Studie: Mehr Wölfe, aber die Akzeptanz in der Schweiz bleibt stabil
Eine Studie der Universität Zürich und der Stiftung KORA zeigt: Zwischen 2015 und 2023 blieb der Rückhalt für den Wolf landesweit stabil. Die regionalen Unterschiede hängen stärker mit Höhenlage und Bevölkerungsdichte zusammen als mit Wolfsnähe oder Nutztierrissen.
Symbolbild. Foto: Daniela Kelsch / Unsplash
«Wolfslied»
Die Zahl der Wölfe in der Schweiz ist seit 2015 stark gewachsen, die Haltung der Bevölkerung zum Wolf hat sich dabei kaum verändert. Das zeigt eine Studie der Universität Zürich und der Stiftung KORA, die in der Fachzeitschrift «Biological Conservation» erschienen ist. Ihr Titel fasst das Ergebnis zusammen: Die Wiederbesiedlung durch den Wolf sagt die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht voraus.
Das Team um Erstautorin Carolyn K. Schaltegger hat zwei landesweite Befragungen verglichen: eine aus dem Jahr 2015, als sich der Wolf gerade wieder ausbreitete, und eine aus dem Jahr 2023. Seit der ersten nachgewiesenen Fortpflanzung 2012 wuchs der Bestand laut Studie um rund 30 Prozent pro Jahr, im November 2023 lebten über 30 Rudel in der Schweiz. Gestellt wurde beide Male dieselbe Frage: Sind Sie dafür oder dagegen, dass Wölfe in der Schweiz leben? Ausgewertet wurden 3’142 Antworten aus dem Jahr 2015 und 5’917 Antworten aus dem Jahr 2023, verteilt über das ganze Land.
Die Akzeptanz blieb stabil
Landesweit veränderte sich die Akzeptanz zwischen den beiden Befragungen kaum, mit einer leicht positiven Verschiebung. Die Forschenden sprechen von einer bemerkenswert stabilen Akzeptanz, die Stiftung KORA nennt die Einstellungen in ihrer Mitteilung «erstaunlich stabil». Der Anteil der Befragten, die klar gegen Wölfe sind, sank laut KORA sogar leicht, von 37,5 auf 31,8 Prozent, wie die Nachrichtenagentur Keystone-SDA berichtet.
Regional gab es Bewegungen in beide Richtungen. In den Städten Zürich, Basel und Genf nahm die Akzeptanz zu, entlang des Juras und in Teilen der Alpen in den Kantonen Bern, Tessin und Graubünden nahm sie ab. Auffällig: In einigen Berggebieten im Wallis und in Graubünden, wo der Wolf zuerst zurückkehrte und die Akzeptanz 2015 am tiefsten war, stieg sie bis 2023, obwohl die Zahl der Wölfe weiter wuchs. Eine hohe Akzeptanz fanden die Forschenden auch in Bergregionen wie dem südlichen Tessin, Mittelbünden und den städtischeren Teilen des Wallis.
Der Wohnort erklärt mehr als die Wolfsnähe
Am stärksten erklärt die Höhenlage, wo Menschen den Wolf ablehnen, gefolgt von der Bevölkerungsdichte. In Berggebieten ist die Akzeptanz tiefer als im Flachland, auf dem Land tiefer als in der Stadt. Die Höhenlage steht in der Studie stellvertretend für soziokulturelle Unterschiede wie Traditionen der Landnutzung, politische Ausrichtung und regionale Identität.
Faktoren, die mit dem Wolf selbst zu tun haben, erklären dagegen kaum etwas. Weder die Distanz zum nächsten Wolfsnachweis noch die Dauer der Wolfspräsenz, die Nähe zu Nutztierrissen, die Zahl der Schafe, Ziegen und Rinder oder die Zahl der Sömmerungsbetriebe sagten voraus, wo sich die Haltung veränderte. Das Modell für die Veränderungen erreichte mit diesen Grössen eine Erklärungskraft von unter einem Prozent. Lokale Risse führten also nicht zwangsläufig zu weniger Toleranz.
Veränderungen der Akzeptanz traten räumlich gebündelt auf. Die Forschenden vermuten dahinter den Austausch innerhalb der Gemeinschaften sowie Einflüsse lokaler Politik und lokaler Medien. So ging die Akzeptanz im Jura zurück, aber nicht gezielt dort, wo Wölfe näher oder länger präsent waren. Ablehnung könne entstehen, bevor der Wolf überhaupt da sei, weil Ängste sozial weitergegeben würden, schreiben die Autorinnen und Autoren.
