Solar, PFAS und Wildtiere: Gift bis in Milch und Fleisch
In der ZIB2 vom 22. April 2026 erklärte der Nuklearforscher Georg Steinhauser (TU Wien), Solarenergie sei «deutlich gefährlicher» als Atomkraft, weil «jedes Jahr beliebig viele Menschen vom Dach fallen».

Die Aussage ging medial viral, und sie ist das perfekte Beispiel für eine Wahrheit, die so zugeschnitten wurde, dass sie wie ein Argument wirkt.
Wir haben die Behauptung geprüft und ziehen den Bogen dorthin, wo die Debatte gemäss unserer Kerntätigkeit hingehört: zum Schutz von Wildtieren, Lebensräumen und letztlich auch der Menschen, die am Ende derselben Nahrungskette stehen.
Die Absturz-Zahlen im Realitätscheck
Die Suva registrierte im Zeitraum 2013 bis 2022 durchschnittlich 183 anerkannte Berufsunfälle mit Absturz vom Dach bei Arbeiten an Solaranlagen pro Jahr. In Deutschland meldete die BG Bau für 2025 in zehn Monaten drei tödliche PV-bezogene Abstürze. Ernst zu nehmen, aber weit entfernt von Steinhausers rhetorischem «beliebig viele».
Tote pro Terawattstunde, die ehrliche Metrik
Die peer-reviewte Metrik von Our World in Data zeigt: Solar (0,02 Tote/TWh) ist minimal sicherer als Kernkraft (0,03 Tote/TWh). Steinhausers Vergleich funktioniert nur, wenn Arbeitsunfälle voll eingerechnet, langfristige Strahlenfolgen der Kernenergie aber ausgeklammert werden.
Regen wäscht Gift aus, das ist belegt
Die Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums belegt: Blei und das karzinogene Cadmium aus Solarmodulen werden durch Regen über mehrere Monate «fast vollständig» herausgelöst. Bis 2016 waren weltweit 11’000 Tonnen Blei und 800 Tonnen Cadmium in Modulen verbaut, täglich kommen drei Quadratkilometer Solarfläche hinzu. Da PV-Module von der EU-Schadstoffverordnung RoHS ausgenommen sind, darf Lötzinn weiterhin bis zu 36 Prozent Blei enthalten, obwohl bleifreie Alternativen «mit geringem Mehraufwand» möglich wären. Hagel, Mikrorisse, Brände und Alterung reichen, damit Regen in die Module eindringt und Gifte freisetzt.
PFAS, die Ewigkeitschemikalien der Energiewende
Neben Schwermetallen ist eine zweite Stoffgruppe in Solarmodulen verbaut: per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS). Die Umweltorganisation ChemSec prophezeit eine wachsende Zahl von Rechtsstreits wegen PFAS, die sich unter anderem in Solarmodulen finden. PFAS sind wegen ihrer extrem stabilen Kohlenstoff-Fluor-Bindung praktisch nicht abbaubar, reichern sich in Organismen an und stehen im Verdacht, Fortpflanzungsstörungen, Immunschäden und Krebs auszulösen. Die EU diskutiert derzeit ein umfassendes PFAS‑Verbot. Mehr als 10’000 Stoffe dieser Gruppe sind im Umlauf, auch in zentralen Technologien der Energiewende.
Wir haben das Thema am Beispiel Windkraft bereits in PFAS aus Windkraftanlagen bedrohen Wildtiere dokumentiert. Für Fotovoltaik gilt dieselbe Logik: Rückseitenfolien, Dichtungen und Beschichtungen enthalten fluorierte Polymere, die über Abrieb, Brand und Entsorgung freigesetzt werden. PFAS sind inzwischen im Blut praktisch der gesamten europäischen Bevölkerung nachweisbar, Kinder und Schwangere gelten als besonders verletzliche Gruppen.
