St. Galler Petition fordert 300 bis 400 zusätzliche Abschüsse von Hirschstieren
Der Wattwiler Hobby-Jäger Urs Britt sieht den Wald durch Hirschstiere gefährdet. Der Kanton schont die Stiere bewusst, um den Rothirschbestand zu senken.
Foto: Heino Eisner / Unsplash
Im Toggenburg sammelt ein Hobby-Jäger Unterschriften für mehr Abschüsse von Rothirschen. Urs Britt aus Wattwil, laut «St. Galler Tagblatt» Landwirt, Älpler, Waldeigentümer und Jäger, hat die Petition «Wald und Landwirtschaft schützen: Mehr Hirsch-Stiere im Kanton St.Gallen schiessen» lanciert. Bis Anfang Oktober kamen 424 Unterschriften zusammen, 80 Prozent davon aus dem Toggenburg. Britt will die Petition in den kommenden Tagen dem Kantonsrat übergeben.
Was die Petition verlangt
Das Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF) und das Kantonsforstamt sollen sich dafür einsetzen, dass jährlich 300 bis 400 Hirschstiere mehr geschossen werden dürfen. Britt begründet das mit Schäden am Wald: Verbiss an Knospen, geschälte Rinde und gefegte Bäume gefährdeten den Umbau zum klimafitten Wald. Auch Landwirtschaft und Alpbetriebe litten unter Frass, Tritt und Kot.
Im Zentrum seiner Kritik steht eine Regel der St. Galler Revierjagd: Bevor ein Hirschstier geschossen werden darf, müssen Kahlwild, also Hirschkühe oder Kälber, erlegt werden. In 30 bis 40 der rund 150 Reviere lebten aber fast nur Stiere, sagt Britt. Dort könnten deshalb kaum Stiere geschossen werden. Langfristig fordert er einen Wechsel zu einem Modell wie in Graubünden oder der Innerschweiz, mit einer kurzen, intensiven Jagdphase im September und anschliessender Pause. Die heutige Jagdzeit von vier Monaten setze Wild und Hobby-Jäger unter Dauerstress.
Laut «Tagblatt» stieg der Rothirschbestand im Kanton von 784 Tieren im Jahr 2007 auf rund 2’300 Ende 2024, obwohl 2024 fast 1’000 Hirsche geschossen wurden.
Was der Kanton dazu schreibt
Der Bericht des Volkswirtschaftsdepartements zum VI. Nachtrag zum Jagdgesetz vom 30. Juni 2026 bestätigt das Grundproblem: Der Rothirschbestand sei in den letzten zehn Jahren weiter angestiegen, und die Ziele der strategischen Jagdplanung von 2016 seien «mehrheitlich verfehlt» worden. Ein Teil des Anstiegs gehe auf die genauere Zählung mit Wärmebildgeräten zurück, ausserdem breite sich der Rothirsch in ehemals angestammte Gebiete aus.
Bei der Frage, welche Hirsche geschossen werden sollen, kommt der Kanton aber zu einem anderen Schluss als die Petition. Seit 2013 hat er bei der Abschussplanung «deutlich mehr weibliche Tiere» freigegeben und die Stiere «stark bis sogar komplett geschont». Von 2021 bis 2023 war die Jagd auf männliche Hirsche in der Hegegemeinschaft 2 sogar ganz eingestellt. Der Grund steht im Bericht: Je grösser der Anteil männlicher Tiere und je ausgeglichener ihre Altersstruktur, desto geringer die Reproduktion. Weniger einjährige Hirschkühe werden gedeckt, und es kommen weniger weibliche Kälber zur Welt. Die Schonung der Stiere sei «bewusst und wichtig» und ein Schritt, «um die Bestände anschliessend zu reduzieren». Mit 300 bis 400 zusätzlichen Stieren pro Jahr würde genau dieser Hebel geschwächt.
