24. Juni 2026, 10:55

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Jagdgesetz

Italien: Melonis «Sparatutto»-Jagdgesetz provoziert EU‑Streit

Melonis Jagdprojekt DDL 1552 lockert den Schutz von Wolf, Steinbock und Zugvögeln, kriminalisiert Protest und bringt Italien auf Kollisionskurs mit EU‑Recht.

Redaktion Wild beim Wild — 24. Juni 2026

Italiens Senat hat die umstrittene Jagdreform DDL 1552 («Ddl Malan») verabschiedet, trotz massiver Kritik von Umweltverbänden, Opposition und EU‑Kommission.

Während vor dem Parlament Tausende gegen das «Sparatutto»-Gesetz protestieren, wächst in Brüssel der Druck: Die Kommission sieht Verstösse gegen die Vogel- und Habitatrichtlinie und droht mit neuen Vertragsverletzungsverfahren.

Senat beschliesst Melonis «Sparatutto»-Gesetz

Am 23. Juni 2026 hat der italienische Senat den Entwurf DDL 1552 zur Änderung des Jagdrahmengesetzes mit klarer Mehrheit angenommen; der Text geht nun an die Abgeordnetenkammer. Die Vorlage erweitert die Liste jagdbarer Arten, erleichtert Abschüsse in sensiblen Perioden und erlaubt Jagd in Gebieten, die bisher deutlich besser geschützt waren – etwa Zugvogelrouten, Feuchtgebiete oder bestimmte Küstenzonen. Zugleich wird der wissenschaftliche Beirat ISPRA geschwächt, indem seine Gutachten politisch leichter übergangen werden können.

Hinter DDL 1552 steht politisch die Regierung von Giorgia Meloni, die seit Beginn der Legislatur mit einer Serie von Gesetzesprojekten die Interessen der Hobby‑Jagd systematisch über Arten‑, Natur‑ und Tierschutz stellt. In der Vorgeschichte zur Reform hatten italienische Arten‑ und Naturschutzverbände den ursprünglichen Regierungsentwurf bereits als von «jagdlichem Extremismus» durchdrungenen Text kritisiert, der Wildtiere und Naturgebiete faktisch den Freizeitjägerinnen und Freizeitjägern überlässt.

Besonders umstritten ist ein Passus, der jede Handlung unter Strafe stellt, die die Hobby‑Jagd «behindert» – ausdrücklich auch gewaltfreie Protestformen. Damit kriminalisiert die Reform nach Einschätzung von Juristinnen, Umweltverbänden und Bürgerrechtsorganisationen zivilen Ungehorsam und schränkt die Versammlungsfreiheit faktisch ein. Schon im Vorfeld hatten Organisationen und Teile der Opposition das Projekt deshalb als Angriff auf Grundrechte und als Versuch beschrieben, Kritik an der Jagdlobby mundtot zu machen.

Proteste: «Meloni erklärt den Wildtieren den Krieg»

Zeitgleich mit der Senatsdebatte haben Umwelt‑ und Tierschutzverbände gemeinsam mit Oppositionsparteien zu Protestaktionen mobilisiert. Vor dem Pantheon in Rom und vor dem Senat fanden Flashmobs und Mahnwachen statt, an denen Organisationen wie Enpa, Lac, Lav, Legambiente, Lipu und WWF teilnahmen. Transparente sprachen von einem «Angriff auf die Natur», von einer «Legalisierung der Wilderei» und von einem Gesetz, das «60 Jahre Naturschutzpolitik auslöscht».

In Aufrufen und Stellungnahmen wird das Gesetz ausdrücklich als Projekt der Regierung Meloni bezeichnet, das «die Natur den Jägerinnen und Jägern ausliefert». Parteien des linken Spektrums und Verbände sprechen davon, die Premierministerin habe «den Wildtieren den Krieg erklärt» und ignoriere selbst deutliche Warnungen aus Brüssel. Mehr als 400’000 Bürgerinnen und Bürger haben laut Kampagnenangaben Petitionen gegen den DDL 1552 unterzeichnet, hinzu kommen zehntausende Unterschriften für ein Referendum gegen die Jagdreform.