Bioakkumulation, wenn Gift die Nahrungskette hochwandert
Hier wird die Debatte wildtierschutzrelevant. Der fachsprachliche Begriff für die Anreicherung toxischer Substanzen über die Nahrungskette lautet Bioakkumulation: Schadstoffe werden schneller aufgenommen, als sie abgebaut werden können. Eine Studie der Universität Ulm in «Science of the Total Environment» zeigt: Jedes Jahr sterben Millionen Wildtiere, meist Vögel, an Bleivergiftung, nicht nur durch Munition aus der Hobby-Jagd, sondern auch durch industrielle Einschwemmung von Blei, Cadmium, Quecksilber und weiteren Schwermetallen. Bei Flamingos wurden im Gefieder zehn Spurenelemente nachgewiesen, darunter genau jene, die auch in Solarmodulen stecken: Cadmium, Kupfer, Blei, Zinn und Zink. Das bayerische Landesamt für Umwelt bestätigt, dass bei Waldtierarten durch Bioakkumulation «höhere Schadstoffkonzentrationen im Organismus zu rechnen» sind.
PFAS im Wildschwein, das erste grosse Warnsignal
2024 entdeckte das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz so hohe PFAS-Werte in Wildschweinlebern, dass Verzehr, Verarbeitung und Vermarktung untersagt wurden. Wildschweine sind wegen ihrer bodenwühlenden Nahrungsaufnahme ein hervorragendes Messinstrument für grossflächige Umweltbelastungen. Was auf dem Teller der Hobby-Jäger nicht mehr landen darf, reichert sich zuvor unbemerkt im lebenden Tier an, und beides ist dieselbe Warnung: Das Gift ist bereits in der Nahrungskette.
PFAS in Schweizer Milch und Fleisch, die Endstation Mensch
Was wie ein fernes Problem klingt, ist in der Schweiz längst Realität. Der Kanton Appenzell Ausserrhoden führte zwischen Oktober 2025 und März 2026 eine freiwillige PFAS-Untersuchung in Milchbetrieben durch: In etwa jedem dritten kontrollierten Betrieb wurden erhöhte Werte gemessen, in mehreren Fällen wurden die EU-Richtwerte massiv überschritten. Im St. Galler Rheintal dürfen fünf Bauernbetriebe das Fleisch ihrer Tiere nicht mehr verkaufen, weil die Böden mit giftigen Chemikalien verseucht sind. Im Kanton Glarus wies eine Auswertung der ZHAW und der ETH Zürich im Auftrag des Bafu PFAS in über 99 Prozent aller Bodenproben nach. Auch der Thurgau hat ein Drei-Jahres-Projekt zur systematischen Milchuntersuchung lanciert.
Schweizweit untersuchten die Kantonschemikerinnen und Kantonschemiker Ende 2025 rund 900 Fleisch-, Fisch- und Eierproben. Weniger als ein Prozent lagen über dem gesetzlichen Höchstwert, bei den zusätzlich analysierten Milchproben waren es rund zwei Prozent über dem unverbindlichen Richtwert. Noch kein flächendeckendes Bild, aber klare Hotspots.
Hauptursache in der Ostschweiz ist nicht die heutige Energiewende, sondern PFAS-haltiger Klärschlamm, der bis zum Verbot 2006 über Jahre als Dünger auf Landwirtschaftsflächen ausgebracht werden durfte, dazu Feuerlöschschaum aus Übungsplätzen. Und genau das ist die Lehre: Ein vor zwanzig Jahren verbotener Eintragsweg produziert heute Verkaufsverbote für Schweizer Bauernhöfe. Was Rückseitenfolien, Dichtungen und Beschichtungen der heutigen Solar- und Windkraftindustrie in den kommenden Jahrzehnten in Böden und Gewässern hinterlassen, folgt derselben Logik, nur mit neuer Quelle.
Besonders aufschlussreich ist die politische Reaktion: Die Kantone St. Gallen, Thurgau und beide Appenzell lehnen eine geplante Bundes-Weisung zu strengeren PFAS-Kontrollen in Lebensmitteln ab. Die Ausserrhoder Regierung warnt, ein Verkaufsverbot würde Landwirtschaftsbetriebe sehr rasch in eine finanzielle Notlage bringen und ihre Existenzgrundlage gefährden. Die Rechnung zahlen am Ende die Konsumentinnen und Konsumenten, die Wildtiere in Böden und Gewässern, und jene Hobby-Jäger, deren Wildbret in immer mehr Regionen auf Schadstoffe gesondert untersucht werden muss.
Der Fall Schertenleib und der Vorstoss Nicolet
Der Westschweizer Züchter Marc Schertenleib baute 2021 einen neuen Stall mit Dach-Photovoltaikanlage und verlor in der Folge über 300 Rinder an mysteriösen Krankheiten – ein Schaden von mehr als drei Millionen Franken. Nachdem er seine Tiere in den alten Stall ohne PV zurückverlegte, traten die Probleme nicht mehr auf. Schertenleib vermutet Streustrom als Ursache und hat die Stiftung Henny gegründet, um andere betroffene Betriebe zu unterstützen. SVP-Nationalrat Jacques Nicolet (VD) reichte daraufhin einen parlamentarischen Vorstoss ein und fordert ein befristetes Moratorium für Solarpanels auf Ställen, bis die Ursachen geklärt sind.
Der Fall ist kein Einzelfall: Agripedia.ch dokumentiert einen weiteren Brown-Swiss-Betrieb, bei dem nach Stallneubau mit PV-Dach die Herdengesundheit massiv einbrach – Fachleute führten dies auf Lecks in der Photovoltaikanlage durch unzureichende Erdung zurück. Laut ESTI reicht bei Rindern bereits eine Differenzwechselspannung ab 1 Volt, um Verhalten, Milchleistung und Tiergesundheit zu beeinträchtigen.
Der Kreis schliesst sich bei der Entsorgung
Wie wir in «Solarmodul-Abfall: Das Entsorgungsproblem» dokumentiert haben, erzeugen Solarmodule pro Energieeinheit rund 300-mal mehr Giftmüll als Kernkraftwerke. Die Stuttgart-Studie warnt explizit: «Gefahren und Gefährdungen durch Giftstoffe in Photovoltaikmodulen erscheinen besonders gross in Ländern, in denen es keine geordneten Abfallentsorgungssysteme gibt.» Gleichzeitig fordert die IG Wild beim Wild: Wälder und Waldränder sind «ohne Wenn und Aber» von Solar- und Windkraftanlagen freizuhalten, um Wanderungen und genetischen Austausch der Wildtiere nicht zu behindern.
Parallelen zur Windkraft
Wie in «Die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf Wildtiere und die Debatte um saubere Energie» dargestellt, gilt: «Sauber» heisst nicht automatisch «naturverträglich». Beide Technologien haben Giftstoffprobleme (PFAS, Schwermetalle), Flächenkonflikte und Bioakkumulationsrisiken, und in beiden Fällen lenken inszenierte Pro-/Contra-Debatten von den Wildtieren, den Böden und den Menschen ab, die am Ende der Nahrungskette stehen.
Was politisch folgen muss
Dach-PV verbindlich vor Freiflächen-PV und alpinen Grossanlagen priorisieren. Wald, Waldränder und Wildtierkorridore absolut freihalten. Aufnahme von PV-Modulen in die EU-RoHS-Richtlinie, bleifreies Lötzinn als Standard. PFAS-Verbot ohne Ausnahmen für die Energiewende-Industrie. Verpflichtendes PFAS- und Schwermetall-Monitoring bei Wildschweinen, Greifvögeln, Bodenorganismen, Grundwasser und Trinkwasserfassungen im Umkreis aller Solar- und Windkraftanlagen. Rücknahme- und Recyclingpflicht mit echten Sammelquoten statt Exportlücken. Und nicht zuletzt: Die Klärschlamm-Altlast der Ostschweiz als historische Warnung ernst nehmen. Jede Lieferkette der heutigen Energiewende muss darauf geprüft werden, ob sie das Ostschweiz-Szenario der 2050er-Jahre vorbereitet.
Steinhausers rhetorische Zuspitzung lenkt ab, aber die Giftstoffproblematik der Solarindustrie ist real und muss mit voller Schärfe benannt werden. Blei, Cadmium und PFAS wandern nicht einfach in Deponien, sie wandern in Böden, Gewässer und über die Nahrungskette in Flamingos, Greifvögel, Wildschweine, in Kuhmilch, Rindfleisch und damit in die Körper unserer letzten wildlebenden Nachbarn und unsere eigenen. Die PFAS-belasteten Milchbetriebe im Appenzell und die Verkaufsverbote im St. Galler Rheintal zeigen, dass der Schritt vom Wildtier zum Menschen nicht theoretisch ist, sondern messbar. Die ehrliche Energiedebatte wird nicht zwischen Reaktorkernen und Dachmonteuren entschieden, sondern an der Frage, wie viel vergiftetes Gewebe wir Wildtieren und uns selbst zumuten, und wie entschlossen wir Lieferketten, Entsorgung und Standortwahl regulieren.
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