2. Mai 2026, 10:18

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

FAQ

Wie werden Wildtiere durch die Jagd gestresst?

Hobby-Jagd verursacht bei Wildtieren nicht nur kurzfristigen Schrecken – sie hinterlässt messbare physiologische und verhaltensbiologische Spuren, die weit über den Augenblick des Schusses hinausgehen.

Redaktion Wild beim Wild — 12. März 2026

Chronischer Stress, zerstörte Sozialstrukturen und veränderte Raumnutzung sind wissenschaftlich dokumentierte Folgen der Bejagung.

Was im Körper eines verfolgten Tieres passiert und was das für Wildtiere und ihre Bestände bedeutet, zeigt die aktuelle Forschung.

Was passiert im Körper eines verfolgten Tieres?

Wenn ein Wildtier eine Bedrohung wahrnimmt – sei es der Geruch eines Menschen, ein Schussgeräusch oder bellende Jagdhunde –, aktiviert sein Nervensystem innerhalb von Millisekunden die sogenannte «Kampf-oder-Flucht»-Reaktion. Die Nebennieren schütten Adrenalin und das Stresshormon Cortisol aus. Herzschlag und Atemfrequenz steigen, Blut wird in die Muskeln umgeleitet, nicht lebensnotwendige Funktionen werden gedrosselt.

Diese Reaktion ist evolutionär sinnvoll – sie erhöht die Überlebenschance in echter Gefahr. Das Problem entsteht, wenn sie chronisch wird. Studien an Rehen (Capreolus capreolus) und Rothirschen (Cervus elaphus) zeigen, dass in intensiv bejagten Gebieten die Cortisolbasalwerte dauerhaft erhöht sind. Chronisch erhöhtes Cortisol schwächt das Immunsystem, verringert die Reproduktionsrate, hemmt das Wachstum und verkürzt die Lebenserwartung. Kurz: Das Tier lebt in einem permanenten Alarmzustand, der seinen Körper zermürbt.

Eine vielzitierte Studie von Jeppesen & Fredsted (2000, Dänemark) mass Cortisolwerte in Haarproben von Rehwild vor und nach der Jagdsaison. Die Werte lagen in bejagten Populationen signifikant höher als in Kontrollgruppen aus jagdfreien Gebieten. Ähnliche Befunde lieferten Studien aus Schottland (Cockrem, 2007) zu Rotwild. Das Muster ist konsistent: Jagddruck erhöht den chronischen Stress.

Akuter versus chronischer Stress – ein entscheidender Unterschied

Es ist wissenschaftlich wichtig, zwischen akutem und chronischem Stress zu unterscheiden. Akuter Stress – ein plötzlicher Schreck, eine kurze Flucht – ist biologisch normal und hinterlässt kaum bleibende Schäden. Chronischer Stress hingegen ist ein Dauerzustand. In bejagten Gebieten wiederholen sich störende Ereignisse über Monate: die Hochjagd im September, die Niederjagd im Herbst, die Treibjagden im Dezember. Dazwischen liegen Hundeübungen, Revierbegehungen, Schiesstraining.

Für viele Wildtiere gibt es kaum eine jagdfreie Ruhephase. Studien aus Skandinavien zeigen, dass Elche und Hirsche nach der Jagdsaison mehrere Wochen brauchen, bis ihre Cortisolwerte auf das Ausgangsniveau zurückkehren. In der Schweiz mit ihrer hohen Jagdintensität und dem engmaschigen Bejagungsmuster dürften diese Erholungsphasen vielerorts nicht ausreichen.

Verhaltensänderungen: Nachtaktivität, Rückzug, Meideverhalten

Die Reaktion auf Jagddruck zeigt sich nicht nur hormonell, sondern auch in messbaren Verhaltensänderungen. GPS-Besenderungsstudien der letzten zwei Jahrzehnte haben mehrere typische Muster dokumentiert:

