«Tradition» als Feigenblatt: Wenn die Tessiner Hobby-Jagd ihre eigenen Widersprüche kultiviert
Davide Corti, seit zwei Jahren Präsident der Federazione cacciatori ticinese (FCTI), klagt im «Corriere del Ticino» über eine Hobby-Jagd, die Gefahr laufe, ihre «Identität und Tradition» zu verlieren. Es konsolidiere sich «eine Hobby-Jagd der Eindämmung», eine Richtung, die man nicht wünsche. Eine bemerkenswerte Aussage, denn sie offenbart einen Widerspruch, der sich quer durch die Tessiner Jagdpolitik zieht.
Corti führt selbst die entscheidenden Zahlen an: Als er den Jagdschein machte, wurden im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt, heute sind es etwa 7000.
Eine Vervierfachung in einer einzigen Jäger-Generation. Wer nun aber meint, dieser Anstieg sei den Jägern aufgezwungen worden, irrt. Über Jahrzehnte haben Hobby-Jäger-Verbände in der Schweiz höhere Abschussquoten politisch eingefordert, mit dem Verweis auf «zu hohe Wildbestände», «Verbissschäden» und «Krankheitsrisiken». Genau diese Argumente nutzt Corti auch jetzt wieder.
Die Hobby-Jagd hat sich also nicht zufällig zu einer «Eindämmungsjagd» entwickelt. Sie wurde aktiv dazu gemacht. Wenn die FCTI nun Sorge um Tradition und «Werte» äussert, ist das weniger eine Selbstkritik als ein rhetorischer Spagat: Man möchte die hohen Abschusszahlen behalten, gleichzeitig aber das Image des bedächtigen, naturverbundenen Waidmanns pflegen.
Wenn der «Tradition» plötzlich der Wolf im Weg steht
Besonders aufschlussreich wird der Widerspruch beim Thema Wolf. In der vergangenen Jagdsaison haben die Tessiner Hobby-Jäger keinen einzigen Wolf erlegt, weil die Regeln zu komplex seien und das Risiko bestehe, bei Fehlern den Jagdschein zu verlieren. Corti sagt deutlich: Der Hobby-Jäger, der seiner normalen Tätigkeit nachgehe, könne nicht die Lösung des «Wolfsproblems» sein.
Hier wird die Logik vollends durchsichtig. Wo Jagdtradition gefährdet scheint, beruft man sich auf Werte, Geduld und den Respekt vor dem Tier. Wo es aber um Beutegreifer geht, die mit der Hobby-Jagd in Konkurrenz um Hirsche und Rehe stehen, fordert man pragmatisch erweiterte Befugnisse. Genau das passiert im Tessin: Das Tessiner Departement plant eine Art «Unterstützungsgruppe» aus ausgewählten Hobby-Jägern, die ausserhalb der Jagdzeit und mit denselben Mitteln wie die Wildhüter Wölfe töten dürfen sollen, möglichst ab September 2026.
Damit verlässt die Hobby-Jagd jenen «traditionellen» Rahmen, den Corti im selben Atemzug verteidigt. 2024 wurden 322 Hobby-Jäger für die Wolfsregulierung ausgebildet, 2025 kamen 119 weitere hinzu. Das ist keine Tradition, das ist eine systematische Aufrüstung gegen einen einzelnen Beutegreifer.
Die Bilanz der staatlichen Wolfstötung
Die im Artikel genannten Zahlen sprechen für sich. Trotz vier Abschussverfügungen für einzelne Wölfe und der Möglichkeit, im Rahmen der proaktiven Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, wurden am Ende nur sechs Tiere erlegt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten dafür 1200 Stunden für Einzelabschüsse und weitere 1900 Stunden zwischen September und Januar für die Rudelregulierung auf.
