Fall ist nicht nur, dass er glimpflich ausging. Bemerkenswert ist, wer ihn aufgearbeitet hat. Nicht eine Tierschutzorganisation, sondern das Schweizer Mountainbike-Magazin «Ride». Autor Men Danuser, in Flims aufgewachsen und seit Kindesbeinen auf dem Bike, hat unter dem Titel «Mountainbiker im Visier» eine Analyse vorgelegt, die weit über die übliche Empörung hinausgeht. Sie stellt die entscheidende Frage: Warum passiert das immer wieder, und zwar gerade dann, wenn eigentlich alles gegen einen Fehler spricht?

Kein Einzelfall

Chaumont steht nicht allein. Bei Girona in Spanien überlebte ein 54-jähriger Radfahrer nur knapp, weil ihn ein Hobby-Jäger für ein Wildschwein hielt und ihm in den Bauch schoss. Mehrere Notoperationen, der Schütze festgenommen wegen Fahrlässigkeit. Und im bündnerischen Avers wurde ein Pferd erschossen, weil ein Hobby-Jäger es für einen Hirsch hielt, einer von zwei Vorfällen, die zeigen, warum die Jagdämter ihre Verantwortung nicht abschieben können.

Die Reihe kann verlängert werden. In Ostpolen erschoss ein Hobby-Jäger seinen Nachbarn vor dessen eigenem Haus, weil er ihn nachts für ein Wildschwein hielt. Wir dokumentierten den Fall, als ein polnischer Hobby-Jäger seinen Nachbarn mit einem Wildschwein verwechselte. Erst kürzlich starb bei einem tödlichen Jagdunfall ein Hobby-Jäger auf dem Hochsitz, getroffen von einem erfahrenen Kollegen. Getroffen werden längst nicht mehr nur Hobby-Jäger und Treiber, sondern auch Spaziergängerinnen, Radfahrer und Kinder. Wer die lange Chronik der Jagdunfälle und Straftaten mit Jägerwaffen liest, erkennt das Muster.

Genau dieses Muster nimmt Danuser auseinander. Und er prüft zuerst die bequemen Erklärungen.

Was gängige Erklärungen nicht leisten

Alkohol allein? Erklärt nicht alle Fälle. Die französischen Unfallstatistiken zeigen: In der Saison 2024/25 wurden von 61 nach Unfällen getesteten mutmasslich verantwortlichen Personen zwei positiv auf Alkohol getestet, also 3,3 Prozent. Über zwanzig Jahre liegt dieser Anteil im Schnitt bei 8,3 Prozent. Diese Zahlen sagen aber weder etwas über alle Jagenden noch über die vielen ungetesteten Fälle aus, und Alkohol bleibt bei Schusswaffen ein eigenständiger, vermeidbarer Risikofaktor. Unerfahrenheit? In neuseeländischen Auswertungen war der Schütze in mehr als zwei Dritteln der Fälle ein erfahrener Hobby-Jäger. Schlechte Sicht? Die durchschnittliche Distanz liegt bei rund 35 Metern. Oft beobachtete der Schütze sein vermeintliches Ziel längere Zeit bei Tageslicht.

Auch die Warnfarbe, das naheliegendste Gegenmittel, hilft nur begrenzt. Zwar zeigen Auswertungen nordamerikanischer Unfallstatistiken einen klaren Zusammenhang: Von jenen, die für Wild gehalten und beschossen wurden, trug fast niemand eine auffällige Farbe. Eine helle Weste oder ein leuchtender Helm wären für Mountainbiker in der Jagdsaison also kein modisches Accessoire, sondern eine sinnvolle Schutzmassnahme. Trotzdem, so Danusers unbequemer Punkt, erklärt die Kleidung das Kernproblem nicht. Bei Chaumont war der Radfahrer klar erkennbar, und der Hobby-Jäger zielte trotzdem.

