24. April 2026, 16:18

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Umwelt & Naturschutz

Windkraft gegen Wildtiere: Europa bremst den Ausbau

Von Frankreich über Deutschland bis in die Schweiz mehren sich die Zeichen: Die politische und juristische Rückendeckung für den ungebremsten Windkraftausbau bröckelt. Gerichte verurteilen Betreiber wegen Artenschutzverstössen, Regierungen korrigieren ihre Ausbauziele nach unten, und selbst grosse Investoren geraten in existenzielle Finanzkrisen. Sieben aktuelle Entwicklungen im Überblick.

Redaktion Wild beim Wild — 28. März 2026

Im April 2025 ordnete ein französisches Gericht eine mehrmonatige Stilllegung während Brut- und Zugzeit des Windparks Bernagues im Département Hérault an, nachdem der Tod eines Steinadlers durch Kollision mit einer Turbine bestätigt worden war.

Der Betreiber Energie Renouvelable du Languedoc (ERL) wurde zu einer Geldstrafe von 200’000 Euro verurteilt. Nur zwei Tage zuvor war auch der nahegelegene Windpark in Aumelas zur Betriebseinstellung verurteilt worden, verbunden mit einer Busse von 5 Millionen Euro gegen EDF Renewables.

Diese Urteile reihen sich ein in die Entscheidung des Berufungsgerichts von Nîmes vom Dezember 2023, das den vollständigen Abriss des Windparks Bernagues mit sieben Turbinen anordnete, weil die Baugenehmigung trotz unzureichender Umweltprüfung erteilt worden war. Der Windpark befand sich in einer von der UNESCO geschützten Kulturlandschaft. Eine in Ecological Applications publizierte Studie zeigt zudem, dass die jährliche Sterblichkeitsrate von Steinadlern durch Windkraftanlagen bereits den Schwellenwert überschreitet, ab dem sich die Populationen nicht mehr erholen können.

In der Schweiz ist das Problem ebenfalls dokumentiert: Im Berner Jura verendete 2022 ein Steinadler an einer Windturbine, was die gesamte Jura-Population gefährdet.

Die wahren Kosten: UNO-Bericht dämpft die Euphorie

Ein Bericht der Vereinten Nationen zu den Gesamtkosten der Windenergie rückt die gängigen Berechnungen in ein anderes Licht. Werden nicht nur die Gestehungskosten an der Turbine betrachtet, sondern die tatsächlichen Systemkosten bis zur Steckdose einbezogen, darunter Netzausbau, Speicherinfrastruktur, Redispatch und Backup-Kapazitäten, fällt die Bilanz deutlich ungünstiger aus. In Deutschland beliefen sich allein die Kosten für das Netzengpassmanagement 2025 auf rund 2,7 Milliarden Euro.

In der Schweiz produzieren rund 40 Grossanlagen lediglich 140 GWh Windstrom, was 0,3 Prozent des Strombedarfs entspricht. Windkarten belegen, dass die Schweiz zu den windschwächsten Gebieten Europas gehört. Ohne Wind produzieren Turbinen nichts, egal wie viele es sind.

BayWa r.e.: Wenn die Profitjagd in der Krise endet

Der Fall BayWa r.e. illustriert die strukturellen Probleme der Windkraftbranche exemplarisch. Die Energietochter des Münchner Agrar- und Baustoffhändlers BayWa verzeichnete 2024 einen operativen Verlust von 732 Millionen Euro. Der Gesamtkonzern schloss mit einem Minus von 1,6 Milliarden Euro ab. Im Sanierungsplan klafft ein Loch von 2,7 Milliarden Euro.

Das Geschäftsmodell, Solar- und Windparks mit Fremdkapital zu entwickeln und weiterzuverkaufen, funktionierte in der Niedrigzinsphase. Steigende Zinsen, sinkende Strompreise und der Stopp der US-Fördermittel durch die Trump-Administration brachten das Kartenhaus zum Einsturz. Im März 2026 musste BayWa r.e. ihre Ergebnisprognose erneut deutlich senken. Der Fall zeigt: Die vermeintlich grüne Energiewende ist in vielen Fällen eine Profitjagd auf Kosten der Allgemeinheit und der Natur.

Windkraft an Land: Ein stilles Massaker an der Biodiversität

Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse belegen die verheerenden Auswirkungen der Windkraft auf die Biodiversität. Laut einer Studie in Nature Reviews Biodiversity werden allein in Ländern mit hoher Windkraftdichte jährlich rund eine Million Fledermäuse durch die Anlagen getötet. Die Deutsche Wildtier Stiftung beziffert die jährlichen Verluste in Deutschland auf bis zu 250’000 Fledermäuse und 12’000 Greifvögel.

Fledermäuse sterben dabei nicht nur durch direkte Kollision, sondern auch durch Barotrauma: Der Druckunterschied an den Rotorblättern lässt ihre Lungen platzen. Laut NABU kommen vor allem Grosser Abendsegler, Rauhautfledermaus und Zwergfledermaus an Windrädern zu Tode. Da Fledermäuse nur ein bis zwei Junge pro Jahr bekommen, können solche Verluste lokal bestandsgefährdend sein.

In der Schweiz fand ein Experte der Vogelwarte an nur zwei Tagen im Juni 2022 ganze 86 erschlagene Vögel im Windpark Gotthard. Eine polnische Studie belegte zudem, dass ein grosser Windpark bei Rehen höhere Stressbelastung erzeugt als die dauerhafte Anwesenheit von Wölfen.

