«Die Hobby-Jagd ist nicht das Problem»? Wenn PR-Interviews Journalismus ersetzen
Am 29. März 2026 veröffentlichte das österreichische Regionalportal MeinBezirk.at ein Interview mit Anton «Toni» Larcher, dem Tiroler Landesjägermeister und seit Januar 2026 Präsidenten von Jagd Österreich.
Redakteur Georg Herrmann führte das Gespräch.
Was als journalistischer Beitrag daherkommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als unkommentiertes Sprachrohr der Hobby-Jagdlobby: keine Gegenfragen, keine Einordnung, keine wissenschaftliche Kontextualisierung. Im Folgenden ein Faktencheck der zentralen Behauptungen.
«Teil der Lösung, wenn es um gesunde Wildbestände und stabile Lebensräume geht»
Dieser Satz steht völlig schief in der Landschaft. Er wird im Interview gleich dreimal wiederholt, als ob Wiederholung einen Beleg ersetzen könnte. Was Larcher als selbstverständliche Tatsache präsentiert, ist in Wahrheit ein Zirkelschluss: Die Hobby-Jagd hat in Mitteleuropa sämtliche natürliche Regulatoren ausgerottet, also Wolf, Luchs und Bär. Sie hält über systematische Wildfütterung die Bestände künstlich hoch. Sie zerstört durch Jagddruck Sozialstrukturen und fördert damit unkontrollierte Vermehrung. Und dann präsentiert sie sich als «Teil der Lösung» für genau die Probleme, die sie selbst geschaffen hat. Das ist, als würde ein Brandstifter sich als Feuerwehrmann feiern lassen.
«Gesunde Wildbestände» bedeuten in der Sprache der Hobby-Jagdlobby: genügend Tiere zum Abschiessen, möglichst mit grossen Trophäen. «Stabile Lebensräume» heisst: Lebensräume, die den Interessen der Hobby-Jagd dienen, nicht den Wildtieren. Die Definitionen des BAFU, der IUCN und aller etablierten Naturschutzorganisationen sagen das Gegenteil: Naturschutz bedeutet, Lebensräume zu erhalten, Biodiversität zu fördern und menschliche Eingriffe zu minimieren. Die Hobby-Jagd tut das Gegenteil. Sie greift selektiv nach Freizeitinteressen ein. Eine ausführliche Analyse findet sich im Dossier Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest.
«135’000 Hobby-Jäger leisten Naturschutz»
Die Behauptung, rund 135’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger würden einen «Beitrag zum Naturschutz» leisten, vermischt gezielt freiwillige Einzelleistungen wie Rehkitzrettung oder Biotoppflege mit dem eigentlichen Zweck: dem Abschussrecht als Freizeitvergnügen. Wer Rehkitze rettet und im Herbst dieselben Kitze abschiesst, betreibt keinen Naturschutz. Er betreibt ein Hobby, das zeitweise naturschutznahe Tätigkeiten einschliesst. Die tatsächliche Naturschutzarbeit wird von Biologinnen und Biologen, Rangern, Nationalparkverwaltungen und Naturschutzorganisationen geleistet.
«Gut ausgebildete Naturnutzer»
Larcher bezeichnet Hobby-Jäger als «gut ausgebildete Naturnutzer, die sich intensiv mit Ökologie, Wildbiologie und nachhaltiger Bewirtschaftung beschäftigen». Die Realität sieht anders aus: Die Jungjägerausbildung in Österreich dauert im Durchschnitt rund vier Monate. Es gibt sogar Kompaktkurse, die in nur drei Wochen absolviert werden können. Je nach Bundesland variieren die Formate zwischen Abend- und Wochenendkursen über wenige Monate. Die Kosten liegen bei rund 800 Euro. Diese Kurzausbildung ist nicht ansatzweise vergleichbar mit einem wildbiologischen oder ökologischen Studium, das vier bis fünf Jahre dauert. Der Begriff «Naturnutzer» ist dabei entlarvend ehrlich: Es geht um Nutzung, nicht um Schutz. Wer ein Tier zum persönlichen Vergnügen tötet, ist kein Naturschützer, auch wenn er sich noch so gut ausgebildet nennt. Die Psychologie der Hobby-Jagd beleuchtet die dahinterliegenden Motive genauer.
