20. August 2026, 05:50

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Vom Skandal-Audio zur Tragödie: Der Fall Zali und der Tod der «Offensiva Animalista»-Präsidentin

Ein Telefonat, ein Rücktritt, ein ungeklärter Tod im Ceresio: Die Chronologie des Falls Zali.

Redaktion Wild beim Wild — 20. August 2026

Der politische Fall um den Tessiner Regierungsrat Claudio Zali erhielt am 18. August 2026 eine tragische neue Dimension: In Melide wurde eine 52-jährige Frau tot im Luganersee aufgefunden, die im Juli die belastenden Audioaufnahmen mit Zali verbreitet hatte.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete eine Untersuchung. Die Todesursache war zunächst nicht geklärt; die Ermittler erklärten, keine Hypothese auszuschliessen. Die Frau hatte rund zehn Tage zuvor nach einem mutmasslichen Angriff in Melide Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Ob dieser Vorfall mit ihrem Tod zusammenhängt, war bei Redaktionsschluss offen. Einen amtlich belegten Zusammenhang mit dem politischen Fall Zali gibt es bislang nicht.

Es handelt sich, wie der Verein selbst in einer Trauerbotschaft bestätigte, um Elisabetta, langjährige, «historische» Präsidentin von Offensiva Animalista, einer der ältesten Tessiner Tierrechtsgruppen im Einsatz gegen Zirkustierhaltung, Tierversuche und die Hobby-Jagd.

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Tessiner Medien nennen den vollständigen Namen der Verstorbenen bislang nicht. Auch dieser Bericht verzichtet darauf. Die hier verwendete Bezeichnung „Elisabetta“ folgt ausschliesslich der öffentlichen Trauerbotschaft ihres Vereins; weitergehende persönliche Angaben werden nicht publiziert.

Die Audioaufnahmen: Was Zali sagte

Im Zentrum des politischen Skandals stehen mehrere Ausschnitte aus einem Telefonat, das «einige Jahre» zurückliegt. Die Aufnahmen wurden über ein anonymes Instagram-Profil verbreitet und am 22. Juli 2026 durch Medienberichte breit öffentlich bekannt. RSI erklärte, sie habe die vollständig vorliegenden Aufnahmen angehört, sie in den Kontext einer langjährigen Bekanntschaft der Gesprächspartner einordnen können und halte sie deshalb für authentisch.

Zu hören ist ein Telefonat zwischen Zali und einer ihm bekannten Frau, die um Rat fragt, wie sie eine mutmassliche Stalkerin loswerden könne:

Frau: «Dimmi Claudio cosa devo fare perché tutto questo finisca?»
(«Sag mir, Claudio, was soll ich tun, damit das aufhört?»)

Zali: «Riempila di botte sotto casa tua.»
(«Hau sie vor deiner Haustür zusammen.»)

Frau: «Non posso, non posso.»
(«Ich kann nicht, ich kann nicht.»)

Zali: «Perché non puoi?»
(«Warum kannst du nicht?»)

Zali: «Io quando è venuta a casa mia l’ho pestata.»
(«Als sie zu mir nach Hause kam, habe ich sie verprügelt.»)

In einem zweiten, kürzeren Ausschnitt bringt Zali eine weitere Option ins Spiel:

Zali: «Mi viene in mente di chiamare un amico di Milano che non mi tradirebbe mai.»
(«Mir kommt in den Sinn, einen Freund aus Mailand anzurufen, der mich nie verraten würde.»)

Zali: «Non dirmi che non ci pensi anche tu a queste cose, almeno a farlo personalmente.»
(«Sag mir nicht, dass du nicht auch selbst daran denkst, das zumindest persönlich zu tun.»)

Die Gesprächspartnerin redet Zali im Verlauf der Aufnahme zweimal mit Vornamen «Claudio» an, einmal mit vollem Namen «Claudio Zali», was zur Identifizierung beitrug.

Reaktion und politischer Absturz

Nach der Veröffentlichung forderten die Präsidenten von PLR, Mitte und SP, Alessandro Speziali, Fiorenzo Dadò und Fabrizio Sirica, in einem an Zali gerichteten Brief öffentliche Aufklärung; der Corriere del Ticino hatte darüber am 22. Juli berichtet. Zali reagierte mit einer Medienmitteilung, in der er von einer «erneuten und instrumentalisierten Verletzung meiner Privatsphäre» sprach und Strafanzeigen gegen alle Beteiligten ankündigte, darunter explizit auch gegen die drei Parteipräsidenten.

Parallel wurde bekannt, dass gegen Zali bereits seit Ende Juni wegen Amtsmissbrauchs und versuchter Nötigung ermittelt wird, im Zusammenhang mit seinem Einsatz für einen 14-Jährigen, Sohn einer Bekannten, der im Gefängnis La Farera inhaftiert war. Die RSI berichtete zudem über eine ältere E-Mail Zalis von 2020 an die Leitung des Ospedale EOC, in der er sich für die Anstellung einer Bekannten einsetzte und vorschlug, dafür «einen der Grenzgänger zu entlassen, mit denen [das Spital] vollgestopft ist wie ein Cannolo mit Sahne».

Am 29. Juli 2026 kündigte Zali in einem Exklusivschreiben an Radio Ticino an, sein Amt Ende September 2026 niederzulegen; die konkrete Neuordnung der Departemente sollte nach seinem Ausscheiden entschieden werden. Zu den Audioaufnahmen erklärte er:

«La donna che al telefono ho detto di avere “picchiato” l’ho solo allontanata dalla mia proprietà quando, quasi 10 anni fa, si era presentata nottetempo a casa mia. Per farlo l’ho strattonata, ma non percossa. Mi ha querelato e pochi giorni dopo ha ritirato la denuncia.»