Weniger Fläche mit Konfliktpotenzial
Die Studie legt die Akzeptanzkarten zudem über ein Modell, das zeigt, wo die Schweiz für den Wolf ökologisch geeignet ist. Wo guter Lebensraum auf tiefe Akzeptanz trifft, sehen die Forschenden ein Potenzial für Konflikte. Diese Fläche schrumpfte zwischen 2015 und 2023 von 23’578 auf 17’955 Quadratkilometer, also um 5’623 Quadratkilometer. Am grössten bleibt das Konfliktpotenzial in den Zentralalpen.
Die Autorinnen und Autoren weisen selbst auf Grenzen hin: Wer an einer freiwilligen Befragung teilnimmt, ist nicht zwingend repräsentativ für alle. Die Rücklaufquote lag 2015 bei 33,3 und 2023 bei 29,8 Prozent. Eine weitere Befragung plant KORA für die Jahre 2027 und 2028.
Was das für die Wolfspolitik bedeutet
Der Zeitraum der Studie endet kurz vor dem Systemwechsel: Seit Dezember 2023 erlaubt die Schweiz die proaktive Regulierung, also Abschüsse ganzer Rudel oder von bis zu zwei Dritteln der Jungtiere, bevor ein konkreter Schaden entstanden ist. Was die Revision des Jagdgesetzes geändert hat, haben wir separat zusammengefasst. Ob tödliche Regulierung die Akzeptanz verbessert und Konflikte verringert, müsse erst noch untersucht werden, halten die Forschenden fest. Ihre Daten bilden dafür die Ausgangslage.
In der laufenden Saison wurden bereits zahlreiche Wölfe getötet, wie unser Zähler Wolfsabschüsse Schweiz 2026/27 zeigt. Gleichzeitig verlangen SVP-Politiker in Nidwalden, Uri und Luzern, den Bestand auf 50 bis 100 Tiere zu senken, wie wir im Beitrag «Nidwalden: SVP will nur noch 50 bis 100 Wölfe in der Schweiz» berichtet haben. Dass Abschüsse die Fortpflanzung sogar ankurbeln können, erklärte kürzlich der Wildtierökologe Raphaël Arlettaz.
Kommentar: Mehr Wölfe bedeuten nicht weniger Akzeptanz
Abschüsse würden die Akzeptanz für den Wolf sichern: Dieses Argument gehört zum Standardrepertoire der Wolfsdebatte. Die Studie aus Zürich stellt zumindest die Annahme infrage, dass mehr Wölfe zwangsläufig zu weniger Akzeptanz führen. Einen Nachweis, dass Abschüsse die Zustimmung erhöhen, liefert sie nicht. Mehr Wölfe haben die Bevölkerung nicht gegen den Wolf aufgebracht, und dort, wo der Wolf am längsten lebt, ist die Akzeptanz teilweise sogar gestiegen. Die regionalen Muster der Ablehnung lassen sich durch Wolfsnähe und Nutztierrisse allein kaum erklären. Als mögliche Hintergründe nennen die Forschenden Werte, Traditionen und lokale gesellschaftliche Debatten.
Wenn lokale Debatten und gemeinschaftliche Wertvorstellungen die Akzeptanz mitprägen, tragen Politik und Medien besondere Verantwortung für eine sachliche Darstellung. Dass ein frei lebender Wolf in der Schweiz Menschen gefährlich geworden wäre, ist nicht dokumentiert, wie der Beitrag «Wolf Schweiz gefährlich für Menschen? Fakten und Mythen» zeigt. Und wo Nutztiere gerissen werden, fehlt oft der Herdenschutz: Im Tessin waren nach den Zahlen des Kantons nur 6 von 131 gerissenen Tieren angemessen geschützt.
Für uns folgt daraus: Die Politik soll auf Herdenschutz und ehrliche Information setzen, statt Abschussquoten als Garant für mehr Akzeptanz darzustellen. Klar gegen den Wolf ist laut KORA knapp ein Drittel der Befragten. Mehr über seine Rolle im Ökosystem steht in unserem Wolf-Dossier.
Quellen
- Schaltegger C. K., Ozgul A., Andres L., Alessandrello V. L., Cozzi G., von Arx M., Gerber N., Behr D. M. (2026): Wolf recolonisation does not predict public acceptance. Biological Conservation 321, 111992 (Open Access)
- Keystone-SDA via blue News, 5. November 2026: Mehr Wölfe schmälern den Rückhalt in der Bevölkerung nicht
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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