Brüssel schlägt Alarm: Risiko weiterer EU‑Verfahren

Der Konflikt endet nicht an der Landesgrenze: Die EU‑Kommission hat Rom bereits in einem formellen Schreiben auf zahlreiche Unvereinbarkeiten mit der Vogelschutz‑ und der Habitatrichtlinie hingewiesen – insbesondere wegen Ausnahmen beim Jagdkalender, der Jagd in sensiblen Perioden, der Nutzung von Lockvögeln und opto‑elektronischer Hilfsmittel. Teile dieser Kritikpunkte sind trotz marginaler Änderungen im Senat weiterhin im Text enthalten, was nach Einschätzung mehrerer Fachmedien und Umweltjuristinnen eine neue Vertragsverletzungsprozedur nahezu vorprogrammiert.

Italien steht ohnehin bereits in Verfahren wegen derogatorischer Jagd auf geschützte Arten, wegen des Einsatzes von Bleimunition in Feuchtgebieten und wegen unzureichender Umsetzung von EU‑Naturschutzrecht. Ein weiteres Verfahren könnte zu hohen Strafzahlungen führen, die am Ende von allen Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern getragen würden – obwohl von der Reform primär eine kleine Minderheit von Hobby‑Jägerinnen und ‑Jägern profitiert. Kommentatoren sprechen daher von einem «politischen Geschenk an die Jagdlobby», dessen finanzielle und ökologische Kosten bei der Allgemeinheit landen.

Vatikan und Opposition: Moralische und verfassungsrechtliche Kritik

Noch vor der Senatsabstimmung hatte Papst Leo XIV. in einem Schreiben an die italienische Vogelschutzorganisation LIPU die Jagdreform als Frage «von grosser sozialer und moralischer Tragweite» bezeichnet und seine Hoffnung geäussert, dass die Kritik der Naturschützerinnen und Naturschützer ernst genommen wird. Er stellte sich damit ausdrücklich auf die Seite der Organisationen, die vor einer Schwächung des Schutzes von Vögeln, Wölfen und anderer Wildtiere warnen.

Im Senat und in den Medien kritisieren Oppositionsparteien, dass die Reform die in der italienischen Verfassung verankerte Pflicht zum Schutz der Umwelt untergräbt und das mühsam austarierte Gleichgewicht der Jagdgesetzgebung von 1992 zerstört. Die Regierung Meloni wiederum wirbt mit dem Narrativ von «Modernisierung» und «Schadensbekämpfung», blendet aber aus, dass EU‑Recht, wissenschaftliche Gutachten und die öffentliche Meinung in Italien längst in eine andere Richtung zeigen.

Ein europäisches Muster der Jagdlobbys

Der italienische Fall fügt sich in ein breiteres europäisches Muster, das wildbeimwild.com bereits in mehreren Dossiers beschrieben hat: Sobald Jagdlobbys parlamentarische Mehrheiten finden, werden Arten‑ und Tierschutzstandards aufgeweicht, EU‑Vorgaben überdehnt und Bürgerproteste kriminalisiert. Parallel dazu ringen EU‑Staaten um die Umsetzung neuer Renaturierungsgesetze, die eigentlich Moorlandschaften, Flüsse und Lebensräume wiederherstellen und Jagddruck sowie Habitatverlust reduzieren sollen.

Für die Schweiz ist der Blick nach Italien ein warnendes Beispiel: Wenn der Schutz wildlebender Tiere dem Lobbydruck der Hobby‑Jagdschaft geopfert wird, geraten nicht nur Wölfe, Zugvögel und andere Wildtiere unter Druck – sondern auch das Vertrauen in den Rechtsstaat und die Akzeptanz des europäischen Naturschutzrechts.

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