Warum Hirsche jedes Jahr ihr Geweih abwerfen
Kein anderes Organ der Säugetiere erneuert sich jedes Jahr vollständig. Hinter dem Geweihabwurf stecken Tageslicht, Hormone und geliehener Knochen.
Die Krone im Moos
Ein ausgewachsenes Hirschgeweih wirkt wie für die Ewigkeit gebaut. Trotzdem fällt es jedes Jahr ab, und der Hirsch baut es innerhalb weniger Monate vollständig neu auf. Kein anderes Organ eines Säugetiers kann das. Hinter dem Kreislauf stehen Tageslicht, Hormone und ein erstaunlicher Trick: Der Hirsch leiht sich das Baumaterial aus dem eigenen Skelett.
Geweih ist kein Horn
Geweihe tragen bei uns Rothirsch, Reh und Damhirsch, im hohen Norden auch Elch und Rentier. Ein Geweih besteht aus echtem Knochen und wächst auf zwei Knochenzapfen des Stirnbeins, den sogenannten Rosenstöcken. Die Rosenstöcke bleiben ein Leben lang, die Geweihstangen darüber werden jedes Jahr ersetzt. In der Regel tragen nur die Männchen ein Geweih, eine Ausnahme ist das Rentier, bei dem auch die Weibchen eines bilden.
Ganz anders Gämse und Steinbock: Sie sind Hornträger. Ihre Hörner bestehen aus einem Knochenzapfen mit einer Hülle aus Horn, die zeitlebens weiterwächst und nie abgeworfen wird. An den Jahresringen der Hörner lässt sich deshalb das Alter ablesen, am Geweih nicht.
Der Taktgeber ist das Licht
Den Rhythmus gibt die Tageslänge vor. Über das Hormon Melatonin steuert sie die Produktion von Testosteron. Beim Rothirsch steigt der Testosteronspiegel im Spätsommer an. Dann verknöchert das Geweih vollständig, die Basthaut stirbt ab und wird an Sträuchern und jungen Bäumen abgerieben. Beim Fegen verletzt der Hirsch oft die Rinde junger Bäume, zurück bleiben die typischen Fegeschäden.
Sinkt das Testosteron beim Rothirsch im Spätwinter, werden an der Grenze zwischen Rosenstock und Stange Knochenfresszellen aktiv. Sie lösen das Gewebe an dieser Nahtstelle auf, bis die Stange unter ihrem eigenen Gewicht abbricht. Die zweite Stange folgt meist innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen. Der Abwurf ist ein natürlicher Vorgang ohne äussere Gewalt. Zurück bleibt eine kleine, kurz blutende Wundfläche auf dem Rosenstock, die rasch von Haut überwachsen wird.
Eine verbreitete Vereinfachung, die auch in vielen Infografiken auftaucht, lautet: Nach der Brunft fällt das Geweih ab. Beim Rothirsch stimmt das so nicht. Zwischen der Brunft im Herbst und dem Abwurf liegen mehrere Monate, den ganzen Winter über trägt der Hirsch sein hartes Geweih weiter.
Rothirsch und Reh: zwei verschiedene Kalender
Rothirsch
Ältere Rothirsche werfen ihr Geweih im Februar und März ab, jüngere bis in den April oder Mai hinein. Danach beginnt sofort der Neuaufbau, die stärkste Wachstumsphase fällt in die Monate April bis Juli. Im Juli und August wird gefegt, ab Mitte September folgt die Brunft. Mehr zur Brunftzeit und dazu, warum ausgerechnet dann geschossen wird, steht im Beitrag über die Walliser Hochjagd und die Hirschbrunft.
Reh
Beim Rehbock läuft der Kalender fast umgekehrt. Er wirft sein Gehörn, wie das kleine Rehgeweih genannt wird, zwischen Oktober und Dezember ab und baut das neue mitten im Winter unter dem Bast auf. Im Frühling, etwa von März bis Mai, fegt er, die Brunft findet im Hochsommer im Juli und August statt. Wer im Winter einen Rehbock mit pelzigen Knospen auf dem Kopf sieht, beobachtet also keinen Fehler der Natur, sondern den normalen Ablauf.
Bis zu zwei Zentimeter am Tag
Geweihe gelten als das am schnellsten wachsende Gewebe bei Säugetieren. Beim Rothirsch verlängern sich die Stangen in der Hauptwachstumszeit um bis zu zwei Zentimeter pro Tag, wie eine Übersichtsarbeit in Biology Direct (2024) zusammenfasst. Bei den grössten Geweihträgern nennt die Fachliteratur Spitzenwerte von bis zu 2,75 Zentimetern pro Tag.
Während des Wachstums ist das Geweih von Bast überzogen, einer behaarten Haut voller Blutgefässe und Nerven. Sie versorgt den Knochen mit Sauerstoff und Nährstoffen und ist sehr empfindlich. Hirsche im Bast gehen Auseinandersetzungen deshalb eher aus dem Weg und tragen Rangkämpfe in dieser Zeit mit den Vorderläufen aus statt mit dem Geweih.
Wie ein Gewebe so schnell wachsen kann, ohne zu entgleisen, hat ein internationales Forschungsteam 2019 in der Fachzeitschrift Science untersucht. Das Ergebnis: Das Geweihwachstum nutzt Signalwege, die sonst aus der Krebsentstehung bekannt sind. Gleichzeitig stehen bei Hirschen bestimmte Gene, die Tumoren unterdrücken, unter starker Selektion. Das Geweih ist damit ein streng kontrolliertes Extremwachstum und für die Forschung zu Regeneration und Krebs von grossem Interesse.
Knochen auf Pump aus dem eigenen Skelett
Rund die Hälfte eines fertigen Geweihs besteht aus Mineralstoffen, vor allem Calcium und Phosphor. So viel kann ein Hirsch in wenigen Monaten nicht über die Nahrung aufnehmen. Er holt sich das Material deshalb aus dem eigenen Skelett, besonders aus den Rippen. Nach der genannten Übersichtsarbeit stammen über 60 Prozent der Mineralien im Geweih aus den Knochen des Tieres.
Fachleute sprechen von einer zyklischen, physiologischen Osteoporose. Während des Geweihwachstums werden die Knochen des Hirschs messbar poröser, gegen Ende der Wachstumsphase baut er sie wieder vollständig auf. Dass ein Säugetier diesen Knochenabbau jedes Jahr durchmacht und vollständig umkehrt, macht den Hirsch auch für die menschliche Osteoporoseforschung interessant.
Warum betreibt ein Tier diesen enormen Aufwand Jahr für Jahr? Biologinnen und Biologen deuten den jährlichen Neuaufbau so: Ein abgebrochenes oder beschädigtes Geweih ist nach einer Saison ersetzt, und das neue spiegelt den aktuellen Gesundheits- und Ernährungszustand des Hirschs. Das Geweih ist damit ein ehrliches Signal an Rivalen und Hirschkühe.
Was mit den Abwurfstangen geschieht
Abgeworfene Stangen bleiben selten lange unberührt. Mäuse, Eichhörnchen und andere nichtmenschliche Tiere nagen daran und decken so ihren Bedarf an Calcium und Phosphor. Über die Jahre verschwinden die Stangen auf diese Weise im Nährstoffkreislauf des Waldes.
Weniger harmlos ist die Jagd auf die Stangen durch Menschen. Der Kanton Graubünden hält auf seiner Seite zu den Wildruhezonen fest, dass sich diese neben Wintersportlern ausdrücklich an «Stangensucher» richten, also an Personen, die ab Februar abgeworfene Hirschgeweihe suchen, und nennt dabei bevorzugt Hobby-Jäger. Der Zeitpunkt ist heikel: Im Spätwinter sind die Fettreserven der Hirsche am tiefsten, jede Flucht durch tiefen Schnee kostet Energie, die zum Überleben fehlt. Die Prättigauer Gemeinde Grüsch erliess deshalb 2018 und 2019 nächtliche Betretungsverbote, unter anderem wegen der Stangensucher, mit Bussen von bis zu 3’000 Franken. Wer im Winter im Wald unterwegs ist, sollte Wildruhezonen respektieren und Stangen liegen lassen.
Kommentar: Ein Geschenk, das niemand erschiessen muss
Der Hirsch wirft sein Geweih jedes Jahr auf natürliche Weise ab. Dafür muss kein einziges Tier sterben. Trotzdem gilt das Geweih in der Hobby-Jagd bis heute als Trophäe, die man sich mit dem Gewehr verdient. An Trophäenschauen wie in Thun werden Geweihe vermessen und prämiert, und Fälle wie die illegal erlegten Kronenhirsche von Amden zeigen, wie weit die Gier nach dem grossen Geweih gehen kann.
Gerade die Biologie des Geweihs zeigt, was dabei verloren geht. Ein starkes Geweih ist das Ergebnis von guter Gesundheit, Ernährung und Alter. Wer gezielt die Hirsche mit den grössten Kronen schiesst, entfernt genau jene Tiere aus dem Bestand, die ihre Qualität sichtbar machen. Bei Dickhornschafen am Ram Mountain in Kanada ist belegt, dass intensive Trophäenjagd über Jahrzehnte zu messbar kleineren Hörnern geführt hat. Warum das Töten um körperlicher Merkmale willen ethisch nicht zu rechtfertigen ist, beleuchtet unser Beitrag «Trophäenjagd: Was steckt hinter dem Töten als Statussymbol?».
Ein Geweih ist ein Wunderwerk der Regeneration. Es gehört an den Kopf eines lebenden Hirschs oder als Abwurfstange in den Kreislauf des Waldes, nicht an die Wand einer Stube. Weitere Hintergründe zu Wildtieren und ihrer Biologie finden sich in der Rubrik Bildung.
Häufige Fragen zum Geweihabwurf
Tut der Geweihabwurf dem Hirsch weh?
Der Abwurf ist kein gewaltsames Abreissen. Knochenabbau löst die Stange an einer vorbereiteten Trennstelle, die Wundfläche verheilt rasch.
Wann werfen Hirsche in der Schweiz ihr Geweih ab?
Rothirsche zwischen Februar und Mai, ältere Tiere früher als junge. Rehböcke werfen zwischen Oktober und Dezember ab.
Wie lange braucht ein neues Geweih?
Beim Rothirsch dauert der Aufbau vom Abwurf bis zum gefegten Geweih rund fünf Monate.
Darf man Abwurfstangen einfach mitnehmen?
Das ist kantonal unterschiedlich geregelt. Unabhängig davon gilt: Wildruhezonen dürfen im Winter nicht oder nur auf bezeichneten Routen betreten werden, und gezielte Stangensuche stört die Hirsche in der kräftezehrendsten Zeit des Jahres.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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