15. September 2026, 10:48

Suchen

Kriminalität & Jagd

Forschungshirsch «Ossi» auf Rügen erlegt: Ein Schuss gegen die Wissenschaft

Ein besenderter Rothirsch aus einem laufenden Forschungsprojekt wird erlegt, laut Jagdverband ohne Abschussfreigabe. Der Fall wirft eine grundsätzliche Frage an die Jagdpraxis auf.

Redaktion Wild beim Wild — 14. September 2026
Audio zum Beitrag

«Die Krone im Moos»

0:00 -0:00
Alle Lieder

Auf der Ostseeinsel Rügen ist im September 2026 der besenderte Forschungshirsch «Ossi» erlegt worden.

Nach Angaben des Jagdverbands Rügen und Hiddensee lag für das deutlich markierte Tier keine Abschussfreigabe vor.

Der junge Rothirsch trug ein auffälliges gelbes Senderhalsband mit der Nummer 60 sowie Ohrmarken. Als erster besenderter junger Hirsch des Forschungsprojekts «Wild auf Wanderschaft» lieferte er über längere Zeit Bewegungsdaten zum Rotwild auf Rügen und Hiddensee. Die Daten sollten helfen, zu verstehen, wie sich die Tiere zwischen Wäldern, Feldern, Küstenräumen und touristisch genutzten Gebieten bewegen. Mit «Ossi» ist eines der zentralen Forschungstiere des Projekts tot.

Deutlich markiert und dennoch erlegt

Thomas Nissen, Vorsitzender des Jagdverbands Rügen und Hiddensee, bezeichnete den Abschuss als wissenschaftlichen und wildtierökologischen Verlust. Das Projekt sei auf den Inseln bekannt gewesen, mehrfach medial vorgestellt und auch im Rahmen eines Rotwildsymposiums thematisiert worden. Der Verband fordert Aufklärung, weist aber zugleich darauf hin, keine Ermittlungsbehörde zu sein.

Der Fall wirft eine grundlegende Frage auf: Wie verlässlich ist die viel beschworene Ansprache von Wildtieren vor dem Schuss? Ein Forschungshirsch mit gelbem Halsband und Ohrmarken hätte nicht in einer Abschussstatistik enden dürfen. Ob die Markierungen im konkreten Moment sichtbar waren, unter welchen Bedingungen geschossen wurde und weshalb der Hirsch überhaupt erlegt wurde, muss nun aufgeklärt werden.

Auch in der Schweiz zeigen dokumentierte Fehlabschüsse immer wieder, welche Folgen es hat, wenn Tiere nicht zweifelsfrei angesprochen werden. Erst im September 2026 wurde im Bündner Avers ein Pferd mit einem Hirsch verwechselt und erschossen, am selben Jagdwochenende, an dem im Tessin zwei Hobby-Jäger tödlich verunglückten. Ein Fall wie jener von «Ossi» verweist deshalb nicht bloss auf ein individuelles Versagen, sondern auf ein strukturelles Risiko einer Hobby-Jagdpraxis, in der Fehlentscheidungen für Tiere tödlich enden.

Empörung über den Verlust, aber welchen Verlust?

Bemerkenswert ist, dass gerade der Jagdverband den Vorgang öffentlich kritisiert. In seiner Kommunikation stehen der Verlust wissenschaftlicher Daten, der wildtierökologische Schaden und die Kosten einer möglichen erneuten Besenderung im Zentrum. Dass ein individuell bekanntes Tier getötet wurde, dessen Bewegungen über längere Zeit dokumentiert wurden, wird damit vor allem als Verlust für Forschung und Projektfinanzierung behandelt.

Für «Ossi» selbst bleibt in dieser Rechnung wenig Raum. Er war nicht bloss ein Senderträger oder ein Datensatz, sondern ein lebendes Wildtier mit einem eigenen Bewegungsraum und einer eigenen Geschichte. Seine Bekanntheit schützt ihn im Nachhinein vor dem Vergessen, nicht aber vor dem Schuss.

Ungeklärt ist zudem, was nach dem Abschuss mit dem Tier geschah. Öffentliche Berichte weisen darauf hin, dass zum Verbleib des Wildbrets bislang keine Angaben vorliegen. Ob der Hirsch zerwirkt, verkauft, weitergegeben oder verzehrt wurde, ist nicht dokumentiert.

Was der Fall über die Hobby-Jagd verrät

«Ossi» war kein anonymes Tier in einer Jagdstatistik. Er war ein markierter, wissenschaftlich begleiteter Rothirsch. Wenn selbst ein solches Tier nicht vor einem unzulässigen oder ungeklärten Abschuss geschützt ist, stellt sich die Frage, welche praktische Bedeutung Kennzeichnung, Projektkommunikation und angebliche Sorgfaltspflichten im Hobby-Jagdalltag tatsächlich haben.

Der Rothirsch wurde von der Deutschen Wildtier Stiftung zum Tier des Jahres 2026 erklärt. Gleichzeitig wird er in weiten Teilen Europas noch immer vor allem als regulierbares Abschussobjekt behandelt. In der Schweiz wurde er im 19. Jahrhundert durch intensive Verfolgung und Bejagung ausgerottet und kehrte erst ab dem frühen 20. Jahrhundert über die Alpen aus eigener Kraft zurück. Der Tod von «Ossi» auf Rügen zeigt, wie rasch wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn, individueller Tierschutz und der Anspruch auf sorgfältige Jagdausübung an einem einzigen Schuss scheitern können.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden