Hobby-Jäger jagten Menschen im Bosnienkrieg
Während Sarajevo noch immer unter den Narben der Belagerung leidet, erschüttern neue Ermittlungen aus Italien nun auch das Selbstbild einer Szene, die sich allzu gern als Hüterin von Tradition und Natur inszeniert.
Der Verdacht, dass während der 1990er-Jahre ausländische Hobby-Jäger – viele aus dem Milieu jener „Killer“, die sonst nach Afrika oder Osteuropa reisen, um sich vor Tierkadavern zu fotografieren – Geld dafür bezahlten, auf Zivilisten zu schiessen, ist ein Schlag ins Gesicht für jede Gesellschaft, die sich zivilisiert nennen will.
Es ist die ultimative Konsequenz einer Kultur, die das Töten als Freizeitbeschäftigung verklärt.
In den Jahren 1993 und 1994 sollen insgesamt Hunderte reiche ausländische Hobby-Jäger, die keine Lust mehr hatten, immer nur auf Hirsche, Rehe und Wildschweine zu schiessen, 80’000 bis 100’000 Euro dafür bezahlt haben, auch einmal einen Menschen erlegen zu können. Die Hobby-Jäger sollen auch für die Jagd auf Kinder gezahlt haben.
Denn auch wenn zwischen Kriegsverbrechen und Wildtierjagd Welten liegen, die psychologische Grundhaltung ist erschreckend ähnlich: Der Blick durch das Zielfernrohr verwandelt alles, was lebt, in ein Objekt. In ein Ziel. In einen Treffer. Genau dieses Denken macht es möglich, dass sich Menschen, die sonst gern über Hege, Tradition und Nachhaltigkeit sprechen, plötzlich auf einer moralischen Ebene wiederfinden, die kaum noch von einem Abgrund zu unterscheiden ist.
Was die Organisation betrifft, so legt der Bericht nahe, dass die Gruppen aus Jägern bestanden. Daher ist anzunehmen, dass die Organisation der „Safaris“ höchstwahrscheinlich von Agenturen übernommen wurde, die üblicherweise Jagdreisen zu den üblichen Zielen – Ungarn, Kroatien, Slowenien, Serbien, Bulgarien, Rumänien usw. – organisierten, um grosse Beutetiere wie Hirsche und Wildschweine zu jagen. – Rai News
Seit Jahren beteuert die Hobby-Jägerschaft, ihre Tätigkeit habe nichts mit Lust am Töten zu tun. Doch die Realität spricht eine andere Sprache. Es ist kein Zufall, dass gerade jene Kreise, in denen Trophäen über dem Kamin hängen und sich Männlichkeit im Rückstoss des Gewehrs zu bewähren glaubt, nun in Verbindung mit grausamen Vorwürfen stehen. Wer sein Wochenende damit verbringt, Tiere für das gute Gefühl der eigenen Überlegenheit zu erschiessen, der darf sich nicht wundern, wenn irgendwann die Frage aufkommt, wie weit diese Entwertung des Lebens reicht.
Die Ermittlungen aus Mailand legen nahe, dass manche offenbar bereit waren, noch einen Schritt weiterzugehen: vom Wildtier zum Menschen. Und selbst wenn sich nur ein Bruchteil der Vorwürfe bewahrheiten sollte, zeigt das bereits, welche gefährlichen Fantasien in Teilen der Szene gären. Eine Kultur, die das Töten romantisiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn einige ihrer Anhänger irgendwann den moralischen Kompass vollständig verlieren.
Es handelt sich um passionierte Jäger, die sich einen zusätzlichen Adrenalinkick von einer menschlichen Trophäe erhofften. – Edlin Subašić Ex-Agent des bosnischen Geheimdienstes
Was in Sarajevo geschehen sein könnte, ist kein zufälliger Ausrutscher einer Randgruppe. Es ist das Endstadium eines Denkens, das Leben misst, bewertet und hierarchisiert und sich daraus das Recht ableitet, über Tod und Überleben zu entscheiden. Genau dieser Denkfehler durchzieht die Hobby-Jagd seit Jahrzehnten. Man redet sich ein, man handle im Sinne der Natur, während man in Wahrheit die Natur zum Schauplatz eigenen Geltungsdrangs macht.
Die Belagerung von Sarajevo war ein Kriegsverbrechen. Aber die aktuelle Debatte zeigt: Wenn eine Gesellschaft das Töten zu einem legitimen Freizeitangebot macht, dann braucht es nur den passenden Kontext, bis das Undenkbare möglich wird. Und das ist die schärfste Mahnung an all jene, die die Hobby-Jagd weiterhin als harmloses Hobby verklären möchten: Wer Leben zur Zielscheibe macht, verliert irgendwann die Fähigkeit, Leben zu respektieren, egal, ob es vier Beine hat oder zwei.
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