Der Fall Chaumont zeigt zugleich, warum man den Alkohol nicht kleinreden darf. Wie wir im Beitrag «Schiessen auf Promille» dokumentiert haben, roch der Atem des Schützen laut Bericht deutlich nach Alkohol. Der Vorfall löste in Neuenburg die Debatte aus, die zur Promillegrenze führte. Fehlwahrnehmung, Erwartungsdruck und Alkohol schliessen sich nicht aus, sie können sich gegenseitig verschärfen. Wie wenig die Kombination aus Alkohol auf der Hobby-Jagd reguliert ist, haben wir mehrfach gezeigt.

Das Problem beginnt vor dem Abdrücken

Hier liegt der eigentlich interessante Teil der Analyse, und der Grund, warum das Thema in die Psychologie der Hobby-Jagd gehört und nicht bloss in die Unfallstatistik.

Wer auf Wild wartet, richtet Aufmerksamkeit, Erwartung und Blick automatisch auf jene Signale aus, die auf ein Tier hindeuten könnten: eine Bewegung im Unterholz, eine dunkle Silhouette, ein Geräusch, einen flüchtigen Umriss. Visuelle Informationen werden dabei nicht neutral aufgenommen, sondern fortlaufend nach Erwartung, Aufmerksamkeit und Situation eingeordnet. Unter Zeitdruck, bei schlechter Sicht oder in vertrauter Umgebung kann daraus eine vorschnelle Einordnung werden: Ein mehrdeutiger visueller Eindruck kann vorschnell als erwartetes Ziel eingeordnet werden, bevor die Person bewusst prüfen kann, was sie da eigentlich sieht. Die Psychologie kennt dafür Begriffe wie zielgerichtete Aufmerksamkeit, Erwartungseffekt und Unaufmerksamkeitsblindheit.

Reviervertrautheit und Gruppendruck verstärken das. Wer Jahr für Jahr auf demselben Hochsitz sitzt, kennt jeden Baumstumpf; die Routine senkt die Aufmerksamkeit für Neues. Bei Bewegungs- und Treibjagden kommt Zeitdruck hinzu: Mehrere Schützinnen und Schützen stehen gleichzeitig an, während Treiber und Hunde Wild in Bewegung bringen. Die kurze Gelegenheit zum Schuss kann dazu verleiten, Bewegung und Umriss vorschnell als Wild anzusprechen. Die Erwartungssituation einer Treibjagd sieht an diesem Punkt ein Tier vor, keinen Menschen auf zwei Rädern.

Das erklärt keine Schüsse und entschuldigt sie erst recht nicht. Im Gegenteil: Gerade weil die Wahrnehmung fehlbar ist, darf ein Schuss erst fallen, wenn Ziel, Hintergrund und Kugelfang zweifelsfrei geklärt sind. Wo ein Mensch mit einem Wildtier verwechselt werden kann, hat nicht die Warnweste versagt. Versagt hat die Sicherheitsentscheidung des bewaffneten Menschen.

Warum die Grundregel nicht genügt

«Identifiziere dein Ziel zweifelsfrei, bevor du abdrückst.» Das ist eine zentrale Sicherheitsregel der Jagdausbildung. Dass sie nicht zuverlässig befolgt wird, zeigen Unfallauswertungen immer wieder. In der französischen Grosswildjagd etwa ist die Missachtung des Sicherheitswinkels von 30 Grad, also der Schuss in Richtung anderer Personen, Wege, Gebäude oder Strassen, seit Jahren stabil die häufigste Einzelursache schwerer Unfälle; sie steht hinter rund einem Drittel der Fälle.

Danusers Erklärung ist einleuchtend: Erwartungsgeleitete Wahrnehmung läuft schnell, automatisch und weitgehend unbewusst ab. Die bewusste Anwendung einer Sicherheitsregel ist dagegen langsam und muss in jeder Situation aktiv erfolgen. Gerade deshalb darf kein Schuss fallen, wenn auch nur begründete Zweifel an Ziel, Umfeld oder Kugelfang bestehen.

Aus Sicht der IG Wild beim Wild wirft der Fall damit eine unbequeme Frage auf: Wenn selbst Erfahrung, Sichtbarkeit und Sicherheitsregeln Fehlidentifikationen nicht zuverlässig verhindern, dann ist die Verwechslung kein blosser Betriebsunfall einzelner schwarzer Schafe. Sie ist ein Risiko, das mit Jagd mit Schusswaffen in gemeinsam genutzten Wäldern verbunden ist. Keine Warnweste und keine Verhaltensregel für Spaziergängerinnen, Radfahrer oder Kinder kann dieses Risiko vollständig auf die Betroffenen abwälzen.

Und wenn es um Sicherheit geht: Whataboutism

Man könnte erwarten, dass dieses Risiko ernst genommen wird. Beim Fall Chaumont richtete der Präsident des Neuenburger Hobby-Jägerverbands seine öffentliche Kritik jedoch nicht an den Schützen, der einen Menschen ins Visier genommen hatte, sondern an den Mountainbiker: Der habe nicht sofort die Polizei gerufen.

Dieses Reaktionsmuster beschreibt das französische Trailrunning-Magazin «u-trail» als «le grand whataboutism des chasseurs». Es handelt sich um die publizistische Argumentation eines Trail-Magazins, nicht um eine empirische Studie über alle Jagdorganisationen. Sie benennt dennoch ein bekanntes rhetorisches Muster: Statt die Sicherheit auf Wegen zu beantworten, wird auf Verkehr, Wetter, Lawinen oder Wildschäden verwiesen. Nicht das Gewehr sei das Problem, sondern der Mensch, der ihm zu nahe komme.

Wo Umlenken nicht reicht, folgen mancherorts Einschränkungen des Waldzugangs. Im Elsass haben mehrere Gemeinden die nächtliche und teils ganzjährige Waldnutzung eingeschränkt, offiziell zum Schutz der Wildtiere. Wir haben gezeigt, wie einzelne Gemeinden und Jagdinteressen den Waldzugang einschränken. Die Asymmetrie ist bemerkenswert: Hobby-Jäger dürfen nachts unterwegs sein, Sportlerinnen und Naturliebhaber sollen genau dann draussenbleiben. Oder, wie es «u-trail» zuspitzte: Geschützt würden nicht die Bäume, sondern die Hochsitze.

Damit schliesst sich der Kreis. Für Menschen, die sich im Wald bewegen, wird es doppelt eng. Gefährlicher, weil erwartungsgeleitete Wahrnehmung einen Menschen zum vermeintlichen Wild machen kann. Und enger, weil an manchen Orten dieselben Interessen den Zugang zum Gemeingut Wald beschneiden.

Was bliebe zu tun

Danuser verweist auf Trainingsmethoden mit unvorhersehbaren Orten und Zeitpunkten, damit sich keine Routinen einschleifen, welche die Wahrnehmung im Ernstfall nur noch bestätigen. Ein kleiner Feldversuch mit ehemaligen Polizisten zeigte weniger Fehlschüsse. Für die Hobby-Jagd ist ein entsprechender Ansatz bisher nicht etabliert.

Aus Sicht der IG Wild beim Wild greift die Diskussion über Trainingsmethoden und Warnwesten dennoch zu kurz. Die Frage ist nicht in erster Linie, ob Nichtjagende ihr Risiko durch Kleidung etwas senken können. Die Frage lautet, weshalb sie überhaupt einem vermeidbaren Schussrisiko ausgesetzt werden. Der Kanton Genf zeigt seit Jahren, dass es auch ohne Hobby-Jagd geht: mit professioneller Wildhut statt privater Freizeitjagd mit Schusswaffen in öffentlich genutzten Räumen.

Es dauerte bei Chaumont einige Sekunden, bis der Hobby-Jäger begriff, wen er im Visier hatte. Auf der einen Seite des Laufs stand ein Menschenleben. Auf der anderen, wäre der Schuss gefallen, ein zweites: eines, das sich selbst nie ganz hätte verzeihen können. Dass es diesmal gut ging, ist kein Verdienst der Hobby-Jagd. Es ist Glück.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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