  • Nachtaktivität: Rehe, Hirsche und Wildschweine verlagern ihre Aktivität zunehmend in die Dunkelheit, wenn Jagddruck hoch ist. Tagsüber verharren sie in Deckung. Dies gilt als klassische Anti-Prädations-Strategie – und sie funktioniert auch gegenüber menschlichen Jägern. Eine schwedische Studie (Lone et al., 2015) zeigte, dass Elche in der Jagdsaison ihre Tagesaktivität um bis zu 40 Prozent reduzierten.
  • Rückzug in steiles, unzugängliches Gelände: Wildtiere meiden während der Jagdsaison bevorzugt bewaldete Hanglagen und felsiges Terrain, das für Jäger schwer zugänglich ist. Dieser Rückzug ist mit erhöhtem Energieaufwand verbunden – besonders in der nahrungsarmen Herbst- und Winterphase.
  • Meideverhalten gegenüber Offenland: In bejagten Regionen meiden Wildtiere offene Flächen wie Wiesen und Felder, die eigentlich optimale Nahrungsquellen wären. Das erhöht den Verbissdruck auf den Wald – und wird dann wiederum als Argument für mehr Jagd genutzt.
  • Verlust der Ortstreue: Wildtiere, die unter hohem Jagddruck stehen, verlassen ihre vertrauten Streifgebiete, um sicherere Rückzugsräume zu suchen. Das führt zu unvorhersehbaren Wanderungen und erhöhtem Wildunfallrisiko auf Strassen.

Besonders gut dokumentiert ist dieses Phänomen in der Hochjagd-Forschung. Unser Dossier zur Hochjagd in der Schweiz zeigt, wie die Eröffnung der Graubündner Hochjagd zu einer massiven Verschiebung der Wildtierverteilung führt – mit messbaren Effekten noch Wochen nach Jagdende.

Leittierverlust und der Zerfall von Sozialstrukturen

Besonders schwerwiegend ist die Wirkung der Hobby-Jagd auf soziale Wildtiergemeinschaften. Viele jagdbare Tierarten sind keine Einzelgänger – sie leben in komplexen Familienverbänden mit eingespielten sozialen Hierarchien, Kommunikationsstrukturen und erfahrenen Leittieren.

Wildschweine (Bachen-Rotten): Wildschweine leben in Matriarchalverbänden, angeführt von der erfahrenen Leitbache. Sie kennt die sichersten Schlafplätze, die besten Nahrungsquellen, die bewährten Fluchtrouten. Wenn die Leitbache abgeschossen wird, zerbricht die Gruppe. Jungtiere, die noch keine Eigenständigkeit entwickelt haben, suchen panisch neue Gruppen oder Territorien. Was viele nicht wissen: Der Abschuss der Leitbache löst bei den verbleibenden Weibchen eine kompensatorische Reproduktionssteigerung aus. Die nächste Generation Bachen trägt früher und häufiger Frischlinge aus – ein als «Hunting Paradox» beschriebener Effekt, der dem erklärten Regulierungsziel direkt entgegenwirkt. Das Dossier zum Wildschwein in der Schweiz dokumentiert diesen Mechanismus im Detail.

Rothirsche (Hirschkühe): Auch Rothirsche leben in matriarchal strukturierten Gruppen. Die ältesten Hirschkühe sind soziale Gedächtnisspeicher – sie kennen saisonale Wanderrouten, Mineralstoffquellen und gefährliche Bereiche. Ihr Abschuss reisst Lücken ins soziale Netz, die Jahre brauchen, um sich zu schliessen. Studien aus Schottland und Österreich zeigen, dass nach dem Abschuss erfahrener Leitkühe die Gruppen instabiler werden, häufiger in Konfliktbereiche einwandern und mehr Wildschäden verursachen.

Rehe: Rehe sind weniger sozial als Hirsche oder Wildschweine, aber auch nicht konsequent Einzelgänger. Bockabschüsse führen zu intensivem Revierkampf unter den verbleibenden Böcken – mit erhöhtem Verletzungsrisiko und zusätzlichem Stresseintrag in die Population.

Der «Hunting Paradox»: Wenn Jagd das Gegenteil von Regulation bewirkt

Das «Hunting Paradox» (auch «compensatory reproduction» oder «compensatory mortality» genannt) ist eines der am besten belegten Phänomene der Wildbiologie. Es besagt: Wenn eine Population durch intensive Bejagung unter ihre Tragkapazität gedrückt wird, reagiert sie mit erhöhter Fortpflanzungsrate. Die Überlebenden kompensieren die Verluste.