(«Die Frau, von der ich am Telefon sagte, ich hätte sie ‹verprügelt›, habe ich nur von meinem Grundstück weggewiesen, als sie vor fast zehn Jahren nachts bei mir auftauchte. Dafür habe ich sie weggezerrt, aber nicht geschlagen. Sie hat mich angezeigt und die Anzeige wenige Tage später zurückgezogen.»)

Zur Frau am Telefon selbst schrieb er:

«Quella che ho detto di voler far “picchiare”, da mesi stava assillando me e l’allora mia compagna. […] Il mio era lo sfogo, in privato, di una persona esasperata. […] Non ho picchiato nessuno, non ho mandato a picchiare nessuno. Non sono un violento.»

(«Diejenige, die ich schlagen lassen wollte, bedrängte mich und meine damalige Partnerin monatelang. […] Es war der private Ausbruch eines verzweifelten Menschen. […] Ich habe niemanden geschlagen, niemanden schlagen lassen. Ich bin kein gewalttätiger Mensch.»)

RSI berichtete zudem über frühere, getrennt zu betrachtende Vorwürfe aus Zalis persönlichem Umfeld. Eine Frau, auf die sich Zali in der Aufnahme mit der Aussage bezog, er habe sie «pestata», hatte demnach bereits 2017 Anzeige erstattet und diese später zurückgezogen. Die Frau, die die im Juli verbreiteten Audios auf Instagram veröffentlicht hatte, soll ihrerseits 2021 Anzeige erstattet haben: Sie warf Zali vor, sie geschlagen und in seinem Auto festgehalten zu haben. Laut RSI wurde die Anzeige nach einer Entschuldigung zurückgezogen, worauf die Staatsanwaltschaft das Verfahren nicht weiterführte. Diese Angaben sind keine gerichtlichen Feststellungen der behaupteten Übergriffe.

Sie verbreitete die Aufnahmen

Nach ersten unsicheren Meldungen berichtete RSI, dass die am 18. August in Melide tot aufgefundene 52-Jährige jene Frau war, die die Audioaufnahmen im Juli 2026 über Instagram verbreitet hatte. Die Kantonspolizei erklärte gegenüber «Blick» zunächst, die Identität der Toten sei behördlich noch nicht offiziell bestätigt, ein Hinweis darauf, dass die mediale Zuordnung zum Zeitpunkt der ersten Berichte auf journalistischer Recherche und nicht auf einer amtlichen Mitteilung beruhte.

Ein weiteres Detail: Die Frau hatte rund zehn Tage vor ihrem Tod, ebenfalls in Melide, nach einem mutmasslichen Angriff Anzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Ob zwischen diesem Vorfall und ihrem Tod ein Zusammenhang besteht, liess sich nach Angaben der Ermittler zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht feststellen; ausgeschlossen wurde er aber ebenso wenig.

Der Tod im Ceresio

Am Dienstag, 18. August 2026, gegen 17.30 Uhr, wurde die 52-Jährige, wohnhaft in Melide, wenige Meter vom Ufer entfernt leblos im Luganersee (Ceresio) aufgefunden. Passanten brachten sie an Land, die Kantonspolizei begann mit Reanimationsmassnahmen, die Rettungssanitäter der Croce Verde Lugano setzten diese fort. Die Bemühungen blieben erfolglos.

Die Todesursache war bei Redaktionsschluss amtlich nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft unter der Leitung von Staatsanwalt Roberto Ruggeri leitete eine Untersuchung ein und erklärte ausdrücklich, keine Hypothese vorschnell auszuschliessen. Das Autopsieergebnis stand noch aus.

Elisabetta und «Offensiva Animalista»

Elisabetta war laut Vereinsangaben über Jahre hinweg «historische Präsidentin» von Offensiva Animalista, einer 2009 gegründeten Tessiner Tierrechtsgruppe. Die Gruppe grenzte sich in ihrer eigenen Selbstdarstellung von gemässigteren Tierschutzorganisationen ab und setzte nach eigenen Angaben auf direkte Aktionsformen statt auf Unterschriftensammlungen.

Zu den historisch dokumentierten Kampagnen und Auseinandersetzungen der Gruppe gehörten:

  • Gegen Zoos und Zirkusse: jahrelanger Protest gegen den Zoo al Maglio in Neggio, wiederkehrende Kundgebungen gegen die Zirkusse Knie, Nock und Royal
  • Gegen die Hobby-Jagd: öffentliche Kritik an der Tötung der Beutegreifer M13 (Bär, 2013) und der «Lince di Kandertal» (Luchs) sowie eine 2013 dokumentierte Kontroverse: Nach dem Tod eines Hobby-Jägers im Bleniotal erschienen auf der Facebookseite der Gruppe Kommentare Dritter, die als «Anstossen auf den Tod» gelesen wurden; Offensiva Animalista distanzierte sich davon öffentlich und berichtete, in der Folge zahlreiche Morddrohungen erhalten zu haben (Quellen: RSI, 3. September 2013; Tio, 25. November 2014; Libera TV, 2018)
  • Gegen Tierversuche: Kampagne gegen die Tessiner Tierversuchskommission und Rücktrittsforderung an den damaligen Departementsvorsteher Paolo Beltraminelli
  • Weitere Anliegen: Kampagne «Stop Soppressioni» gegen die Tötung gesunder Heimtiere, wiederholte Aktionen zu Hundevergiftungen in Lugano und Biasca

Nach ihrem Tod würdigte der Verein sie in einer Mitteilung von zwei Mitgliedern, Nadia und Miriam, als «grossartige Tierrechtlerin» und «grossartige Freundin», mit der man in über zwanzig Vereinsjahren «viele Kämpfe für Tiere geführt und gewonnen» habe.

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