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Jagdgesetz

St. Gallen will Rotwild-Hegegemeinschaften abschaffen: Was der Kanton den Hobby-Jägern vorhält

Nach über 30 Jahren zieht der Kanton eine ernüchternde Bilanz der Hirsch-Hobby-Jagd, und die Hobby-Jäger wehren sich gegen den Machtverlust.

Redaktion Wild beim Wild — 1. Oktober 2026
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«Hege»

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Der Kanton St. Gallen will die Rothirsch-Hegegemeinschaften auflösen.

Seit 1994 organisieren die Hobby-Jäger die Rotwildjagd in drei solchen Zusammenschlüssen über die Reviergrenzen hinweg, weil Rothirsche in einer Nacht gut 20 Kilometer zurücklegen und mehrere Reviere durchqueren. Künftig soll das Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF) die Abschussvorgaben direkt jedem der 144 Reviere verfügen, so wie heute schon bei Reh und Gämse. Die Vernehmlassung zum «VI. Nachtrag zum Jagdgesetz» lief bis am 21. September 2026; die Vorlage ist noch kein beschlossenes Gesetz. Der Dachverband RevierJagd St. Gallen lehnt die Abschaffung ab und hat seinen Widerstand an einer Medienkonferenz bekräftigt.

Aufschlussreicher als der Protest ist die Begründung des Kantons. Der Bericht des Volkswirtschaftsdepartements vom 30. Juni 2026 liest sich über weite Strecken wie die amtliche Bilanz eines Misserfolgs.

Abschussziele seit Jahren verfehlt

Die strategische Jagdplanung von 2016 sollte den Rothirschbestand senken. Laut Bericht ist der Bestand in den letzten zehn Jahren trotzdem weiter gestiegen, die Ziele wurden «mehrheitlich verfehlt». Die Bestände konnten «vielerorts nur stabilisiert, aber nicht wie geplant gesenkt» werden. Gemäss der Antwort der Regierung auf eine Interpellation stiegen die Abschüsse von 432 im Jahr 2006 auf 944 im Jahr 2024, während sich die Zählzahlen im gleichen Zeitraum verdoppelten. Mehr getötete Hirsche, mehr lebende Hirsche: Über den ganzen Kanton gesehen wachsen laut Bericht mehr Rothirsche nach, als erlegt werden oder natürlich sterben.

Der Kanton nennt auch entlastende Faktoren. Ein Teil des Anstiegs gehe auf die genauere Zählung mit Wärmebildkameras zurück, zudem breite sich der Rothirsch in früher besiedelte Gebiete aus. Die Abschussvorgaben des ANJF seien teilweise zu tief angesetzt gewesen. Nur: Selbst diese zu tiefen Vorgaben wurden gebietsweise regelmässig nicht erreicht, vor allem in der Hegegemeinschaft 1 und teilweise in der Hegegemeinschaft 2.

Trophäen statt Kahlwild

Die Gründe, die der Bericht für das Scheitern aufführt, hört man sonst eher von Kritikern der Hobby-Jagd. Teile der Hobby-Jägerschaft stellten die Notwendigkeit einer Reduktion «immer wieder in Frage». In den Hegegemeinschaften drehe sich die Diskussion mehrheitlich um die Abschussvorgaben für Stiere, also um Trophäen, und zu wenig um das Kahlwild, also Hirschkühe und Kälber. Einzelne Jagdgesellschaften hätten interne Regeln, die den Jagderfolg hemmen. Manche stellten die Jagd noch während der Jagdzeit ein, sobald die Quote im eigenen Revier erfüllt sei, auch wenn die Nachbarreviere im Rückstand seien. Revierübergreifende Jagden bildeten die Ausnahme.

Dazu kommt ein Konstruktionsfehler: In den Hegegemeinschaften hat jedes Revier eine Stimme. Reviere mit wenigen Hirschen sind in der Überzahl und können die Reviere mit vielen Hirschen überstimmen. Die Delegiertenversammlung tagt in der Regel einmal im Jahr, Sanktionen gegen säumige Reviere sind kaum durchsetzbar. Neu ist das nicht. Schon die Botschaft zum Jagdgesetz von 1993 hielt fest, die revierübergreifende Zusammenarbeit habe sich mangels Sanktionen nicht bewährt. «Bereits damals wurde also auf die heute noch bestehenden Defizite hingewiesen», schreibt der Kanton.

Mehr Jagddruck, scheuere Hirsche

Seit 2013 ist der Kanton der Hobby-Jägerschaft laufend entgegengekommen. 2016 fielen die Kalibervorgaben für die Rotwildjagd und das Verbot von Stöberhunden. Die Jagdzeit dauert inzwischen vier Monate, vom dritten Samstag im August bis zum dritten Samstag im Dezember. 2025 wurde sie gebietsweise bis Ende Jahr verlängert, es gab zusätzliche Bewegungsjagden, und die Wildhut schoss Rothirsche in Nichtjagdgebieten.

Derselbe Bericht beschreibt, was diese Daueroffensive bewirkt. Langanhaltender Jagddruck lasse das Rotwild scheu und nachtaktiv werden, die St. Galler Rotwildjagd befinde sich «in einer Negativspirale». Besonders deutlich wird der Kanton beim Abschuss von Kälbern: Das überlebende Muttertier lerne dabei den Menschen und den Hochsitz «als tödliche Gefahr» kennen. Welche Folgen der Abschuss eines Kalbs für die überlebende Hirschkuh hat und welche Risiken der Abschuss einer Kuh für ihr Kalb birgt, haben wir am Beispiel Emmental und Entlebuch und der Bündner Sonderjagd beschrieben. Die Forschung zu den Folgen von Jagddruck auf Verhalten und Raumnutzung von Wildtieren ist auf unserer Seite Jagd im Faktencheck zusammengestellt.

Die Hobby-Jäger wollen mehr Kompetenzen

An der Medienkonferenz von RevierJagd St. Gallen traten Präsident Peter Weigelt, Vizepräsident Stephan Schädler, Barbara Hubschmid als Obfrau der Hegegemeinschaft 2 und Mirco Rossi auf, Präsident der Werdenberger Jägervereinigung und zugleich Kantonsrat. Der Verband will die Hegegemeinschaften nicht abschaffen, sondern mit mehr Kompetenzen ausstatten. Sie sollen Verantwortung für regionale Ziele übernehmen, eine Bewertung nach einzelnen Revieren greife zu kurz. Hubschmid verlangt zudem klar definierte, langfristige Ziele: «Wer einen Bestand regulieren will, muss zuerst definieren, welcher Bestand angestrebt wird.» Es sei zu untersuchen, welche Anzahl Rothirsche für die Wälder tragbar sei.

Strategische Ziele bestehen allerdings seit 2016. Die Jagdplanung legt laut Kanton Vorgaben für Bestandsentwicklung, räumliche Verteilung, Dichte, Altersstruktur und Geschlechterverhältnis fest, ausgerichtet auf die waldbauliche Zielerreichung. Ob der Kanton darüber hinaus eine nachvollziehbar bezifferte Zielpopulation je Region festgelegt hat, ist eine andere Frage. Der Verband kritisiert weiter, der Kanton betone die Defizite zu stark, und verlangt eine «ausgewogene Analyse». Die St. Galler Revierjagd sei ein ehrenamtlicher Service public. «Jagd ist eine Dienstleistung für die Allgemeinheit», sagt Weigelt.

Der Kantonsrat winkte schon einmal ab

Die Probleme sind auch im Parlament bekannt. Bei der Beratung des letzten Nachtrags zum Jagdgesetz reichte die vorberatende Kommission die Motion «Jagdplanung für das Rotwild anpassen» ein. Sie verlangte, dass die Wildhut bei Nichterfüllung der Abschussvorgaben verbindlich in die Organisation der Rotwildjagd einbezogen wird. Der Kantonsrat lehnte das Eintreten mit 70 zu 42 Stimmen ab. Dasselbe Parlament wird nach der Vernehmlassung über den VI. Nachtrag entscheiden.

Jagen ohne Fähigkeitsausweis

Der Bericht enthält eine weitere Passage, die aufhorchen lässt. Bis heute dürfen im Kanton St. Gallen Jagdgäste ohne Fähigkeitsausweis an bis zu sechs Tagen im Jahr jagen, legitimiert durch einen Jagdpass. Der Kanton hält nun selbst fest, diese Regelung stehe im Widerspruch zu den übergeordneten tierschutz- und jagdrechtlichen Vorgaben, wonach nur fachkundige Personen Wirbeltiere töten dürfen. Sie soll gestrichen werden. Ebenfalls gestrichen werden soll die private Jagdaufsicht, die das Gesetz zwar vorsieht, die es laut Kanton aber «noch nie» gab. Wie stark die Kontrolle der Hobby-Jagd auf den Angaben der Schützen selbst beruht, zeigte zuletzt der Fall Amden.

Kommentar: Ein Service public, der nicht liefert

Der wichtigste Satz steht im Fazit des Berichts. Beide Varianten, die Abschaffung wie die Stärkung der Hegegemeinschaften, brächten «vordergründig vorerst keine Änderung in der Rotwildbejagung», weil sie nur die Organisation betreffen. Der Kanton will die Abschussvorgaben künftig zwar direkt je Revier verfügen und kontrollieren. Dass eine neue Organisation allein die Jagdpraxis ändert, verspricht er aber nicht einmal selbst.

Denn der Kern des Problems ist nicht die Organisationsform, sondern die Konstruktion selbst. Eine öffentliche Aufgabe wird an eine Freizeitgruppe delegiert, die eigene Interessen verfolgt: Trophäenstiere, ein angenehmer Jagdbetrieb, ein Revier, in dem es sich lohnt, auf dem Hochsitz zu sitzen. Der Verband nennt das «Dienstleistung für die Allgemeinheit». Der Kanton beschreibt in seinem eigenen Bericht, wie diese Dienstleistung aussieht: Diskussionen um Stiere statt Kahlwild, Reviere, die vorzeitig aufhören, interne Regeln, die den Abschuss bremsen, und eine Jägerschaft, die den Auftrag selbst in Frage stellt. Wer so Service public leistet, verlangt nicht mehr Kompetenzen, sondern bekommt sie entzogen. Luzern diskutiert mit seinem Bonus-Malus-Modell gerade dieselbe Frage, und auch dort ziehen die Hobby-Jäger die Grenze bei Konsequenzen.

Hinzu kommt: Die Ursachen für die hohen Hirschbestände sieht der Bericht selbst in einer intensiven Landwirtschaft bis in hohe Lagen, in milderen Wintern und in mehr Nahrung. Zusätzliche Abschüsse beseitigen diese Ursachen nicht. Zugleich macht anhaltender Jagddruck die Hirsche nach Angaben des Kantons scheuer und erschwert die Bejagung. Die Rückkehr des Wolfs, der seit 2012 wieder im Kanton lebt, taucht im Bericht vor allem als Kostenposten auf. Wie stark er auf Hirschbestände wirkt, zeigt sich in Graubünden. Und wo der Kanton heute schon selbst eingreift, in Nichtjagdgebieten, tut er es mit der Wildhut. Darin liegt die eigentliche Lehre aus 30 Jahren St. Galler Rotwildjagd.

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Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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