Bei Wildschweinen äussert sich das so: Junge Bachen (unter zwei Jahren), die unter normalen Umständen selten oder gar nicht trächtig werden, beginnen früher zu reproduzieren. Statt einer Paarungszeit gibt es in gestressten Populationen zwei. Die Wurfgrössen steigen. Das Ergebnis: Nach einer intensiven Jagdsaison kann die Population im nächsten Jahr grösser sein als zuvor.

Auch beim Fuchs ist dieser Effekt seit Jahrzehnten bekannt: Populationen, die stark bejagt werden, erholen sich schneller und setzen früher an als ungestörte Populationen. Die Hobby-Jagd reguliert in solchen Fällen nichts – sie produziert lediglich eine Nachfrage nach mehr Jagd.

Stresshormone im Wildbret: Was essen wir eigentlich?

Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert wird: Stresshormone verbleiben nach dem Tod des Tieres im Fleisch. Tiere, die nach einer Treibjagd stark erhitzt und erschöpft erlegt werden, weisen höhere Cortisol- und Adrenalinspiegel im Blut und im Muskelgewebe auf als Tiere, die in Ruhe auf dem Ansitz erlegt wurden.

Eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien (2018) untersuchte Stressindikatoren im Wildbret aus Treibjagden versus Ansitzjagden. Ergebnis: Wildbret aus Treibjagden zeigte höhere Laktat- und Glukosewerte, was auf intensive Stressreaktionen vor dem Tod hindeutet. Diese Werte beeinflussen auch die Fleischqualität: erhöhter pH-Wert, veränderter Geruch, dunklere Farbe.

Für Konsumentinnen und Konsumenten, die Wildfleisch als «natürlich» und «stressarm» wahrnehmen, ist das eine relevante Information. «Natürlich» bedeutet nicht automatisch «stressarm erlebt». Mehr dazu in unserem Dossier zur Treibjagd.

Der Vergleich: jagdfrei vs. bejagt

Nirgendwo ist der Kontrast zwischen bejagten und jagdfreien Gebieten besser dokumentiert als im Kanton Genf. Seit 1974 besteht im Kanton Genf ein vollständiges Verbot der Hobby-Jagd. Was sich in den über 50 Jahren seitdem gezeigt hat: Wildtierbestände regulieren sich weitgehend selbst. Verhaltensweisen, die typischerweise mit Jagddruck assoziiert sind – Nachtaktivität, Rückzug in schwieriges Terrain, Fluchtdistanz gegenüber Menschen – sind bei Genfer Wildtieren deutlich geringer ausgeprägt.

Rehe im Kanton Genf nutzen tagsüber offene Flächen, kommen in Ortschaftsnähe und verhalten sich merklich weniger scheu als Rehe in bejagten Kantonen. Diese Beobachtungen, die von Wildhütern und Biologen dokumentiert wurden, spiegeln das wider, was die Forschung über chronischen Stress sagt: Wird die Stressquelle eliminiert, normalisiert sich das Verhalten. Das Dossier zum Genfer Jagdverbot enthält detaillierte Angaben zum Genfer Modell.

Auch der Schweizerische Nationalpark bietet einen Vergleichsrahmen. Hier, wo seit 1914 keine Jagd stattfindet, zeigen Huftiere wie Hirsche und Gämsen ein Verhalten, das in bejagten Gebieten kaum vorkommt: Sie lassen sich von Wanderern auf wenige Meter nähern, ohne zu fliehen. Ihre Fluchtdistanz gegenüber Menschen ist drastisch reduziert.

Cambridge Declaration on Consciousness 2012: Tiere empfinden Leid

Ein wissenschaftliches Fundament für die ethische Bewertung von Jagdstress liefert die Cambridge Declaration on Consciousness von 2012. Führende Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler aus aller Welt unterzeichneten die Erklärung, in der unmissverständlich festgehalten ist: Nicht-menschliche Tiere besitzen die neurologischen Substrate, die für Bewusstseinszustände erforderlich sind. Das schliesst alle Säugetiere, alle Vögel und viele weitere Tiere ein – also auch alle jagdbaren Wildtierarten der Schweiz.