3100 Stunden bezahlte staatliche Arbeitszeit für sechs tote Wölfe. Das wirft eine Frage auf, die im Originalartikel nicht gestellt wird: Steht der ökologische, gesellschaftliche und finanzielle Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis? Und wenn der Erfolg ausbleibt, lautet die Antwort offenbar reflexhaft: noch mehr Schützen, noch mehr Befugnisse, noch weniger Schutz für das Tier.
Stadtmenschen mit Jagdschein: ein Imageproblem, kein Generationenwechsel
Corti freut sich über den Nachwuchs und stellt fest, dass immer mehr Jägerinnen und Jäger aus den städtischen Zentren stammen, während die Hobby-Jagd früher überwiegend von Bewohnern der Tessiner Täler ausgeübt wurde. Das ist ehrlich, untergräbt aber genau das Narrativ der bäuerlich-bodenständigen Tradition, das die FCTI gleichzeitig pflegt. Wer aus Lugano oder Bellinzona an Wochenenden in die Berge fährt, um Hirsche zu erlegen, betreibt ein Hobby, keine kulturelle Praxis im Sinne der Voreltern.
Fazit: Wenn Tradition zum Argument für alles wird
Der Auftritt der FCTI vor der heutigen Jahresversammlung in Mendrisio ist ein Lehrstück darin, wie sich die Hobby-Jagd-Lobby in widersprüchlichen Selbstbildern bewegt. Tradition wird beschworen, wenn es um die Aussenwahrnehmung geht. Effizienz, neue Mittel und erweiterte Eingriffsbefugnisse werden gefordert, sobald konkrete Interessen im Spiel sind, allen voran die Reduktion eines unliebsamen Beutegreifers.
Eine ehrliche Debatte über die Hobby-Jagd im Tessin müsste anders ansetzen: Wie viele Wildtiere darf eine Freizeitbeschäftigung jährlich töten? Welche Rolle spielt die Hobby-Jagd in einem Ökosystem, in dem der Wolf längst wieder ein natürlicher Regulator wäre? Und warum übernimmt der Staat zunehmend Aufgaben, die Hobby-Jäger nicht erfüllen können oder wollen, finanziert mit Steuergeldern? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist der Verweis auf «Wurzeln» und «Identität» vor allem eines: ein bequemer Vorhang vor unbequemen Realitäten.
Von 1600 auf 7000 erlegte Huftiere: Was die Tessiner Zahlen über das ganze System verraten
Davide Corti, Präsident der Federazione cacciatori ticinese, lieferte im «Corriere del Ticino» eine Zahl, die alles erklärt, was am System Hobby-Jagd faul ist. Als er den Jagdschein machte, wurden im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt. Heute sind es etwa 7000. Eine Vervierfachung in einer Generation. Corti präsentiert dies als Sachzwang, als Folge eines veränderten Klimas und Territoriums. Doch die ehrliche Lesart ist eine andere und sie ist unbequem.
Was 7000 erlegte Huftiere wirklich aussagen
Wenn die Strecke um den Faktor vier steigt und die Hobby-Jäger gleichzeitig behaupten, sie würden «regulieren», dann stimmt etwas an der Erzählung nicht. Reguliert man, müssten die Bestände nach einigen Jahren intensiver Bejagung sinken und die Strecke ebenfalls. Stattdessen geschieht das Gegenteil: Die Bestände steigen, die Abschüsse steigen, der Druck steigt. Das ist keine Regulation, das ist eine Spirale.
Die Wildbiologie hat dafür einen präzisen Begriff: kompensatorische Reproduktionsdynamik. Wildtiere reagieren auf Bestandsverluste durch Bejagung mit erhöhter Geburtenrate, früherer Geschlechtsreife und grösseren Würfen. Beim Wildschwein pflanzt sich normalerweise nur die Leitbache fort. Wird sie geschossen, reproduzieren sich plötzlich alle weiblichen Tiere der Rotte. Beim Fuchs zeigen Untersuchungen aus dem Nationalpark Bayerischer Wald, dass die Geburtenrate ohne Bejagung bei rund 1,7 Welpen je Wurf liegt, in stark bejagten Revieren dagegen um ein Vielfaches höher. Die Hobby-Jagd schafft genau jene Bestände, deren Reduktion sie anschliessend als ihre Daseinsberechtigung verkauft.
Die Gründe, die nicht ausgesprochen werden
Corti verweist auf «Klima und Territorium». Beides spielt eine Rolle, erklärt aber den Faktor vier nicht annähernd. Die wirklichen Treiber liegen tiefer und werden in der offiziellen Kommunikation systematisch verschwiegen.
Erstens hat die Hobby-Jagd in Mitteleuropa über Jahrhunderte die natürlichen Beutegreifer ausgerottet: Wolf, Luchs, Bär. Genau jene Arten, die ein dauerhaftes ökologisches Gleichgewicht bei Huftieren herstellen würden. Zweitens werden bevorzugt die stärksten und erfahrensten Tiere erlegt, also genau jene Individuen, die soziale Strukturen stabilisieren und die Reproduktion der Gruppe regulieren. Drittens zerstört der Jagddruck Familienverbände, was zu früherer Geschlechtsreife und höheren Wurfgrössen führt.
Das Resultat ist ein selbsttragendes System: Die Hobby-Jagd erzeugt das Problem, das sie zu lösen vorgibt. Und je mehr sie schiesst, desto mehr muss sie schiessen.
Warum jagdfreie Gebiete das Gegenteil zeigen
Die Empirie ist eindeutig und seit Jahrzehnten verfügbar. Im Schweizerischen Nationalpark herrscht seit 1914 Jagdverbot. Die Wildtierbestände sind stabil, der Wald regeneriert sich, die Artenvielfalt nimmt zu. Auf Wildwechseln im Park wurden rund 30 Mal mehr Baumkeimlinge gefunden als ausserhalb, weil Hirsche Samen verbreiten. Im italienischen Nationalpark Gran Paradiso ist die Jagd seit 1922 verboten. Der zuständige Tierarzt Bruno Bassano fasst das Ergebnis nüchtern zusammen: Man habe nie Schäden gehabt und nie Bestände reduzieren müssen.
Im Kanton Genf entschied die Bevölkerung 1974 in einer Volksabstimmung über das Jagdverbot. Heute leben dort rund 60 Hirsche und 200 bis 300 Rehe in stabiler Population. Der Hase, vor dem Jagdverbot vom Aussterben bedroht, hat eine der höchsten Dichten der Schweiz. Die Zahl überwinternder Wasservögel hat sich mehr als verzehnfacht. Genfer Faunainspektor Gottlieb Dandliker, Biologe und Naturschützer, sagt: «Es findet also irgendwie eine Regulation statt».
Diese Regulation funktioniert über Nahrungsangebot, Witterung, Krankheiten, Territorialverhalten, soziale Strukturen und, wo vorhanden, Beutegreifer. Sie braucht den Hobby-Jäger mit Gewehr nicht. Sie braucht im Gegenteil seine Abwesenheit.
Wer das Tessin mit jagdfreien Vergleichsgebieten konfrontiert, erkennt, dass der Anstieg von 1600 auf 7000 erlegte Huftiere keine Naturkonstante ist. Er ist Ausdruck eines Managementsystems, das Bestände erzeugt, um sie reduzieren zu müssen.
Wird die Bevölkerung seit Jahrzehnten angelogen?
Die ehrliche Antwort lautet: Sie wird systematisch in die Irre geführt. Nicht durch eine einzelne Lüge, sondern durch ein Geflecht aus Halbwahrheiten, weggelassenen Kontexten und sprachlichen Tricks.
«Hege», «Pflege», «Regulation», «Naturschutz» sind die zentralen Begriffe der Hobby-Jagd-Kommunikation. Keiner von ihnen hält einer wildbiologischen Überprüfung stand. Wer Bestände durch Sozialstrukturzerstörung anwachsen lässt, betreibt keine Hege. Wer die stärksten Tiere herausschiesst, betreibt keine Pflege. Wer ohne Beutegreifer arbeitet und die Wiederkehr derselben politisch bekämpft, betreibt keine Regulation. Wer für eine Freizeitbeschäftigung 130’000 Wildtiere pro Jahr in der Schweiz tötet, betreibt keinen Naturschutz.
