Hirsch-Petition im St. Galler Kantonsrat: Mehr Schüsse, kein Wort zum Lebensraum
Der Wattwiler Hobby-Jäger Urs Britt will 300 bis 400 zusätzliche Hirschstiere pro Jahr schiessen lassen. Warum der Hirsch überhaupt im Wald steht, fragt die Petition nicht.
Rothirsche sind ursprünglich Tiere der offenen Landschaft. Foto: Stefan Szankowski / Unsplash
«Was der Wald ruft»
Die Petition «Wald und Landwirtschaft schützen: Mehr Hirsch-Stiere im Kanton St. Gallen schiessen» liegt beim St. Galler Kantonsrat. Der Wattwiler Hobby-Jäger und Landwirt Urs Britt hat sie am 15. Oktober mit 439 Unterschriften eingereicht, rund drei Viertel davon aus dem Toggenburg, wie die «Toggenburger Zeitung» und Nau.ch berichten. Als Nächstes befasst sich die Rechtspflegekommission des Kantonsrats damit. Britt hofft, dass das Parlament Druck auf den Regionalförster und die Kantonsoberförsterin macht, die er namentlich kritisiert.
Was die Petition verlangt und warum zusätzliche Stierabschüsse den Bestand kaum senken, haben wir bereits in St. Galler Petition fordert 300 bis 400 zusätzliche Abschüsse von Hirschstieren eingeordnet, ebenso die ernüchternde Bilanz des Kantons zur Rotwildjagd. Dieser Beitrag geht der Frage nach, die in der ganzen Debatte fehlt: Warum steht der Rothirsch überhaupt so oft im Wald?
Ein Tier der offenen Landschaft
Der Rothirsch ist von Natur aus kein Waldtier. Er ist ursprünglich ein Steppenbewohner und Grasfresser, erklärt der Wildtierökologe Christian Willisch von der Hochschule HAFL gegenüber SRF. In der Schweiz weicht er vor dem Menschen in den Wald aus und frisst dort, was er findet: Triebe junger Bäume und Rinde. Genau diese Schäden beklagt die Petition.
Der Kanton Freiburg beschreibt den Mechanismus auf seiner Fachseite zum Hirsch: Störungen im und um den Wald, auch durch Hobby-Jäger, und die starke Zerschneidung der Landschaft haben den Hirsch zunehmend in die Wälder gedrängt und das Wald-Wild-Problem verschärft.
Britt selbst liefert den zweiten Teil der Erklärung. Neben dem Wald leide auch die Landwirtschaft: Hirsche frässen Gras auf Wiesen und Alpweiden, verursachten Trittschäden und hinterliessen Kot. Auf offenen Flächen ist der Hirsch also unerwünscht, weil dort Rinder weiden sollen. Im Wald ist er unerwünscht, weil dort Bäume wachsen sollen. Für ein Tier der offenen Landschaft bleibt so kaum ein Ort, an dem es geduldet wird. Der Kanton führt die hohen Bestände in seinem Bericht zur Jagdgesetzrevision unter anderem auf eine intensive Landwirtschaft bis in hohe Lagen zurück, also auf ein reiches Futterangebot auf Flächen, die der Hirsch nicht nutzen soll.
Was das St. Galler Recht vor dem Gewehr vorsieht
Die St. Galler Jagdverordnung zählt in Artikel 52 vier Massnahmen gegen Wildschäden im Wald auf: die Regulierung des Wildbestandes, die Verbesserung des Lebensraumes, den Schutz der Tiere vor Störungen und den Abschuss einzelner Tiere. Die Petition greift nur den ersten Punkt auf, und auch diesen nur in der Variante, die Geweihe bringt.
Zur Störung durch die Hobby-Jagd selbst hat sich die St. Galler Regierung Anfang 2026 deutlich geäussert. In ihrer Antwort auf eine Einfache Anfrage von Kantonsrat Mirco Rossi, Präsident der Werdenberger Jägervereinigung, schreibt sie: Je länger ein permanenter Jagddruck dauere, desto scheuer werde das Wild und entziehe sich der Jagd. Sinnvoll seien kurze Jagdzeiten oder eine Intervalljagd. Die St. Galler Rothirschjagd dauert vier Monate, nach Angaben der Regierung eine im Landesvergleich sehr lange Jagdzeit. Scheue Hirsche suchen Deckung, und Deckung bietet der Wald. Mehr zu den Folgen: Wie werden Wildtiere durch die Hobby-Jagd gestresst?
