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Wildtierökologe Arlettaz: Wolfsabschüsse kurbeln die Fortpflanzung an

Der Co-Direktor des Instituts für Ökologie und Evolution der Universität Bern hält die Wolfsregulierung des Bundes für unnötig und biologisch kontraproduktiv.

Redaktion Wild beim Wild · 29. Oktober 2026
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Raphaël Arlettaz, Co-Direktor des Instituts für Ökologie und Evolution an der Universität Bern, hält die Wolfsregulierung des Bundes für unnötig. Mehr noch: Aus biologischer Sicht sei sie kontraproduktiv. Das sagt der Walliser Wildtierökologe in einem Beitrag von SRF Wissen, der am 29. Oktober 2026 erschienen ist und auf einer Sendung von «Echo der Zeit» vom 26. Oktober beruht. Laut SRF ist Arlettaz einer von ganz wenigen Wissenschaftlern in der Schweiz, die ihre Haltung zur Wolfsregulierung offen aussprechen.

«Es braucht theoretisch keine Regulierung»

Arlettaz untersucht im Wallis, unter anderem im Derborence-Tal südlich von Sion, wie sich Wolf und Luchs auf Gämsen, Hirsche und Rehe auswirken und umgekehrt. Dafür hängen im ganzen Kanton über 100 Fotofallen der Universität Bern. Sein Befund: Eine Wolfspopulation wachse nie exponentiell, sondern reguliere sich mittelfristig selbst. Es sei eine Illusion, dass ein Ökosystem besser werde, wenn der Mensch eingreife. «Es braucht theoretisch keine Regulierung», sagt Arlettaz.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Ausbreitung des Wolfs einfach laufen lassen und beobachtet, wie sich die Rudel in der Landschaft verteilen. Dann, so Arlettaz, wäre der Wolfsbestand heute bereits stabil.

Abschüsse treiben die Fortpflanzung an

Den Kern seiner Kritik fasst Arlettaz in einem Satz zusammen: Mit der Regulierung kurble man nur die Fortpflanzungsrate an. Ein Rudel gleiche Abschüsse aus, indem es sich deutlich stärker vermehre, ähnlich wie man es vom Fuchs kenne.

Dieses Muster ist bei bejagten Wildtieren gut belegt. Unter Jagddruck pflanzen sich Wildschweine, Hirsche und andere Arten früher und häufiger fort, wie die Studien auf unserer Seite «Jagd im Faktencheck» zeigen. Beim Fuchs gleichen Nachwuchs und Zuwanderung selbst hohe Abschussraten aus, wie das Dossier zum Fuchs in der Schweiz dokumentiert. Beim Wolf kommt hinzu, dass Abschüsse die Rudelstruktur zerreissen. Warum stabile Rudel weniger Nutztiere reissen, haben wir hier zusammengefasst.

Platz für über 60 Rudel, heute rund 40

In einer Studie hat Arlettaz die ökologische Tragfähigkeit der Schweiz für den Wolf berechnet. Gemessen an Revieren und Nahrungsangebot hätte das Land Platz für mehr als 60 Rudel beziehungsweise rund 1000 Wölfe. Heute leben laut SRF rund 40 Rudel in der Schweiz. Politisch sei eine solche Zahl chancenlos, schreibt SRF, ökologisch aber könnte es von Vorteil sein, mehr Beutegreifer zuzulassen.

Die Politik geht in die Gegenrichtung. Wie SRF im Februar 2026 berichtete, unterstützt der Bundesrat eine Obergrenze für die Wolfspopulation. Der Nationalrat hat zudem mit 116 zu 73 Stimmen einer Motion zugestimmt, die Abschüsse ab einem festgelegten Schwellenwert erlauben soll. Wie viele Wölfe seit dem 1. September getötet wurden, führt unser Wolfszähler nach Kantonen und Rudeln.

Wolf und Wald

Arlettaz verweist auch auf die Förster: Wo Wolf und Luchs Rehe, Gämsen und Hirsche in Schach halten, wachsen junge Weisstannen, Eichen und Ahorne leichter nach. Was das für den Schutzwald bedeutet und warum laut WSL die Hobby-Jagd die Huftiere stärker beeinflusst als der Wolf, haben wir in «Mehr Wölfe, mehr Waldschäden?» und «Ohne Wolf kein Wald» ausgeführt. Arlettaz selbst will den Wolf allerdings nicht nach seinem «Nutzen» bewerten: Ökosysteme hätten während Jahrmillionen ohne den Menschen funktioniert.

Einordnung

Dass ein Forscher dieses Rangs der Bundespolitik so klar widerspricht, ist bemerkenswert, aber nicht neu für die Forschungsgruppe in Bern. Erst im September zählte eine Studie derselben Universität im Wallis 37 Luchse statt der politisch behaupteten 80, ausgerechnet jene Zahl, mit der der Kanton Abschüsse begründen wollte. Das Muster ist dasselbe: Die Wolfs- und Luchspolitik stützt sich auf Annahmen, die der Forschung nicht standhalten. Wer Abschüsse als Bestandskontrolle verkauft, obwohl sie laut Wildtierökologie die Fortpflanzung antreiben, betreibt keine Regulierung, sondern Symbolpolitik auf Kosten der Rudel.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

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