Sarajevo-Safaris: Die Lugano-Spur im Fokus
Eine Gruppe von Hobby-Jägern rund um einen Luganer Kunsthändler soll für die «Menschen-Safaris» nach Bosnien gereist sein. Belege fehlen, seriöse Recherchen zweifeln, und genau deshalb lohnt der zweite Blick.
Vor rund zehn Monaten griffen wir erstmals den schwerwiegenden Verdacht auf, wonach wohlhabende Westeuropäer während des Bosnienkriegs dafür bezahlt haben sollen, von den Hügeln um Sarajevo auf Zivilistinnen und Zivilisten zu schiessen.
Damals stand die Analogie im Vordergrund, die sich aufdrängt, sobald man das Milieu kennt. Jetzt taucht erstmals ein konkreter Bezug zum Tessin auf. Zugleich wird deutlicher, wie dünn die öffentlich bekannte Beweislage weiterhin ist.
Was neu ist
Wie der «Blick» am 13. September 2026 berichtet, sind bei der Schweizer Bundesanwaltschaft Strafanzeigen mit Informationen zu möglichen Tätern und Mitwissenden aus der Schweiz eingegangen. BA-Sprecher Maximilian Tikhomirov bestätigt die Anzeigen, äussert sich zu Details aber nicht. Er sagt lediglich, man prüfe die Anzeigen nach dem üblichen Vorgehen, und betont, dass bisher kein Strafverfahren eröffnet wurde. Noch sei offen, ob ein hinreichender Tatverdacht bestehe und ob die Bundesanwaltschaft überhaupt zuständig wäre.
Damit rückt zum ersten Mal eine geografisch konkrete Tessiner Dimension ins Bild. Der Mailänder Autor Ezio Gavazzeni, der die internationalen Ermittlungen mit seinem Buch «I cecchini del weekend» («Die Wochenendschützen») ins Rollen gebracht hat, konkretisiert seine früheren Andeutungen erstmals. Gavazzeni zufolge handle es sich um Schweizer und Italiener, die sich damals um einen Kunsthändler in Lugano gruppiert hätten. Die Gruppe habe aus Jägern bestanden, die für die «Sniper-Safaris» gemeinsam nach Bosnien gereist seien. Der Kunsthändler soll selbst nicht geschossen, aber von den behaupteten Reisen und Taten detailliert erfahren haben. Der «Blick» berichtet, zwei voneinander unabhängige Quellen stützten diese Darstellung; öffentlich überprüfbare Belege liegen jedoch nicht vor.
Ein entscheidender Satz steht denn auch im «Blick»: Belastbare Belege dafür fehlen bis jetzt.
Der Ursprung des Verdachts
Ins Rollen kam alles mit dem slowenischen Dokumentarfilm «Sarajevo Safari» (2022) von Miran Zupanič. Gavazzeni sah den Film und begann zu recherchieren. In seinem im März 2026 erschienenen Buch behauptet er, rund 230 Italiener und insgesamt mehrere Hundert Ausländer könnten beteiligt gewesen sein. Kolportiert werden zudem Tarife, die an blanken Zynismus grenzen: Nach Angaben, die bislang nicht unabhängig belegt sind, sollen bis zu 25’000 Euro für einen erschossenen Mann, 40’000 für eine Frau und knapp 50’000 für ein Kind bezahlt worden sein. Die «Kundschaft» sei meist über Triest angereist und von Angehörigen der bosnisch-serbischen Armee zu den Stellungen gebracht worden.
Die Ermittlungslandschaft ist real und international. In Mailand läuft seit 2025 ein Verfahren; im Februar 2026 wurde ein inzwischen 80-jähriger Mann aus Norditalien einvernommen, der die Vorwürfe zurückweist. In Österreich läuft seit April 2026 ein Ermittlungsverfahren gegen einen österreichischen Staatsbürger sowie eine unbekannte Person. Ende Juni war zudem ein Austausch italienischer, belgischer und bosnischer Ermittler im Rahmen der EU-Justizbehörde Eurojust angekündigt; Angaben zu Ort und genauer Zusammensetzung der Runde sind in den öffentlichen Berichten nicht einheitlich. Gavazzeni sagt, er sei von den Staatsanwaltschaften in Bern und Brüssel angehört worden und habe auch die Bundesanwaltschaft mit Namen mutmasslicher Zeugen versorgt.
Warum wir hier vorsichtig bleiben
Und jetzt der Teil, den man in reisserischen Aufmachern gern weglässt. Die Recherche des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) stellt die Beweislage substanziell infrage, und wir nehmen diese Zweifel ernst, weil Glaubwürdigkeit nicht teilbar ist.
BIRN hat die Darstellung im Juli 2026 auseinandergenommen: Die Beweislage sei dünn, die Aussagen zentraler Quellen widersprüchlich und unbestätigt. Zwei namentlich genannte Schlüsselquellen distanzierten sich später von der Darstellung im Buch. Eine Forscherin des Belgrader Humanitarian Law Center durchsuchte die Archive des UNO-Kriegsverbrechertribunals und fand ausser einer bekannten Zeugenaussage und dem Fall eines kanadischen Freiwilligen nichts, wobei dieser Kanadier gerade kein zahlender Tourist, sondern ein ausländischer Kämpfer war. Ein früherer UNO-Pressesprecher gibt zu bedenken, dass in Sarajevo durchgehend die renommiertesten Kriegsreporter der Welt stationiert waren, und hält es für kaum vorstellbar, dass ihnen eine derart gravierende Sache entgangen wäre. Beobachter, die den Fall seit Langem verfolgen, weisen zudem darauf hin, dass Gavazzenis Erzählung mit der Zeit gewachsen ist, von einer kleinen Zahl Beteiligter zu Bussen voller Schützen und über 300 Personen, samt einer angeblichen geheimen Landepiste bei Sarajevo, für die es keinen Nachweis gibt. In einer jüngsten gemeinsamen Recherche kamen ARTE und BIRN erneut zum Schluss, dass ein schlüssiger Beweis weiterhin fehlt.
Gavazzeni hält dagegen, das sei der Finger, der den Mond verdecke, ein Ablenkungsmanöver, um eine von mehreren europäischen Staatsanwaltschaften getragene Untersuchung scheitern zu lassen.
Was der Fall über Jagdkultur sichtbar macht
Ob sich die Vorwürfe erhärten, ist offen. Gerade deshalb darf dieser Fall nicht als Beleg dafür dienen, Hobby-Jäger pauschal mit Kriegsverbrechen in Verbindung zu bringen. Eine solche Gleichsetzung wäre falsch.
Gleichwohl ist auffällig, dass in den bisherigen Erzählungen, Anzeigen und Medienberichten immer wieder von Menschen aus einem Milieu die Rede ist, in dem Waffen, Schiessen und organisierte Jagdreisen selbstverständlich sind. Auch die These, mögliche Reisen könnten über Strukturen abgewickelt worden sein, die sonst Jagdreisen in Länder wie Ungarn, Kroatien oder Rumänien organisieren, ist bislang eine Ermittlungsannahme, kein nachgewiesener Befund.
Für uns liegt die Relevanz deshalb nicht in einer vorschnellen Schuldzuweisung. Sie liegt in der Frage, welche kulturellen Bilder hinter der Jagd als Freizeitvergnügen stehen: das Tier als Trophäe, das Zielfernrohr als Distanzinstrument, das Töten als Erlebnis und Statussymbol. Diese Kritik an der Lustjagd steht für sich. Sie braucht keinen unbewiesenen Fall, um berechtigt zu sein.
Sollten sich die Vorwürfe von Sarajevo bestätigen, wäre allerdings zu klären, welche Netzwerke, welche Vermittler und welche Normalisierung von Gewalt solche Taten ermöglicht oder begünstigt haben könnten. Bis dahin gilt: recherchieren, präzise unterscheiden und weder verharmlosen noch behaupten, was nicht belegt ist. Wir bleiben an der Sache dran und melden uns, sobald die Bundesanwaltschaft Klarheit schafft, in die eine oder die andere Richtung.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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