Portugal: Erste Elefantenkuh zieht in europäisches Grossschutzgebiet ein
Julie, letzter Zirkuselefant Portugals, lebt seit Anfang Juli auf 400 Hektar im Alentejo.
Zwischen Vila Viçosa und Alandroal im Distrikt Évora hat das Elefanten-Schutzgebiet Pangea seine erste Bewohnerin aufgenommen: die Elefantenkuh Julie.
Sie bewegt sich dort bereits weitgehend selbstbestimmt über das weitläufige Gelände und hat ihr erstes Schlammbad genommen.
Über vierzig Jahre Gefangenschaft
Julie kam als sehr junges Tier aus dem südlichen Afrika nach Portugal und stand seit 1988 beim Circo Víctor Hugo Cardinali im Einsatz. Als Portugals Verbot von Wildtieren in Zirkussen 2024 vollständig in Kraft trat, wurde sie pensioniert. Im selben Jahr starb ihre letzte verbliebene Gefährtin. Sie blieb dennoch in der Obhut ihres Eigentümers, weil es schlicht keinen Ort gab, an den sie hätte gehen können.
Was diese Jahrzehnte gekostet haben, lässt sich nicht exakt beziffern. Kate Moore, Geschäftsführerin von Pangea, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, Elefanten in freier Wildbahn würden häufig über 70 Jahre alt, Tiere aus der Gefangenschaft erreichten oft eine deutlich geringere Lebenserwartung. Wie viel Zeit Julie noch bleibt, sei deshalb offen. In ihrer ersten Woche im Pangea habe sie sich jedoch sehr energiegeladen gezeigt. Mit ihrer Vorgeschichte wird sie Unterstützung bei Gesundheits- und Bewegungsproblemen benötigen, wie sie bei Elefanten ihres Alters und ihrer Haltungsgeschichte verbreitet sind.
Ein Gesetz allein genügt nicht
Das portugiesische Parlament verbot Wildtiere in Zirkussen bereits 2018, mit parteiübergreifender Unterstützung. Vollständig in Kraft trat das Verbot aber erst 2024, damit sich die Betriebe umstellen konnten. Bemerkenswert ist, dass das Gesetz das Verbot mit einem Weg für die Tiere und die betroffenen Menschen verband, inklusive Umschulungsunterstützung für Zirkusangestellte.
Der Schritt von der Theorie in die Praxis erwies sich trotzdem als schwierig. Julie fand erst jetzt einen geeigneten Ort zum Leben. Ihre Umsiedlung erfolgte auf Grundlage einer freiwilligen Vereinbarung mit dem Zirkus. Zirkusdirektor Víctor Hugo Cardinali bezeichnete die Entscheidung als schwierig, aber richtig; er bleibt in die Eingewöhnung eingebunden.
Mit Julies Ankunft leben in portugiesischen Zirkussen keine Wildtiere mehr. Bereits Anfang 2026 hatte Pangea nach eigenen Angaben geholfen, Sona, Portugals letzten Zirkustiger, in ein spezialisiertes Schutzgebiet in Spanien zu vermitteln.
Genau hier liegt der Punkt, der über Portugal hinausweist. Ein Verbot ohne Auffangstruktur ist ein Verbot auf dem Papier. Wer Wildtierhaltung untersagt, muss auch sagen, wohin mit den Tieren. Diese Rechnung geht in Europa bis heute nicht auf.
400 Hektar, Platz für bis zu 50 Tiere
Das Gelände umfasst rund 400 Hektar. Nach Angaben des Olsen Animal Trust, eines der Gründungsmitglieder, soll es künftig bis zu 50 Elefanten aufnehmen können. Noch in diesem Jahr wird Kariba erwartet, eine weitere afrikanische Elefantenkuh, ebenfalls in der Wildnis gefangen und rund 40 Jahre alt. Sie lebt derzeit allein in einem Zoo in Belgien. Ein Abszess an einem Bein verhinderte bislang eine sichere Reise; er muss zuerst behandelt werden.
Pangea bezeichnet sich selbst als «erstes gross angelegtes Elefanten-Schutzgebiet Europas». Die Formulierung ist bewusst gewählt: Auffangstationen für Elefanten gibt es in Europa bereits, etwa Elephant Haven in Frankreich, sie sind jedoch deutlich kleiner. Grossflächige Anlagen dieser Grössenordnung existieren bislang vor allem in Asien, Afrika und Amerika. Nach diesem Vorbild sollen die Tiere in einem naturnahen, weitläufigen Lebensraum umherstreifen, nach Futter suchen und soziale Kontakte pflegen, begleitet von einem spezialisierten Betreuungsteam. Ergänzt wird das Konzept durch ein Programm zur Lebensraumwiederherstellung, das auch einheimischen Wildtieren zugutekommen soll.
Betrieben wird das Schutzgebiet von der Associação Natureza Pangea in Portugal, unterstützt vom in Grossbritannien registrierten The Pangea Trust. Zu den Gründungsmitgliedern zählen die Born Free Foundation, der Olsen Animal Trust, die Fondation Brigitte Bardot und World Animal Protection. Für Besucher bleibt das Areal vorerst geschlossen, damit die Tiere Ruhe für die Eingewöhnung erhalten.
Über 600 Elefanten in Gefangenschaft
Julie ist kein Einzelfall, sondern die Ausnahme. Nach Angaben des Olsen Animal Trust werden in europäischen Zoos und Zirkussen über 600 Elefanten in Gefangenschaft gehalten, davon 36 in Einzelhaltung. Viele leben seit Jahrzehnten in denselben kleinen, kargen Gehegen, im Namen der Unterhaltung oder eines behaupteten Artenschutzes. Pangea hat bislang 15 Tiere als vorrangige Kandidaten für eine Umsiedlung identifiziert.
Für die grosse Mehrheit dieser Tiere ändert sich mit dem Alentejo vorerst nichts. Weitere Beiträge zur Haltung von Wildtieren finden sich in unseren Kategorien Zoo und unter Tierrechte.
Kommentar der Redaktion
Die Bilder von Julies erstem Schlammbad sind schön. Sie sind aber auch das Eingeständnis eines kollektiven Versagens. Ein Wildtier, als Kalb in Afrika gefangen, jahrzehntelang zur Belustigung vorgeführt, erhält am Ende seines Lebens ein Stück Freiheit auf Zeit. Das ist kein Triumph, das ist Schadensbegrenzung.
Der Mechanismus ist derselbe, den wir aus der Debatte um die Hobby-Jagd kennen: Tiere werden zu Objekten menschlicher Unterhaltung erklärt, und erst wenn der gesellschaftliche Druck gross genug wird, kommt die Korrektur. Zu spät für die Betroffenen. Die eigentliche Frage lautet nicht, wie wir Julie ein würdiges Alter ermöglichen, sondern warum es überhaupt eine Julie geben musste.
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