Tessin bildet 88 Hobby-Jäger für nächtliche Wolfsabschüsse aus
Mit einem zweijährigen Pilotprojekt sollen ausgewählte Hobby-Jäger die Wildhüter bei der Regulierung von Wolfsrudeln unterstützen.
Das Tessin setzt bei der Wolfsregulierung neu verstärkt auf Hobby-Jäger.
Im Rahmen eines zweijährigen Pilotprojekts wurden 88 private Jäger (im Folgenden «Hobby-Jäger») mit einer Zusatzausbildung versehen, die künftig die 22 kantonalen Wildhüter beim Vollzug von Abschussverfügungen unterstützen sollen. Vier dieser «Hilfs-Jäger» pro Wildhüter werden mit Wärmebildkameras ausgerüstet und dürfen neu auch nachts und ausserhalb der ordentlichen Jagdsaison eingesetzt werden. Das berichtete das Westschweizer Radio und Fernsehen RSI am 17. Juni 2026.
Ab September im Einsatz
Laut Tiziano Putelli, Leiter des kantonalen Amtes für Jagd und Fischerei, steigt mit dem Auftrieb des Viehs auf die Alpen das Risiko von Übergriffen. Ein Teil der Alpbetriebe gelte heute als «nicht schützbar». Die ersten ausgewählten Hobby-Jäger sollen ab September einsatzbereit sein, zu Beginn der Regulierungsperiode für Rudel, die bis Januar dauert. Das Pilotprojekt orientiert sich am Walliser Modell und geht auf eine vom Grossen Rat am 23. März 2026 angenommene Motion von Giovanni Berardi zurück. Die maximalen Kosten betragen 250’000 Franken pro Jahr für Entschädigungen und Verwaltung.
Hintergrund ist die aus kantonaler Sicht ungenügende Bilanz: 2025 brauchten die Wildhüter rund 3’200 Stunden, um 6 von 24 Wölfen zu töten. Als Gründe nennt das Amt das unwegsame Gelände, fehlende Strassen und knappe Ressourcen.
Was die «Spezialausbildung» umfasst
Die Bezeichnung «Spezialausbildung» fällt bei näherer Betrachtung bescheiden aus. Die offizielle Seite des Amtes für Jagd und Fischerei spricht lediglich von «momenti formativi», also Informationsabenden. Konkret genannt sind zwei Termine: der 23. April und der 20. Mai 2026, jeweils um 18:30 Uhr in der Aula des Verwaltungsgebäudes 3 in Bellinzona. Zentrale Voraussetzung zur Teilnahme ist das Mitführen des Jagdausweises. Der Besuch gilt zeitlich unbegrenzt und muss nicht jährlich wiederholt werden.
Ergänzend müssen die Kandidaten gemäss Bericht des «Corriere del Ticino» das Jagdfähigkeitszeugnis besitzen, die nötige Ausrüstung inklusive Nachtsichtoptik mitbringen sowie spezifische Kurse zu Sicherheit und Einsatz der Hilfsmittel absolvieren; vorgesehen ist zudem ein praktischer Teil im Gelände. Zum Vergleich: Im Wallis dauerte die entsprechende Schulung im Vorjahr eine knappe Halbtagsveranstaltung.
Aufschlussreich ist die Vorgeschichte. Bereits 2025 waren Hobby-Jäger zur Mithilfe befugt. Von 20 zum Abschuss freigegebenen Wölfen wurden damals nur fünf erlegt, alle durch Wildhüter. Die Hobby-Jäger gaben keinen einzigen Schuss ab, weil ihnen die Risiken, auch rechtlich im Fehlerfall, zu gross waren.
Wirksamkeit der Regulierung umstritten
So weit die Fakten. Aus Sicht des Wildtierschutzes verdient die wissenschaftliche Grundlage des ganzen Vorhabens eine kritische Einordnung, denn die Annahme, dass mehr Abschüsse zu weniger Rissen führen, ist alles andere als gesichert.
Eine über 25 Jahre angelegte Untersuchung aus Idaho, Montana und Wyoming (Wielgus & Peebles, PLOS ONE 2014) kam zum Schluss, dass der letale Abschuss von Wölfen im Folgejahr eher mit mehr Rissen in einem grösseren Gebiet zusammenhängt. Der Mechanismus: Das Töten einzelner Tiere zerstört die soziale Rudelstruktur, was zu mehr Brutpaaren und damit zu mehr Übergriffen führen kann. Eine spätere methodenkritische Replikation (Poudyal, Baral & Asah 2016) relativierte zwar den Langzeiteffekt, fand aber dennoch: Für jeden im selben Jahr getöteten Wolf steigt die erwartete Zahl gerissener Schafe um 2,2 Prozent. Eine ältere Auswertung von 923 Fällen aus Minnesota (1979–1998) zeigte ebenfalls, dass das Fangen von Wölfen die Risse des Folgejahres nicht substanziell reduzierte.
Auch in der Schweiz ist die präventive Regulierung fachlich umstritten. Der Biologe und frühere BAFU-Vizedirektor Willy Geiger hält sie für wahrscheinlich nicht zielführend: Neue Lücken im Territorium reizten Wölfe zu noch stärkerer Vermehrung an und erleichterten zuwandernden Tieren das Einrücken. Selbst aus Reihen, die Abschüsse grundsätzlich befürworten, heisst es, die Regulation scheitere nicht an einem zu strengen Schutz, sondern an der Intelligenz der Tiere; die vollständige Zerschlagung eines Rudels misslinge oft an den erfahrenen Alttieren.
Die Praxis im Wallis illustriert dies eindrücklich: Rund 1’300 Hobby-Jäger absolvierten dort die Spezialausbildung und schwärmten von September bis Januar mit Nacht- und Wärmebildgeräten aus. Das Nanztalrudel lebte gleichwohl weiter; von neun erlegten Wölfen gehörten nur drei zum Rudel, und die Leitwölfin riss im März erneut ein Tier. Der Vergleich zeigt: Selbst bei massivem Einsatz bleibt der Effekt begrenzt.
Mehrere Studien zeigen übereinstimmend in dieselbe Richtung: Wirksamer Herdenschutz ist dem Abschuss vorzuziehen. Internationale Übersichtsarbeiten betonen zudem, dass der letale Wolfsabschuss mit Schutzrahmen wie der EU-Habitatrichtlinie kollidiert und selbst beim Abschuss einzelner Schadtiere auf starken öffentlichen Widerstand stösst. Dass eine Population auf Bejagung mit verstärkter Reproduktion reagieren kann, zeigt sich auch bei anderen Arten: In Bielefeld etwa kommen umso mehr Waschbären nach, je mehr getötet werden. Und im Wallis dokumentiert das Chablais-Rudel eine doppelte Reproduktion trotz Regulierungsdruck. Auch andere Kantone setzen zunehmend auf Hobby-Jäger zur Regulierung von Beutegreifern, wie das Beispiel Schwyz zeigt. Ein Pilotprojekt, das 88 Hobby-Jäger mit Wärmebildtechnik in die Nacht schickt, setzt damit auf ein Mittel, dessen Nutzen für den Schutz der Alpwirtschaft fraglich und dessen Schaden für ein geschütztes Wildtier absehbar ist.
Weitere Beiträge zum Thema finden sich in unseren Rubriken Wildtiere und Jagdgesetz.
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