Neue Studien: Luchs in der Schweiz bleibt trotz Comeback bedroht
Zum Tag des Luchses am 11. Juni 2026 belegen zwei neue wissenschaftliche Studien, dass das Überleben des Luchses in der Schweiz trotz rund 360 Tieren im Alpen- und Juraraum keineswegs gesichert ist.
Verkehrsunfälle, eine kaum erfasste Wilderei und angeborene Herzfehler infolge genetischer Verarmung setzen der grössten Wildkatze Europas weiterhin zu.
Der WWF Schweiz hat am 10. Juni 2026 anlässlich des internationalen Aktionstags zwei aktuelle Untersuchungen vorgestellt, die ein ernüchterndes Bild zeichnen. Fünfzig Jahre nach der Wiederansiedlung gilt der Luchs zwar als seltene Erfolgsgeschichte des Schweizer Artenschutzes. Doch die Daten zeigen: Der Mensch bleibt die mit Abstand grösste Gefahr für den scheuen Beutegreifer.
Verkehr tötet am häufigsten, Wilderei bleibt im Dunkeln
Eine im Fachjournal PLOS ONE publizierte Analyse zu Sterblichkeit und Krankheiten freilebender Luchse kommt zum Schluss, dass Kollisionen auf Strasse und Schiene unverändert die Todesursache Nummer 1 darstellen. Daneben weist die Untersuchung auch illegale Tötungen nach. Entscheidend ist dabei die Einordnung der Forschenden: Das tatsächliche Ausmass der Wilderei dürfte wegen einer hohen Dunkelziffer deutlich unterschätzt werden.
Diese Einschätzung deckt sich mit dem, was Wild beim Wild seit Jahren dokumentiert. Eine Studie der Universität Bern zeigte bereits 2020, dass illegale Abschüsse die Luchsbestände im Wallis über Jahre massiv ausgebremst haben. Wie strukturell das Problem ist, zeigt das Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz: Es fehlen nationale Statistiken, Verfahren werden eingestellt, und Täter aus dem Umfeld der Hobby-Jagd bleiben in den meisten Fällen unbehelligt. Erst im Oktober 2025 wurde im Kanton Freiburg eine gewilderte Luchsmutter tot aufgefunden, ihre verwaisten Jungtiere hatten kaum Überlebenschancen. Dass die Schweiz illegale Luchstötungen im internationalen Vergleich auffallend milde ahndet, zeigt der Beitrag Erschlagener Luchs im Elsass: Frankreich bestraft hart, die Schweiz schweigt fast.
Angeborene Herzfehler als Folge genetischer Verarmung
Die zweite Studie, erschienen im Journal of Wildlife Diseases, dokumentiert bei vier freilebenden Luchsen eine subaortale Stenose: eine angeborene Verengung im Herzen, die das Pumpen des Blutes erschwert. Diese Fehlbildung ist bei Wildkatzen normalerweise äusserst selten. Die Forschenden sehen einen möglichen Zusammenhang mit der geringen genetischen Vielfalt der Schweizer Populationen, die allesamt auf wenige in den 1970er-Jahren ausgesetzte Tiere zurückgehen.
Damit wird die genetische Verarmung vom abstrakten Fachbegriff zum konkreten Gesundheitsrisiko: Inzucht schlägt sich direkt in kranken Herzen nieder. Welche zentrale Rolle der Luchs für intakte Wälder und stabile Wildbestände spielt, erläutert der Hintergrundbeitrag zur Bedeutung des Luchses für den Erhalt der Artenvielfalt.
Rund 360 Luchse: Die Schweiz trägt besondere Verantwortung
Im grenzübergreifenden Alpen- und Juraraum leben nach Angaben des WWF rund 360 Luchse, die meisten davon in der Schweiz. «Die Schweiz verbindet die Luchspopulationen in den Alpen und im Jura. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung, diese Lebensräume wirksam zu vernetzen», lässt sich WWF-Luchsexperte Gabor von Bethlenfalvy in der Mitteilung zitieren. Der Luchs beeinflusse den Wildbestand und stärke damit die Stabilität der Wälder.
Als Lösungen nennt der WWF vernetzte Lebensräume, gezielte Aussetzungen zur genetischen Auffrischung, internationale Zusammenarbeit und ein konsequentes wissenschaftliches Monitoring.
Schutz auf dem Papier genügt nicht
Der Luchs ist durch das Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0) streng geschützt. Die neuen Studien zeigen jedoch, dass dieser Schutzstatus wenig wert ist, solange Wilderei systematisch unter dem Radar bleibt und Verstösse selten konsequent verfolgt werden. Wer den Luchs langfristig in der Schweiz halten will, muss nicht nur Wildtierkorridore bauen, sondern auch die strukturelle Straflosigkeit rund um illegale Abschüsse beenden.
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