Konkret bedeutet das: Wildtiere können Angst, Schmerz, Stress und Leid auf subjektiver Ebene erleben. Das ist keine anthropomorphe Projektion, sondern wissenschaftlicher Konsens. Daraus folgt zwingend eine ethische Verpflichtung: Wer Wildtiere einer Situation aussetzt, die wissenschaftlich als stresserzeugend gilt, trägt moralische Verantwortung.

Das Schweizer Tierschutzgesetz (TSchG) spiegelt diesen Konsens zumindest formal wider. Artikel 4 TSchG hält fest: «Wer mit Tieren umgeht, hat deren Würde zu achten.» Und weiter: «Die Würde des Tieres ist beeinträchtigt, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann.» Die Frage, ob die Freizeitinteressen von rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern chronischen Stress bei Hunderttausenden von Wildtieren rechtfertigen, stellt das Dossier Freizeitgewalt an Tieren beenden offen.

Das Konzept der Ruhezonen: Ein Ausweg?

Als Reaktion auf die Forschungslage haben einige Kantone und Gemeinden Wildtierschutzgebiete und Ruhezonen eingerichtet. Die Idee: Bestimmte Gebiete werden ganzjährig von Freizeitaktivitäten – inklusive Jagd – freigehalten. Wildtiere können sich ungestört zurückziehen, erholen sich und werden als Populationsquelle für umliegende Gebiete.

Das Konzept ist wissenschaftlich gut belegt. Studien aus den USA, Skandinavien und der Schweiz zeigen, dass Tiere in Ruhezonen deutlich geringere Stresshormonspiegel aufweisen und ausgeprägtere Tagaktivität zeigen als ausserhalb. Die Jagdlobby lehnt flächendeckende Ruhezonen ab – sie würden den Jagddruck in den verbleibenden Gebieten erhöhen, so das Argument. Kritiker halten entgegen: Die Lösung wäre, weniger Jagd zu betreiben, nicht weniger Ruhezonen.

In der Schweiz existieren Ruhezonen für Wildtiere vor allem in Schutzgebieten und Nationalparks. Eine gesetzliche Pflicht zu Ruhezonen im JSG ist in der Revision von 2025 zwar angesprochen, aber unverbindlich geblieben. Mehr zum rechtlichen Rahmen im Dossier Psychologie der Jagd.

Treibjagden: Das extremste Stressereignis

Unter allen Jagdmethoden erzeugen Treibjagden den höchsten akuten Stresseintrag. Dutzende Menschen, Hunde und Lärm treiben ganze Wildtiergruppen in vorbeschossene Bereiche. Die Tiere erleben Panik, Erschöpfung und den Tod von Artgenossen in unmittelbarer Nähe. Wer den Schuss überlebt, trägt in den folgenden Tagen messbar erhöhte Stresswerte – dokumentiert durch Kotprobenanalysen aus Folgejagden.

Dass Treibjagden trotzdem die beliebteste Gemeinschaftsjagdform in der Schweiz sind, hat wenig mit Effizienz und viel mit sozialem Ritual zu tun. Unser Dossier zur Treibjagd beleuchtet Methodik, Effekte und die Frage, ob diese Jagdform mit modernen Tierschutzstandards vereinbar ist.

Fazit: Jagdstress ist wissenschaftlich belegt und ethisch relevant

Die Forschung ist eindeutig: Hobby-Jagd verursacht sowohl akuten als auch chronischen Stress bei Wildtieren. Sie verändert ihr Verhalten, zerstört soziale Strukturen, reduziert Reproduktionserfolg und Immunfunktion. Und durch den «Hunting Paradox»-Effekt untergräbt intensive Bejagung sogar das erklärte Ziel der Bestandsregulation.

Angesichts der Cambridge Declaration on Consciousness und des Schweizer Tierschutzgesetzes stellt sich die Frage, ob chronischer Jagdstress bei Hunderttausenden von Wildtieren durch Freizeitinteressen gerechtfertigt werden kann – rechtlich, ethisch und wissenschaftlich. Diese Frage wird selten gestellt. Es ist Zeit, sie zu stellen.

Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com:

Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden