PFAS in Wildschweinen: Alle 114 Leberproben über dem Höchstwert, jede achte Fleischprobe auch
Behördendaten aus sieben deutschen Bundesländern zeigen, wie stark Wildbret mit Ewigkeitschemikalien belastet ist. In der Schweiz gelten dieselben Höchstwerte, geprüft wird Wildschweinleber kaum.
Wildschweine nehmen PFAS beim Wühlen im Boden auf. Foto: Patrick Pahlke, Unsplash
«Aus dem Wald direkt»
Wildbret gilt in der Werbung der Hobby-Jagd als das natürlichste Fleisch überhaupt: frei aufgewachsen, regional, ohne Zusatzstoffe. Eine Auswertung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vom 14. Oktober 2026 zeigt, was in diesem Fleisch tatsächlich steckt. Sämtliche 114 von den Behörden untersuchten Wildschweinlebern überschritten die gesetzlichen Höchstwerte für PFAS deutlich. Bei den 152 Fleischproben lagen über 12 Prozent über dem Grenzwert, und bei der Hälfte war die Konzentration so hoch, dass der BUND bei wöchentlichem Verzehr langfristige Gesundheitsschäden nicht ausschliesst.
Woher die Zahlen stammen
Der BUND hat die Daten nicht selbst erhoben, sondern bei allen deutschen Bundesländern die amtlichen Messwerte angefragt. Die Fleischproben stammen aus Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen, die Leberproben aus Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Die Belastung beschränkt sich laut Medienmitteilung des BUND nicht auf bekannte Schadstoffquellen wie Chemiestandorte oder Löschübungsplätze, sondern findet sich auch in vergleichsweise naturnahen Lebensräumen. Das deckt sich mit zwei Untersuchungen des deutschen Umweltbundesamts, die eine flächendeckende PFAS-Belastung von Wildtieren und Böden nachweisen. Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt sieht in den Wildschweinen einen Gradmesser dafür, wie weit die Ewigkeitschemikalien in der Umwelt verteilt sind, und fordert von Bundesregierung und EU-Kommission eine umfassende Beschränkung von Produktion und Verwendung.
Die Grössenordnung war einzelnen Behörden seit Jahren bekannt. Das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz liess 2024 je 30 Fleisch- und Leberproben von Wildschweinen analysieren. Alle Lebern lagen über dem Höchstwert, die Summe der vier regulierten PFAS betrug zwischen 98 und 738 Mikrogramm pro Kilogramm bei einem Mittelwert von 310. Erlaubt sind 50. Das Land untersagte daraufhin Vermarktung und Weiterverarbeitung von Wildschweinleber. In Hessen hatte ein Monitoring schon 2007 bis 2009 in Wildschweinlebern PFOS-Gehalte bis 1’780 Mikrogramm pro Kilogramm gefunden. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hält fest, dass PFAS vor allem in Wildschweinleber nachweisbar sind, in Fleisch von anderem Wild meist nicht.
Warum ausgerechnet Wildschweine
Wildschweine wühlen im Boden und fressen Würmer, Engerlinge und Wurzeln. Damit nehmen sie Schadstoffe auf, die sich in den obersten Bodenschichten angereichert haben, und zwar grossflächig, weil sie weite Strecken zurücklegen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nutzt das Wildschwein deshalb ausdrücklich als Bioindikator für PFAS. Die Leber ist das Organ, in dem sich die Stoffe sammeln. PFAS werden in der Umwelt kaum abgebaut und reichern sich im Körper an. Laut Bild werden sie mit Leberschäden, Schilddrüsenerkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht.
Für den Menschen hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge von 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht abgeleitet. Das BfR kam in seiner Bewertung zum Schluss, dass bereits eine einzige Portion Wildschweinleber pro Jahr mit den gemessenen Durchschnittsgehalten diese Menge langfristig überschreitet. Ein erhöhtes Risiko sieht das Institut vor allem bei Vielverzehrern, und als Beispiel nennt es in seiner Infografik zur Lebensmittelsicherheit von Wildbret die Familien von Hobby-Jägern.
Dieselben Höchstwerte gelten in der Schweiz
Die EU hat die PFAS-Höchstgehalte für Fleisch, Innereien, Fisch und Eier per 1. Januar 2023 eingeführt. Die Schweiz übernahm sie per 1. Februar 2024 in die Kontaminantenverordnung, in identischer Höhe: Für Fleisch von Wild gilt für die Summe von PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS ein Höchstwert von 9 Mikrogramm pro Kilogramm, für Innereien von Wild 50. Lebensmittel, die darüber liegen, dürfen nicht in Verkehr gebracht werden.