Wo der Abschussplan klemmt, und wo nicht
Die amtliche Jagdstatistik 2025 des Amts für Natur, Jagd und Fischerei zeigt, wo der Abschussplan klemmt. Kantonsweit wurde er beim Rothirsch zu 91 Prozent erfüllt. In der Hegegemeinschaft 1, zu der das Obertoggenburg mit Wildhaus, Alt St. Johann und Nesslau gehört, waren es nur 82 Prozent: Von 506 vorgegebenen Abschüssen, die Höchstzahl für Stiere eingerechnet, fielen 405 auf der regulären Jagd, dazu kamen 10 Hegeabschüsse. Ganz anders in der Hegegemeinschaft 3, zu der Britts Wohngemeinde Wattwil, Ebnat-Kappel und das Neckertal gehören: Dort wurde der Plan zu 113 Prozent erfüllt, 160 Abschüsse waren vorgegeben, allein auf der regulären Jagd fielen 179. An der Zahl erlaubter Abschüsse fehlt es dort also nicht. Das Amt hält in der Statistik fest, dass beim Rothirsch vor allem die Erfüllung beim Kahlwild, also bei weiblichen Tieren und Jungtieren, entscheidend ist.
Woran es hapert, schreibt die Regierung in ihrer Antwort an Rossi gleich selbst. Sie nennt Praktiken der Jagdgesellschaften: das Einstellen der Rothirschjagd, sobald das Minimum der Abschussvorgabe erreicht ist, fehlende Absprachen mit den Reviernachbarn und den übermässigen Abschuss von Kälbern, der wenig zur Bestandsreduktion beitrage und die Hirschkühe noch scheuer mache. Die Statistik zeigt dieses Muster: Von den 740 Stück Kahlwild, also weiblichen Tieren und Kälbern, die 2025 im ganzen Kanton auf der regulären Jagd fielen, waren 351 Kälber, fast die Hälfte. Wer Massnahmen fordere, «ohne selbst das eigene Verhalten zu optimieren», verhindere den Erfolg, hält die Regierung fest.
Kommentar: Symptombekämpfung mit dem Gewehr
Die Petition behandelt ein Symptom. Der Hirsch steht im Wald, weil er auf Wiesen und Alpen nicht geduldet wird und weil ihn monatelanger Jagddruck in die Deckung treibt. Wer ihm dort mit 300 bis 400 zusätzlichen Stierabschüssen nachstellt, erhöht diesen Druck weiter. Mehr Schüsse haben das Problem bisher nicht gelöst: Schweizweit werden heute fast doppelt so viele Rothirsche getötet wie im Jahr 2000, und der Bestand ist trotzdem um zwei Drittel gewachsen (Jagdstatistik 2000 bis 2025). Wohin die Fixierung auf Stiere führt, zeigt Uri: Auf der Hochjagd fielen vor allem Stiere, nun folgt eine Nachjagd auf Hirschkühe und Kälber bis in die Jagdbanngebiete, also noch mehr Störung.
Bemerkenswert ist auch, wie wenig Grundwissen hinter der Forderung steht. Selbst nach der Logik der kantonalen Jagdplanung ist sie falsch: Die Regierung richtet die Vorgaben bewusst auf die weiblichen Tiere aus, weil sie die Vermehrung bestimmen, und das Amt nennt die Erfüllung beim Kahlwild in seiner Statistik essenziell. Der Kanton schreibt im selben Bericht selbst, die Diskussionen in den Hegegemeinschaften drehten sich «mehrheitlich um Abschussvorgaben der Stiere (Trophäen) und zu wenig um den Kahlwildabschuss». Wer seit über 20 Jahren auf die Jagd geht und trotzdem den Stier zum Schlüssel der Bestandsregulierung erklärt, kennt das Einmaleins der Wildbiologie nicht. Wie es um die Sachkunde steht, zeigte im Toggenburg auch ein anderer Fall: Ein Hobby-Jäger schoss in Alt St. Johann während der Schonzeit einen Rothirsch, weil er ihn für einen Rehbock hielt (Wild beim Wild berichtete). Was in der Jagdausbildung vermittelt wird, kommt in der Praxis offensichtlich nicht an.
Was der Wald braucht, ist ein Hirsch, der wieder offene Flächen nutzen darf: Wildruhezonen, eine durchlässige Landschaft mit funktionierenden Wildtierkorridoren, weniger Jagddruck und den Wolf als natürlichen Gegenspieler, statt wie diesen Herbst fünf Jungwölfe des Schilt-Rudels abzuschiessen. Bei den Huftieren hat die Hobby-Jagd versagt, beim Rothirsch belegt das der Kanton St. Gallen mit seinen eigenen Zahlen. Wohin das führt, zeigt das Bündner Beispiel Sumvitg: 1,5 Millionen Franken für einen Zaun um 25 Hektar Schutzwald. Mehr dazu im Dossier Rothirsch Schweiz und im Beitrag Ohne Wolf kein Wald.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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