Der Bericht benennt auch, woran die Rotwildjagd scheitert. Teile der Hobby-Jägerschaft stellten die Notwendigkeit einer Reduktion «immer wieder in Frage», und die Diskussionen in den Hegegemeinschaften konzentrierten sich «mehrheitlich um Abschussvorgaben der Stiere (Trophäen) und zu wenig um den Kahlwildabschuss». Der Kanton schlägt deshalb vor, die Rothirsch-Hegegemeinschaften aufzulösen und die Abschussvorgaben direkt den einzelnen Jagdrevieren zu verfügen. Als Alternative steht eine Stärkung der Hegegemeinschaften im Raum. Die Vernehmlassung lief bis am 21. September 2026, der Dachverband RevierJagd St. Gallen lehnt die Auflösung ab. Ausführlich dazu: St. Gallen will Rotwild-Hegegemeinschaften abschaffen.
Jagddruck als Teil des Problems
In einem Punkt treffen sich Britt und der Kanton: Die lange Jagdzeit ist ein Problem. Der Bericht hält fest, dass langanhaltender Jagddruck das Rotwild «scheu und nachtaktiv» werden lässt, die St. Galler Rotwildjagd befinde sich in einer «Negativspirale». Werden Kälber geschossen, lerne die überlebende Hirschkuh den Menschen und den Hochsitz «als tödliche Gefahr» kennen. Wo Rothirsche vermehrt Deckung im Wald suchen, kann sich der Verbiss räumlich konzentrieren. Ob dieser Zusammenhang im Toggenburg die Schäden verstärkt, müsste mit regionalen Wildraum- und Verbissdaten untersucht werden. Höhere Abschusszahlen allein sind jedenfalls noch kein Nachweis für weniger Waldschäden. Die Forschung zu den Folgen von Jagddruck ist auf unserer Seite Jagd im Faktencheck zusammengestellt.
Der Wolf gehört in die Debatte
In der Petition fehlt der natürliche Gegenspieler des Rothirschs. Als Beutegreifer kann der Wolf Rothirschbestände und ihre Raumnutzung beeinflussen und so lokal zur Entlastung der Waldverjüngung beitragen. Wie stark dieser Effekt ist, hängt von den örtlichen Bedingungen ab (waldwissen.net, WSL). Diesen Herbst liess der Kanton im Weisstannental fünf Jungwölfe des Schilt-Rudels töten. Er begründete das mit Nutztierrissen im Vorjahr und will damit künftige Schäden verhindern. Wer den Wald entlasten will, muss erklären, wie solche Wolfsabschüsse mit diesem Ziel vereinbar sind. Mehr dazu in Mehr Wölfe, mehr Waldschäden? Das Parlament verwechselt den Täter und Ohne Wolf kein Wald.
Einordnung der IG Wild beim Wild
Die Petition zeigt, dass auch Hobby-Jäger mit der bisherigen Rotwildjagd unzufrieden sind. Ihre Antwort, mehr Stiere freizugeben, zielt aber auf genau die Tiere, um die sich laut Kanton die Diskussionen in den Hegegemeinschaften ohnehin drehen, und schwächt jenen Hebel, mit dem der Kanton die Vermehrung bremsen will. Die IG Wild beim Wild zieht eine andere Konsequenz. Sie fordert ein professionelles Wildtiermanagement, das Ruhezonen, natürliche Beutegreifer und die tatsächliche Entwicklung der Waldverjüngung ins Zentrum stellt, statt immer neue Abschussrunden.
Quellen: Christof Lampart, «Wattwiler sieht durch Hirsche den klimafitten Wald akut gefährdet», St. Galler Tagblatt, 8.10.2026; Kanton St. Gallen, VI. Nachtrag zum Jagdgesetz, Bericht und Entwurf des Volkswirtschaftsdepartements vom 30.6.2026 (RRB 2026/541); Kanton St. Gallen, Proaktive Wolfsregulation Schilt-Rudel 2026 abgeschlossen, 21.9.2026.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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