Wolfsregulierung Graubünden: Jagdpolitik statt Fakten
Der Kanton Graubünden plant, zwei weitere Wolfsrudel vollständig auszurotten. Offiziell heisst es, dies diene der «Sicherheit» und der «Schadenprävention». Doch je genauer man hinschaut, desto deutlicher wird: Es handelt sich weniger um notwendige Regulierung, sondern um eine politische Inszenierung, die mit wildbiologischen Fakten wenig zu tun hat.
Besonders grotesk ist der Fall des Muchetta-Rudels im Albulatal.
Dieses Rudel fiel während Jahren kaum auf. Es lebte zurückgezogen, verursachte keine besonderen Schäden und war nie Teil von Schlagzeilen. Genau jenes Rudel soll nun ausgelöscht werden.
Behördenlogik: Erst Jungtiere schiessen, dann behaupten, das Rudel sei «weniger scheu»
Die Wildhut tötete im Januar 2024 Welpen aus dem Muchetta-Rudel. Anschliessend stellten die Behörden fest, das Rudel sei nun «weniger scheu». Fachlich ist das widersprüchlich. Wissenschaftlich ist es längst belegt, dass sozial destabilisierte Wolfsrudel eher Risiken eingehen, Beutetiere wechseln oder weniger berechenbar handeln.
Trotzdem behauptet das zuständige Departement in der Abschussverfügung, das Rudel weise «unerwünschtes Verhalten gegenüber Menschen» auf. Belegt wird das nicht. Forschungsergebnisse widerlegen die unsinnige Annahme, Wölfe hätten ihre Scheu vor Menschen verloren. Im Gegenteil: Sie zeigen, dass Wölfe den Menschen nach wie vor als grösste Bedrohung wahrnehmen.
Naturschutzorganisationen sprechen von einem politischen Ablenkungsmanöver. David Gerke von der Gruppe Wolf Schweiz kritisiert, dass keinerlei Nachweis existiert, wonach solche Eingriffe die Sicherheit von Menschen erhöhen. Man ignoriere, dass schlecht begründete Abschüsse das Gegenteil bewirken können.
Das Märchen der «notwendigen Regulierung»
Seit Jahren wiederholen Jagd- und Politikerkreise mantraartig, Wölfe müssten regelmässig geschossen werden, sonst werde die Lage untragbar. Doch weder die Schadenszahlen noch die Entwicklung der Konflikte stützen dieses Narrativ. Vielmehr zeigt sich, dass Abschüsse sozial intakte Rudel zerstören und dadurch:
- unerfahrene Jungwölfe vermehrt Nutztiere attackieren
- territoriale Strukturen zusammenbrechen
- der Störungsgrad steigt
- das Verhalten weniger vorhersehbar wird
Christina Steiner, Präsidentin des Vereins CHWolf, spricht von einer Politik, die «regelmässig am Ziel vorbeischiesst». Statt Schäden zu verringern, verursache man zusätzliche Probleme. Die Familienstruktur der Wölfe werde zerstört, das Sozialverhalten beeinträchtigt, und am Ende bereue man die eigenen Abschüsse.
Ein Systemfehler: Jagdpolitik überlagert Wildbiologie
Es fällt auf: Immer wenn die Lage sich beruhigt und ein Rudel unauffällig lebt, kommt die nächste Abschussverfügung. Nicht weil es fachlich nötig ist, sondern weil die politische Erwartungshaltung im Hintergrund weiterläuft. Die Hobby-Jägerschaft, die sich vielerorts als Hüter der Natur inszeniert, profitiert von einer Regulierungspraxis, die Wölfe als Störfaktor definieren muss, um die eigenen Eingriffe zu rechtfertigen.
Auch der Bund lässt sich zunehmend von diesem Druck leiten. Statt sachliche Vorgaben konsequent anzuwenden, werden Ausnahmebewilligungen zunehmend zur Routine. Der Abschuss des Silsner Rudels im Unterengadin ist bereits bewilligt, obwohl zentrale Fragen ungeklärt bleiben.
Eine Regulierung, die Schäden schafft, um sie zu rechtfertigen
Der Fall Muchetta zeigt beispielhaft, wie problematisch das System geworden ist. Ein unauffälliges Rudel wird durch staatliche Eingriffe destabilisiert. Danach werden die Folgen dieser Eingriffe als Grund für die vollständige Auslöschung verwendet. Diese Logik ist nicht nur fachlich absurd, sie ist gefährlich. Am Ende bleibt eine Spirale der Eskalation, die wenig mit Naturschutz und viel mit Symbolpolitik zu tun hat.
Die Frage, die sich stellt: Wie lange will die Schweiz noch eine Wolfsverwaltung akzeptieren, die Probleme erzeugt, um sie anschliessend mit der Flinte zu lösen?
Eine moderne Wildtierpolitik müsste auf wissenschaftliche Grundlagen setzen, nicht auf jagdpolitische Reflexe. Sie müsste Rudel erhalten, statt sie zu zerstören. Und sie müsste anerkennen, dass Wölfe keine Bedrohung sind, sondern ein wertvoller Bestandteil funktionierender Ökosysteme.
Das Amt für Jagd und Blödsinn in Graubünden steht heute wieder exemplarisch dafür, wie man es nicht machen sollte.
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