Wie stark Schweizer Wildschweine belastet sind, wissen Bund und Kantone jedoch nur in Ansätzen. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und der Verband der Kantonschemikerinnen und Kantonschemiker haben 2025 rund 900 Proben von Fleisch, Fisch und Eiern auf dem Schweizer Markt untersucht. Sieben Proben, also 0,8 Prozent, überschritten die Höchstwerte. Beim Fleisch wiesen laut Kampagnenbericht Rind- und Schaffleisch sowie Wildbret die höhere PFOS-Belastung auf. Zu Innereien von Wild, also genau dem Teil, der in Deutschland durchgängig über dem Grenzwert liegt, nennt die Kampagne keine Resultate. Der Kantonschemikerverband rechnet wegen lokaler Belastungen auch künftig mit Überschreitungen. Wie weit verbreitet PFAS in Schweizer Gewässern sind, zeigt der Kanton Aargau: 28 Prozent von 107 wildlebenden Fischen lagen 2025 über dem Höchstwert.
Der Hobby-Jäger beurteilt sein Fleisch selbst
Hier liegt die Schweizer Lücke. Wer selbst erlegtes Wild nicht nur im eigenen Haushalt isst, sondern an Metzger, Wirte oder Privatpersonen verkauft, gilt lebensmittelrechtlich als Produzent. Die Genusstauglichkeit beurteilt der Hobby-Jäger selbst: Er schaut das nichtmenschliche Tier vor dem Schuss, beim Ausnehmen und beim Transport an, kreuzt auf dem Wildbegleitschein die Beurteilung A an, und das Fleisch ist zum Verkauf frei. Nur bei sichtbaren Auffälligkeiten geht die Kontrolle an einen Amtstierarzt. PFAS sind unsichtbar, geruchlos und hitzestabil. Kein Augenschein und keine Küche entfernt sie. Eine Pflicht, Wildschweinleber vor dem Verkauf analysieren zu lassen, gibt es nicht, und eine Verfügung wie in Rheinland-Pfalz, die den Verkauf von Wildschweinleber untersagt, ebenso wenig. Wer in der Schweiz Wildschweinleber kauft, verlässt sich auf eine Einschätzung, die das Problem gar nicht erfassen kann.
Die Zahl der getöteten Wildschweine steigt dabei seit Jahren. Hobby-Jäger und ihre Verbände begründen das mit Wildschäden und mit der Afrikanischen Schweinepest, und das Fleisch wird als Argument gleich mitgeliefert: Wildschwein aus heimischer Jagd, nachhaltig und gesund. Die amtlichen Messwerte sagen etwas anderes. Zu den PFAS kommen Bleisplitter aus der Munition, Hepatitis-E-Viren und Trichinen, wie wir in «Wildfleisch: Gesundheitsrisiken durch Blei und PFAS» zusammengetragen haben, und das Genuss-Framing der Wildwochen, das diese Warnhinweise ausblendet, haben wir am Beispiel Graubünden beschrieben.
Kommentar
Die Hobby-Jagd vermarktet ihr Produkt mit dem Bild einer unberührten Natur. Diese Natur gibt es nicht mehr, auch nicht im Wald. Das Wildschwein, das im Boden wühlt, trägt die Chemikalienlast von Jahrzehnten in sich, und zwar nicht nur an Industriestandorten, sondern flächendeckend. Dass ausgerechnet die Leber, die in der Jagdküche als Delikatesse gilt, in hundert Prozent der Proben über dem Grenzwert liegt, ist keine Überraschung, sondern seit über fünfzehn Jahren dokumentiert. Überraschend ist nur, wie wenig davon in der Werbung für Wildbret ankommt.
Die Schweiz hat die Grenzwerte übernommen, aber nicht die Kontrolle. Ein System, in dem der Verkäufer seine Ware selbst für genusstauglich erklärt und der Schadstoff weder sichtbar noch messbar ist, ohne dass ein Labor beauftragt wird, schützt die Käuferinnen und Käufer nicht. Es wäre Sache der Kantonschemiker, Wildschweinleber gezielt zu beproben, und Sache des BLV, die Resultate zu veröffentlichen. Bis dahin gilt, was das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz seinen Bürgerinnen und Bürgern rät: Wildschweinleber nicht essen. Für das Fleisch spricht nach den neuen Zahlen aus Deutschland ebenfalls wenig.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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