Frankreich verkündet das Ende des Windkraft-Ausbaus auf dem Land

Mit der im Februar 2026 vorgelegten PPE3 (Programmation Pluriannuelle de l’Électricité) hat Frankreich einen energiepolitischen Richtungswechsel eingeleitet. Die Ausbauziele für Onshore-Windkraft wurden auf 35 bis 40 GW bis 2035 korrigiert. Der Schwerpunkt liegt neu auf der Erneuerung bestehender Anlagen statt auf dem Neubau in Gebieten mit starkem Widerstand. Auch die Offshore-Ziele wurden von 18 auf 15 GW reduziert.

Bereits im März 2024 hatte der französische Staatsrat in einer historischen Entscheidung sämtliche Genehmigungserlasse für Onshore-Windparks für rechtswidrig erklärt, weil zuvor keine Umweltprüfung durchgeführt worden war. Frankreich setzt stattdessen auf den Bau von 14 neuen Kernkraftwerken bis 2050. Stand 2025 stehen in Frankreich rund 9’000 Windkraftanlagen.

Berlin tritt bei der Windkraft auf die Bremse

Auch in Deutschland zeichnet sich eine Verlangsamung ab, wenn auch aus anderen Gründen. Trotz eines Genehmigungsrekords von über 3’300 neuen Windkraftanlagen im Jahr 2025 mit einer Leistung von 20’765 MW hinkt der tatsächliche Zubau den gesetzlichen Zielen hinterher. Das EEG-Ziel von 84 GW bis Ende 2026 wird mit aktuell rund 65 GW installierter Leistung voraussichtlich deutlich verfehlt.

Die Wende hat auch geopolitische Ursachen: US-Präsident Trump strich im Juli 2025 sämtliche Steuervorteile für erneuerbare Energien, was internationale Projektentwickler hart traf. Die neue politische Konstellation in Berlin dürfte den unbedingten Vorrang der Windkraft vor dem Artenschutz nicht mehr so konsequent durchsetzen wie unter der Vorgängerregierung.

Flumserberg: Zu wenig Wind für die Schweizer Alpen

In der Schweiz bestätigte im Februar 2026 der Energiekonzern Axpo das Aus für das Windkraftprojekt am Flumserberg. Nach über einem Jahr intensiver Messungen stand fest: Das Windpotenzial liegt unter der Schwelle für einen wirtschaftlich tragbaren Betrieb. Die geplanten sechs Grosswindturbinen mit einer Höhe von bis zu 210 Metern hätten eine massive Veränderung des Landschaftsbildes in der alpinen Hochgebirgslandschaft und negative Auswirkungen auf die Tourismuswirtschaft mit sich gebracht.

Die IG Sardona Gegenwind und Freie Landschaft Schweiz begrüssten den Entscheid und forderten den sofortigen Abbruch eines weiteren Projekts in St. Margrethenberg. Der Fall Flumserberg zeigt exemplarisch, was IG Wild beim Wild seit Langem kritisiert: Windkarten belegen, dass die Schweiz ein Gebiet mit den schwächsten Winden in ganz Europa ist. Die Energiestrategie des Bundes baut auf einem Ausbau, der an vielen Standorten schlicht nicht realisierbar ist.

Wildtierschutz statt Windkraft-Ideologie

Die sieben Entwicklungen zeigen ein klares Bild: Die politische und ökonomische Grundlage für den ungezügelten Windkraft-Ausbau an Land erodiert. Gerichte erkennen zunehmend an, dass der Schutz der Biodiversität nicht hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstehen darf. Die Schweiz, beim Artenschutz ohnehin das Schlusslicht Europas, kann es sich nicht leisten, die letzten Rückzugsgebiete von Steinadler, Fledermäusen und Greifvögeln für Windturbinen zu opfern, die an den meisten Standorten wirtschaftlich nicht tragbar sind.

Wälder und Waldränder sind unverzichtbare Lebensräume für Wildtiere in unserer bereits intensiv genutzten Kulturlandschaft. Sie sind aus Gründen des Arten- und Naturschutzes von Windenergieanlagen ohne Wenn und Aber freizuhalten. Alternativen wie Kernenergie der neuen Generation und der Ausbau von Fotovoltaik auf Dächern und versiegelten Flächen bieten Lösungen, die den Strom liefern, ohne Wildtiere zu töten.

Weiterführende Artikel auf wildbeimwild.com

Quellen

  • Berufungsgericht Nîmes, Urteil vom Dezember 2023 zum Abriss Windpark Bernagues
  • Tribunal Correctionnel, Urteil April 2025 zur Stilllegung Windpark Bernagues (Steinadler-Kollision)
  • EDF Renewables, Busse von 5 Mio. Euro, Windpark Aumelas, April 2025
  • Katzner et al., «Impacts of onshore wind energy generation on biodiversity», Nature Reviews Biodiversity
  • Voigt, C.C., «Wind turbines without curtailment produce large numbers of bat fatalities», Leibniz-IZW Berlin
  • Deutsche Wildtier Stiftung: Studie Vogelschutzgebiete und Windkraftanlagen
  • NABU: Fledermäuse und Windräder, Kollisionsgefährdung
  • PPE3 (Programmation Pluriannuelle de l’Électricité), Frankreich, Februar 2026
  • Staatsrat Frankreich, Urteil 8. März 2024 zur Nichtigerklärung der Windkraftgenehmigungen
  • BayWa AG, Geschäftsbericht 2024: Verlust von 1,6 Mrd. Euro
  • BayWa r.e., Ergebnisprognose-Senkung, pv magazine, 11. März 2026
  • Axpo, Medienmitteilung 18. Februar 2026: Windpark Flumserberg gestoppt
  • Bundesamt für Energie (BFE), Windenergie Schweiz
  • Bundesnetzagentur, Netzengpassmanagement 2025

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