«Die Hobby-Jagd reguliert Wildbestände»
Das Regulierungsnarrativ ist populationsökologisch widerlegt. Der Ökologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf fasst zusammen: Die Hobby-Jagd reguliert nicht, sie schafft überhöhte und unterdrückte Bestände. Intensive Bejagung zerstört Familienverbände und Sozialstrukturen, was zu unkontrollierter Vermehrung führt. Der hohe Jagddruck senkt die Lebenserwartung drastisch, führt zu frühzeitiger Geschlechtsreife und steigert die Geburtenrate. In jagdfreien Gebieten wie dem Schweizer Nationalpark, dem Bayerischen Wald oder italienischen Nationalparks regulieren sich Wildpopulationen durch natürliche Mechanismen: Nahrungsangebot, Klima, Beutegreifer und soziale Strukturen. Das Dossier Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs belegt dies mit umfangreichen Daten.
Wildfütterung: Der Teufelskreis der Hobby-Jagd
Was im Interview von Larcher ebenfalls völlig fehlt, ist die in Österreich weit verbreitete Praxis der Wildfütterung. Dabei handelt es sich um einen zentralen Widerspruch in der Selbstdarstellung der Hobby-Jagd: Einerseits behaupten Hobby-Jäger, Wildbestände regulieren zu müssen, andererseits füttern sie dieselben Bestände systematisch auf. In Österreich wurden im Jagdjahr 2022/23 rund 350’000 Rehe und Hirsche getötet. Gleichzeitig füttert dieselbe Hobby-Jägerschaft das Wild vom Herbst bis weit in den Frühling hinein.
Dabei wird ausschliesslich Schalenwild gefüttert, also Reh und Hirsch, die Trophäen tragen. Füchse, Marder oder andere Wildtiere werden nicht gefüttert, sondern ganzjährig verfolgt. Allein diese Selektion entlarvt das Motiv: Es geht nicht um Tierschutz, sondern um die Aufrechterhaltung hoher Bestände für das Abschussvergnügen und die Trophäenproduktion. Eigens entwickeltes Kraftfutter lässt die Tiere besonders grosse Geweihe wachsen.
Die Wissenschaft ist hier eindeutig: Die künstliche Fütterung verhindert natürliche Selektion, hält die Populationsdichten unnötig hoch, fördert die Ausbreitung von Krankheiten wie Tuberkulose und verstärkt Waldschäden durch erhöhten Verbiss. Die Wildtiere werden zu halbzahmen, vom Menschen abhängigen Tieren und verlieren ihre Freiheit und Selbstständigkeit. In manchen Regionen Österreichs werden sie über acht Monate pro Jahr in Wintergattern gehalten. Selbst die Österreichischen Bundesforste haben Wildfütterungsstellen massiv reduziert, weil Wildtiere an winterliche Bedingungen evolutionär angepasst sind und den Winter ohne künstliche Nahrung überstehen, sofern sie in Ruhe gelassen werden. Eine ausführliche Analyse der Wildfütterungsproblematik findet sich im Beitrag Österreich: Tierschutz bedeutet Fütterungsverbot.
Der Wolf als «Herausforderung»
Larcher rahmt die Rückkehr der Beutegreifer ausschliesslich als Problem. Er spricht von «Konflikten» in der «Kulturlandschaft» und fordert «klare, rechtssichere Lösungen», womit er Abschüsse meint. Was er verschweigt: Wölfe übernehmen genau die Regulierungsfunktion, die Hobby-Jäger angeblich leisten. Wissenschaftlich belegt ist, dass Wölfe das Raumnutzungsverhalten von Huftieren verändern und den Verbiss messbar senken, wie die WSL-Studie zur Calanda-Region zeigt. Das Dossier Wald-Wild-Konflikt: Verbiss rechtfertigt keine Jagd dokumentiert dies ausführlich. Herdenschutz als bewährte Koexistenzlösung wird im gesamten Interview nicht einmal erwähnt. Stattdessen wird direkt auf den «Wolfsabschuss» hingesteuert. Dass die Hobby-Jagd massgeblich dafür verantwortlich war, dass Wolf, Luchs und Bär in Mitteleuropa ausgerottet wurden, bleibt selbstverständlich unerwähnt.
Wildbret als «nachhaltiges Lebensmittel»
Larcher preist Wildbret als «hochwertiges, regionales und nachhaltiges Lebensmittel», das «frei von Massentierhaltung» sei. Technisch ist das nicht falsch, doch es verschweigt wesentliche Fakten: die Bleibelastung durch konventionelle Jagdmunition, die Stresshormone bei gehetztem oder angeschossenem Wild und die Tatsache, dass ein erheblicher Teil des Wildes auf künstlichen Fütterungen oder in eingezäunten Gattern geschossen wird. Das hat mit «freier Natur» wenig zu tun. Auch die geschätzten 30 Prozent Fehlschüsse und das damit verbundene massive Tierleid bleiben unerwähnt.
Die IFDD-Umfrage: Auftragsforschung der Hobby-Jagdlobby
Larcher behauptet, «die deutliche Mehrheit der Menschen» erkenne «die Notwendigkeit der Jagd» an. Als Beleg dienen Umfragen des Instituts für Demoskopie und Datenanalyse (IFDD), die von Jagd Österreich selbst in Auftrag gegeben wurden. Auftragsumfragen, bei denen Fragestellung und Framing die Ergebnisse vorbestimmen, sind methodisch fragwürdig und haben keinerlei unabhängigen wissenschaftlichen Wert. Unabhängige Erhebungen zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild der gesellschaftlichen Haltung zur Hobby-Jagd.
Ein Redakteur, null Gegenfragen
Das gravierendste Problem des Beitrags ist nicht, was Larcher sagt. Es ist das, was Redakteur Georg Herrmann von MeinBezirk.at nicht fragt. In einem journalistischen Interview wären selbstverständlich Gegenfragen zu erwarten gewesen: Wie steht es mit der Trophäen-Hobby-Jagd? Was sagt die Wildbiologie zur angeblichen Regulierungsfunktion? Was ist mit den Fehlschüssen und dem Tierleid? Was mit der psychologischen Dimension des Tötens als Freizeitbeschäftigung? Warum wird Herdenschutz nicht thematisiert? Und warum fehlt jeder Hinweis auf die wissenschaftlich klar kritisierte Praxis der Wildfütterung, die in Österreich systematisch Wildbestände hochhält? Keine einzige dieser Fragen wird gestellt. Das Interview funktioniert als reine Werbeplattform für die österreichische Hobby-Jagdlobby. Das ist kein Journalismus, das ist PR mit redaktionellem Anstrich.
Fazit
Der Beitrag auf MeinBezirk.at reproduziert ungeprüft sämtliche Standardnarrative der Hobby-Jagdlobby: Hobby-Jagd als Naturschutz, Hobby-Jäger als Experten, Beutegreifer als Problem, Wildbret als nachhaltig, die Gesellschaft als zustimmend. Jede einzelne dieser Behauptungen hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Dass ein Regionalmedium einem Lobbyvertreter eine solche Plattform bietet, ohne auch nur eine kritische Stimme einzuholen, ist ein Armutszeugnis für den Journalismus. Es zeigt zugleich, wie systematisch die Hobby-Jagdlobby ihre Narrative in die Medienöffentlichkeit einspeist. Wer sich differenziert informieren will, findet bei wildbeimwild.com die Fakten hinter den Mythen.
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