Auch die Tessiner Wolfspolitik gehört in dieses Bild. Trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Möglichkeit, im Rahmen der proaktiven Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, wurden in der Saison nur sechs Wölfe erlegt. Die 22 Wildhüter wendeten dafür 1200 Stunden für Einzelabschüsse und weitere 1900 Stunden für die Rudelregulierung auf. 3100 Stunden bezahlte Arbeitszeit für sechs tote Tiere, während gleichzeitig der einzige Beutegreifer, der Huftierbestände tatsächlich dauerhaft regulieren würde, mit immer neuen Mitteln zurückgedrängt wird. Der Widerspruch ist offensichtlich, wird aber medial selten benannt.
Die Bevölkerung erfährt seit Jahrzehnten, die Hobby-Jagd sei notwendig, weil sonst alles aus dem Ruder laufe. Sie erfährt selten, dass dieses «Ausdemruderlaufen» ein Konstrukt der Hobby-Jagd selbst ist. Sie erfährt selten, dass jagdfreie Gebiete in unmittelbarer Nachbarschaft das Gegenteil beweisen.
Was sich ändern muss
Eine ehrliche Reform der Wildtierpolitik in der Schweiz und im Tessin bräuchte mehrere Schritte.
Beutegreifer müssen ihre ökologische Rolle übernehmen dürfen. Wolf, Luchs und Bär regulieren Huftierbestände dauerhaft, selektiv und unentgeltlich. Jede Politik, die ihre Wiederkehr durch immer breiter gefasste Abschussverfügungen ausbremst, perpetuiert das System der Hobby-Jagd auf Kosten der Steuerzahler.
Schutzgebiete und Wildruhezonen müssen ausgeweitet werden. Genf und der Schweizerische Nationalpark sind Modelle, die seit Jahrzehnten funktionieren. Sie sind keine Ausnahmen, sie sind Beweise.
Wildtiermanagement gehört in professionelle staatliche Hände, nicht in die Freizeit von Hobby-Schützen. Wildhut, Wildbiologie und behördliches Monitoring sind die Strukturen, die ein modernes Land braucht. Wo Eingriffe notwendig sind, sollen ausgebildete Berufsleute sie nach wissenschaftlichen Kriterien vornehmen, transparent dokumentiert und politisch kontrolliert.
Die Sprache muss entgiftet werden. «Hobby-Jagd» ist der präzise Begriff für eine Freizeitbeschäftigung mit Gewehr. «Hege» und «Pflege» sind PR‑Vokabular. Eine ehrliche Debatte beginnt mit ehrlichen Begriffen.
Und schliesslich: Die Bevölkerung muss die Möglichkeit erhalten, über das System Hobby-Jagd abzustimmen. Genf hat es 1974 getan. Das Resultat ist seit fünfzig Jahren ein lebender Beweis dafür, dass die Natur den Hobby-Jäger mit Waffe nicht braucht.
Die Tessiner Zahl von 1600 auf 7000 ist kein Betriebsunfall, sie ist ein Geständnis. Sie zeigt, dass die Hobby-Jagd das Problem mitproduziert, dessen Lösung sie zu sein behauptet. Sie zeigt, dass die Erzählung von Tradition und Identität dann bemüht wird, wenn die Statistik die Glaubwürdigkeit unterläuft. Und sie zeigt, dass eine ehrliche Wildtierpolitik in der Schweiz endlich beginnen müsste, mit der Realität jagdfreier Gebiete zu rechnen, statt sie zu ignorieren. Die Bevölkerung hat ein Recht auf diese Debatte. Sie hat sie nur leider seit Jahrzehnten nicht in der nötigen Klarheit bekommen.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →