Hubert Aiwanger im Faktencheck: Was falsch, unbelegt oder überzeichnet war
Wolfszahlen aus einer Verbandsschätzung, pauschale Wachstumsangaben und Warnungen vor dem Ende der Weidetierhaltung: Was amtliche Daten und Gerichte tatsächlich zeigen.
Foto: Kenny Goossen / Unsplash
Jägerlatein
Hubert Aiwanger, Bayerns Wirtschaftsminister, seit 2023 zuständiger Minister für die Jagd und selbst Hobby-Jäger, ist am 4. November 2026 gestorben (Wild beim Wild berichtete). Seine Aussagen zu Wolf, Fischotter und Ernährung bleiben öffentlich und prägen die Debatte weiter. Wild beim Wild hat sie mit amtlichen Daten, Gerichtsentscheiden und unabhängigen Prüfungen abgeglichen. Bei mehreren zentralen Punkten halten sie einer Prüfung nicht stand.
Behauptung 1: «Deutschland hat mit rund 2000 Wölfen die höchste Wolfsdichte»
Im Juli 2024 sagte Aiwanger nach einer Kabinettssitzung in München: «Deutschland hat mit rund 2000 Wölfen die höchste Wolfsdichte, und jetzt halten Sie sich fest, weltweit die meisten Wölfe pro Quadratkilometer gibt es im dicht besiedelten Deutschland» (dpa).
Auf Nachfrage räumte sein eigenes Ministerium ein, die Zahl beruhe auf einer Schätzung des Deutschen Bauernverbands, also einer Interessenvertretung. Die zuständige Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) nennt keine Gesamtzahl der Tiere, sondern bestätigte Territorien. Der Wolfsexperte des Bund Naturschutz, Uwe Friedel, kritisierte, Aiwangers Zahlen wichen «um mehr als das Doppelte» von den Monitoringzahlen des Bundes ab. Er räumte ein, dass die Wolfsdichte in Deutschland weltweit im Spitzenbereich liege, betonte aber, sie hänge vom Futterangebot ab und nicht von der Besiedlung.
Bewertung: nicht belegt. Die Zahl stammt aus einer Schätzung des Bauernverbands, nicht aus dem amtlichen Monitoring. Einen belastbaren internationalen Vergleich, der den behaupteten weltweiten Spitzenplatz belegt, legte er nicht vor.
Behauptung 2: Der Wolfsbestand wächst um rund 30 Prozent pro Jahr
Mit dieser Wachstumsrate begründete Aiwanger im selben Auftritt, warum der Wolf sofort bejagt werden müsse. Die amtlichen Zahlen der DBBW zeigen in der heute vorliegenden Zeitreihe, dass die Zunahme schon in den Jahren vor seiner Aussage deutlich unter 30 Prozent lag. Bestätigte Wolfsterritorien in Deutschland:
- 2019/20: 189
- 2020/21: 220 (plus 16 Prozent)
- 2021/22: 244 (plus 11 Prozent)
- 2022/23: 268 (plus 10 Prozent)
- 2023/24: 289 (plus 8 Prozent)
- 2024/25: 287 (minus 1 Prozent)
Territorien sind nicht dasselbe wie die Zahl der einzelnen Wölfe, ein Rudelterritorium steht für mehrere Tiere. Als zusätzlicher Anhaltspunkt, nicht als Bestandszählung: Die Zahl der nachgewiesenen Welpen schwankt stark und zeigt ebenfalls keine gleichbleibende Zunahme um 30 Prozent: 444 (2019/20), 576, 555, 645, 788 und 787 (2024/25). Die Wachstumsrate der Territorien nahm schon vor Aiwangers Aussage Jahr für Jahr ab.
Bewertung: durch das amtliche Monitoring nicht gedeckt. Eine dauerhafte jährliche Zunahme um rund 30 Prozent lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Zuletzt stagnierte die Zahl der bestätigten Territorien, was allerdings nicht automatisch einen Stillstand der gesamten Individuenzahl bedeutet (Wild beim Wild berichtete).
Behauptung 3: «Sonst ist die Freilandtierhaltung inklusive der Pferde tot»
2025 sagte Aiwanger in einem Interview: «Wir können nicht warten, bis jede bayerische Gemeinde ihr eigenes Wolfsrudel hat, sonst ist die Freilandtierhaltung inklusive der Pferde auf der Weide tot» (Wild beim Wild berichtete).
Bayern zählte im Monitoringjahr 2024/25 laut DBBW 13 Wolfsterritorien, davon 6 Rudel. Laut der bundesweiten Schadensstatistik waren 2024 rund 91 Prozent der von Wölfen getöteten Nutztiere Schafe und Ziegen, 4,6 Prozent Rinder (meist Kälber) und 3,7 Prozent Gehegewild. Für alle übrigen Tierarten, Pferde eingeschlossen, bleiben zusammen rund 0,6 Prozent. Die DBBW hält fest, dass einzelne Wölfe lernen können, auch ausgewachsene Rinder oder Pferde zu töten, und dass Schäden meist innert ein bis zwei Jahren sinken, sobald Tierhalter ihre Herden schützen.
Bewertung: überzeichnet. Das Ende der Freilandtierhaltung ist durch die Daten nicht gedeckt. Pferde machen bundesweit nur einen sehr kleinen Teil der getöteten Nutztiere aus, und entscheidend für die Schäden ist der Herdenschutz, nicht allein die Zahl der Wölfe.
Behauptung 4: Ohne Fleisch fällt der Bauarbeiter vom Gerüst
Im Juli 2020 behauptete Aiwanger gegenüber der «Bild», ein Bauarbeiter falle am dritten Tag vom Gerüst, wenn er nur einmal die Woche Fleisch bekäme. Die Verbraucherzentrale hält fest: Gesunde Ernährung ist auch ohne Fleisch möglich. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen heute, höchstens 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche zu essen. Der vegan lebende Kraftsportler Patrik Baboumian, einst «stärkster Mann Deutschlands», forderte Aiwanger damals zum Armdrücken heraus (Wild beim Wild berichtete).
Die Empfehlungen setzen also eine Obergrenze, kein Minimum. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation stuft seit 2015 den Verzehr von verarbeitetem Fleisch als krebserregend für den Menschen ein, den von rotem Fleisch als wahrscheinlich krebserregend. Als verarbeitet gilt Fleisch unter anderem nach Pökeln, Fermentieren oder Räuchern, entsprechend hergestellte Rehsalami oder Hirschsalsiz eingeschlossen (Wild beim Wild berichtete).
Von dieser Linie wich er auch später nicht ab. Im Juni 2023, als Medien berichteten, die DGE wolle künftig nur noch rund 10 Gramm Fleisch pro Tag empfehlen, schrieb Aiwanger auf X: «Esst Fleisch, Butter und trinkt Milch und sorgt dafür, dass die heimische Landwirtschaft mit Tierhaltung Zukunft hat! Almwiesen werden nicht von Grünen und Wölfen gepflegt und erhalten, sondern von Kühen und Bergbauern! #GesunderMenschenverstand statt Mangelernährung!» DGE-Präsident Bernhard Watzl wies die Berichte über eine 10-Gramm-Empfehlung als «Falschmeldungen und Missverständnis» zurück, die DGE fordere weder Fleischverzicht noch eine drastische Einschränkung (top agrar). Die 2024 veröffentlichten Empfehlungen nennen die erwähnte Obergrenze von 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche.
Bewertung: falsch. Fleisch ist keine Voraussetzung für eine bedarfsdeckende Ernährung, auch nicht bei körperlich schwerer Arbeit. Die Ernährungsempfehlungen begrenzen den Fleischkonsum nach oben, statt ein Minimum vorzuschreiben.
Wildbret: Natürlich heisst nicht schadstofffrei
Aiwanger pries die Hobby-Jagd als «natürlichste Form der Nahrungsmittelgewinnung». Beim Wildbret kommen jedoch Belastungen hinzu, die Behörden ausdrücklich benennen. Bei mit Bleimunition erlegtem Wild können Bleipartikel ins Fleisch gelangen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät Kindern, Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch, möglichst kein mit Bleimunition erlegtes Wild zu essen, und sieht ein erhöhtes Risiko «insbesondere in Jägerhaushalten». Wer nur gelegentlich kleine Mengen Wild isst, für den bewertet das BfR das zusätzliche Bleirisiko als vernachlässigbar. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, eine Behörde in Aiwangers eigenem Freistaat, fand 2012 in einzelnen Keulenstücken von Rehen und Wildschweinen, die mit Bleimunition erlegt worden waren, bis zu 73 Milligramm Blei pro Kilogramm. Das ist ein Spitzenwert, kein Durchschnitt, er zeigt aber, dass Geschosssplitter weit ins Muskelfleisch gelangen können. In der Schweiz rät das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen denselben Gruppen, möglichst kein Wildfleisch zu essen.
Dazu kommen PFAS, die sogenannten Ewigkeitschemikalien. Nach einer im Oktober 2026 veröffentlichten Auswertung des BUND, die auf amtlichen Messdaten der Bundesländer beruht, überschritten alle 114 untersuchten Wildschweinlebern die gesetzlichen PFAS-Höchstgehalte, darunter Proben aus Bayern. Auch bei über zwölf Prozent der 152 untersuchten Fleischproben lagen die Werte darüber (Wild beim Wild berichtete). Die Zahlen gelten für diese Proben und sind keine Quote für sämtliches Wildschweinfleisch in Deutschland. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat berechnet, dass bei mittleren PFAS-Gehalten schon der Verzehr einer einzigen Portion Wildschweinleber von 125 Gramm pro Jahr zu einer langfristigen Überschreitung der tolerierbaren wöchentlichen Aufnahmemenge führt. Als Beispiel für Gruppen, die Wild häufiger essen, nennt es Jägerhaushalte. Ausgerechnet die Haushalte der Hobby-Jäger können nach beiden Bewertungen des BfR, zu Blei wie zu PFAS, wegen ihres häufigeren Wildverzehrs stärker betroffen sein.
Behauptung 5: Der Fischotter ist in Bayern «längst nicht mehr gefährdet»
Am 17. März 2026 setzte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die jagdrechtlichen Regeln zur Fischotter-Tötung vorläufig ausser Vollzug (Az. 19 NE 25.1557). In der anschliessenden Mitteilung seines Ministeriums hiess es, der Fischotter sei in Bayern «längst nicht mehr gefährdet». Aiwanger selbst nannte die Klage von Deutscher Umwelthilfe und Bund Naturschutz eine «Verhinderungstaktik», das Gleichgewicht an den Teichen werde «einer überzogenen Artenschutz-Ideologie geopfert».
Der Beschluss, auf den die Mitteilung reagierte, hält das Gegenteil fest: Der Fischotter befinde sich in der betroffenen biogeografischen Region «(unstreitig) in einem ungünstigen Erhaltungszustand» (Rn. 86). Bestritten hatte das im Verfahren also nicht einmal der Freistaat. Schon im Juli 2025 hatte der Verwaltungsgerichtshof in einem Eilverfahren der Naturschutzinitiative entschieden, die vorgelegten Daten reichten nicht aus, um die Unschädlichkeit der Entnahmen festzustellen (Az. 14 CS 25.760). Mit Urteil vom 12. August 2026 erklärte das Verwaltungsgericht Regensburg die Allgemeinverfügung der Regierung der Oberpfalz zum Fischotterabschuss für rechtswidrig und hob sie auf (Naturschutzinitiative). Mehr zum Verlauf im Beitrag zum Stopp der Fischotter-Jagd.
Bewertung: irreführend. Das Gericht stellte einen ungünstigen Erhaltungszustand fest, unbestritten von allen Beteiligten. Die Entwarnung des Ministeriums wird von den Gerichtsentscheiden nicht getragen, und der Nachweis, dass Abschüsse dem Bestand nicht schaden, gelang nicht.
Behauptung 6: 25 Quadratkilometer Wald für das ganze CO2
Das Muster zeigt sich auch ausserhalb der Jagd. In der Sendung «Münchner Runde» vom Oktober 2019 behauptete Aiwanger, 25 Quadratkilometer zusätzlicher Wald könnten den jährlichen CO2-Ausstoss Deutschlands aufnehmen. Der dpa-Faktencheck vom März 2024 kam mit Angaben des Thünen-Instituts zu einem anderen Ergebnis: Diese Fläche könnte lediglich rund 6’000 Tonnen CO2 pro Jahr aufnehmen. Nötig wären mehr als 64 Millionen Hektar zusätzlicher Wald, bei bewirtschaftetem Wald über 300 Millionen Hektar.
Bewertung: falsch, um mehrere Grössenordnungen.
Behauptung 7: «Die Raubwildbesätze explodieren»
Im Februar 2024 begründete Aiwanger im Interview mit «PIRSCH», warum Nachtsichttechnik künftig auch bei der Jagd auf Raubwild erlaubt sein solle: «Die Raubwildbesätze explodieren und die Fangjagd wird immer schwieriger. Wir täten also gut daran, Raubwild mit der Technik reduzieren zu können.» Welche Arten in welchem Zeitraum und in welchen Gebieten derart zugenommen hätten, sagte er nicht, eine Bestandsreihe oder Monitoringquelle nannte er nicht. Im Mai 2024 gab sein Ministerium die Nachtsichttechnik ab dem 17. Mai bayernweit auch für die Jagd auf Raubwild wie den Fuchs frei (Mitteilung des Ministeriums).
In der Mitteilung begründete Aiwanger den Schritt damit, die Tiere richteten in der Landwirtschaft und bei Bodenbrütern grossen Schaden an «oder verbreiten sogar Tierseuchen». Welche Seuche mehr Abschüsse zurückdrängen sollen, erklärte er nicht. Beim Fuchsbandwurm spricht die Forschung dagegen: In einer vierjährigen Untersuchung im Raum Nancy senkte intensivierte Fuchsjagd den Bestand nicht, der Anteil befallener Füchse stieg aber von 40 auf 55 Prozent (Wild beim Wild berichtete). Auch eine gestiegene Jagdstrecke wäre kein Beleg für explodierende Bestände, denn die Streckenliste zählt getötete Tiere, nicht lebende.
Bewertung: unbelegt. Eine pauschale Aussage über «Raubwild» ersetzt keine Bestandsdaten nach Arten. Trotzdem begründete sie eine bayernweite Ausweitung der Nachtjagd.
Die Jagdstrecken während seiner Amtszeit
Seit November 2023 war Aiwangers Wirtschaftsministerium die oberste Jagdbehörde Bayerns. Die amtlichen Jahresjagdstrecken seines Ministeriums zeigen die gemeldeten Abschüsse und Fallwildfunde. Im Jagdjahr 2023/24, in dessen Verlauf die Zuständigkeit an sein Ministerium wechselte, verzeichnet die Streckenliste 890’898 Wildtiere, im Jagdjahr 2024/25, dem ersten vollen Jahr unter seiner Zuständigkeit, 863’679. Zusammen sind das 1’754’577 nichtmenschliche Tiere in zwei Jahren. Die Zahlen dokumentieren die amtlich erfasste Jagdstrecke in der Zeit, in der er die oberste Jagdbehörde führte, nicht die Wirkung einzelner Entscheidungen.
In diesen Zahlen ist auch Fallwild enthalten, also Tiere, die etwa im Strassenverkehr starben. Beim Schalenwild weist die Liste es gesondert aus: 2024/25 waren es 53’735 Tiere, die meisten davon Rehe. Den grössten Teil der Strecke machten 2024/25 aus:
- Rehe: 354’699, davon 52’815 Fallwild
- Füchse: 122’905
- Wildschweine: 69’116
- Rabenkrähen: 64’057
- Feldhasen: 53’288
- Wildenten: 51’989
Dazu kommen unter anderem 26’017 Dachse, 20’672 Wildgänse, 16’634 Elstern, 14’752 Rothirsche, 14’747 Steinmarder und 580 Rebhühner, eine Art, die in Bayern auf der Roten Liste steht. Die Liste 2024/25 ist laut Fussnote vorläufig, Nachmeldungen sind möglich. Die Liste für 2025/26 ist noch nicht veröffentlicht. Wild beim Wild ergänzt die Zahlen, sobald sie vorliegen.
Wertungen und Widersprüche
Neben überprüfbaren Zahlen arbeitete Aiwanger mit Wertungen, die sich nicht als richtig oder falsch messen lassen, aber Widersprüche offenlegen. An der Jagdmesse in Grünau 2019 nannte er die Hobby-Jagd «die natürlichste Form der Nahrungsmittelgewinnung», meinte, es wäre «sogar eine Sünde», Rehen zuzusehen, wie sie nur natürlich sterben, und setzte das Erlegen eines Rehs mit dem Ernten eines Apfels gleich (Wild beim Wild berichtete). Gleichzeitig wollte er ausgerechnet den Beutegreifer ins Jagdrecht holen und schiessen lassen, der Rehe auf natürliche Weise jagt: den Wolf.
Naturschutzorganisationen nannte er «Ideologen», die Hobby-Jäger die «wahren Artenschützer». Das ist eine Selbstzuschreibung, kein Befund. Wo seine Politik konkret am Artenschutzrecht gemessen wurde, beim Fischotter, hielt sie vor Gericht nicht. Auch die bayerische Wolfsverordnung, die Abschüsse ohne nachgewiesenen Riss erleichtern sollte, erklärte der Verwaltungsgerichtshof im Juli 2024 für nichtig, damals wegen eines Formfehlers.
Wie Aiwanger seine Rolle verstand, sagte er im Februar 2024 im Interview mit dem Jagdmagazin «PIRSCH» am Beispiel des Fischotters selbst: «Das Umweltministerium muss das Thema artenschutzrechtlich bewerten, das Wirtschaftsministerium vertritt die Jäger, die für die Entnahme verantwortlich sind.» Der Minister, dessen Haus als oberste Jagdbehörde über den Vollzug des Jagdrechts wachte, sah sich damit ausdrücklich als Vertreter der Hobby-Jäger. Er war es auch formal: Laut seinem Profil beim Bayerischen Landtag sass er im Vorstand der Kreisgruppe Rottenburg des Bayerischen Jagdverbands und im Landesausschuss des Verbands, beides ehrenamtlich. Der Minister, der die Hobby-Jagd beaufsichtigen sollte, war damit zugleich Funktionär ihres grössten Verbands in Bayern.
Im selben Gespräch warnte er beim Rehwild vor längeren Jagdzeiten, denn das Ergebnis sei «immer mehr Stress fürs Wild», und forderte, künftig so zu jagen, «dass wir Stress und nicht nur die Zahl reduzieren». Wenige Antworten später sagte er: «Den Dachs würde ich länger bejagen lassen wollen.» Und: «Jungdachse sollte man ganzjährig bejagen dürfen.» Warum er beim Rehwild die Verringerung des Jagdstresses hervorhob, beim Dachs und sogar bei dessen Jungen aber längere Jagdzeiten verlangte, erläuterte er im Interview nicht.
Ende Oktober 2026 empfahl Aiwanger nach einer Kabinettssitzung laut «Allgäuer Zeitung»: «Wer einen Holzofen hat, soll sich genügend Brennholz zurücklegen für den kommenden Winter. Und wer noch keinen Holzofen hat, soll sich einen kaufen.» Holz sei zu wertvoll, um es in den Wäldern «verfaulen zu lassen». Das Umweltbundesamt empfiehlt dagegen, Holz zum Heizen von Gebäuden allenfalls in gut begründeten Ausnahmefällen einzusetzen, in denen es tatsächlich keine Alternative gibt. Und was Aiwanger als verfaulendes Holz abtat, ist Lebensraum: Mindestens 20 Prozent der Waldarten hängen von Alt- und Totholz ab, vom Siebenschläfer über Höhlenbrüter bis zu unzähligen Insekten und Pilzen. Die auf Totholz angewiesenen Arten gehören zu den am stärksten gefährdeten Organismen Mitteleuropas (waldwissen.net).
Ähnlich bei der Windkraft im Wald. Aiwanger sah in Bayern Platz für bis zu 1000 neue Windräder. Im Juli 2024 wollte er die zwingende Zustimmung der angrenzenden Gemeinden für Windräder im bayerischen Staatswald überdenken lassen, damit Bürgerbegehren laufende Planungen nicht mehr stoppen können (Energie & Management). Gerade Windräder im Wald treffen Wildtiere hart. Laut einer Übersicht in «Nature Reviews Biodiversity» töten Windenergieanlagen in Ländern mit hoher Windkraftdichte jährlich rund eine Million Fledermäuse, die Deutsche Wildtier Stiftung beziffert die Verluste in Deutschland auf bis zu 250’000 Fledermäuse und 12’000 Greifvögel pro Jahr (Wild beim Wild berichtete). Auch am Boden bleiben die Anlagen nicht folgenlos: Eine polnische Studie fand bei Rehen in der Nähe eines grossen Windparks höhere Stresswerte als in Gebieten, in denen dauerhaft Wölfe leben (Wild beim Wild berichtete). Der Minister, der Hobby-Jäger zu den «wahren Artenschützern» erklärte, wollte den Ausbau ausgerechnet im Wald erleichtern und dafür die Mitsprache der Nachbargemeinden und ihrer Bürger beschneiden.
Das Muster dahinter
Die geprüften Aussagen zeigen unterschiedliche Probleme: eine Verbandsschätzung ohne belastbaren internationalen Vergleich, eine pauschale Wachstumsangabe, überzeichnete Bedrohungsszenarien, eine falsche Ernährungsbehauptung und eine massiv falsche Flächenrechnung. Beim Fischotter widersprach das Gericht der Entwarnung seines Ministeriums, und konkrete Abschussregeln scheiterten an den rechtlichen Anforderungen. Beim Wolf folgte das Muster stets demselben Ziel: ein Schreckbild, an dessen Ende die Forderung stand, das Gewehr müsse es richten.
Die Forderungen, die Aiwanger mit diesen Aussagen begründete, allen voran die Bejagung des Wolfs, sind mit ihm nicht verschwunden. Sie kehren in den Mitteilungen der Hobby-Jäger-Verbände wieder, von Berlin bis Bern, wie Wild beim Wild am Netzwerk um den europäischen Dachverband FACE gezeigt hat. Wild beim Wild ergänzt diesen Faktencheck, sobald weitere Aussagen geprüft sind.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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