Fischadler brütet wieder in der Schweiz – erstmals seit über 110 Jahren
Nach 110 Jahren brütet erstmals wieder ein Fischadlerpaar in der Schweiz. Drei Jungvögel sind bereits im Mai geschlüpft, ihre Rückkehr verdankt sich einem elfjährigen Wiederansiedlungsprojekt.
Elf Jahre nach dem Start eines Wiederansiedlungsprojekts hat sich in der Schweiz ein Fischadlerpaar zum Nisten niedergelassen, zum ersten Mal seit 1914.
Im Frühjahr 2026 sind in der Drei-Seen-Region drei Jungvögel geschlüpft. Die Nachricht wurde bewusst zurückgehalten, um die Ruhe der Brut nicht zu gefährden.
Eine Art, die durch Wilderei verschwand
Der Fischadler galt in der Schweiz seit über einem Jahrhundert als Brutvogel ausgestorben. Wendy Strahm, Koordinatorin des vom Westschweizer Vogelschutzverein «Nos Oiseaux» getragenen Projekts, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA, dass die letzte dokumentierte Fortpflanzung der Art 112 Jahre zurückliegt. Danach verschwand der Fischadler als Brutvogel aus der Schweiz; auf dem Zug wird die Art weiterhin regelmässig beobachtet. Die Art verschwand nach intensiver menschlicher Verfolgung, darunter Abschüssen und Eierraub.
Diese Geschichte reiht sich in ein Muster ein, das auch andere einheimische Beutegreifer betrifft: Arten, die einst durch gezielte Verfolgung ausgerottet wurden und erst Jahrzehnte später durch aufwendige Schutzprogramme zurückkehren konnten. Auch bei Wolf und Luchs zeigt sich, wie stark menschlicher Verfolgungsdruck den Bestand einheimischer Wildtiere über Generationen prägen kann.
Wie das Comeback gelang
Der Verein «Nos Oiseaux» lancierte das Wiederansiedlungsprojekt 2015, im Jahr seines 100-jährigen Bestehens. Die ersten sechs Jungvögel kamen als Geschenk der schottischen Regierung in die Schweiz, weitere folgten aus Norwegen und Deutschland. Zwischen 2015 und 2020 importierte der Verein insgesamt 66 Fischadlerküken. Sie wuchsen auf dem Landwirtschaftsareal der Strafanstalt Bellechasse bei Sugiez FR in Volieren ohne direkten Menschenkontakt auf, bevor sie ihren ersten Flug antraten.
Diese sogenannte Translokationsmethode nutzt einen biologischen Reflex: Mit einer Flügelspannweite von bis zu 170 Zentimetern kehrt der standorttreue Fischadler nach erreichter Geschlechtsreife instinktiv in jene Region zurück, in der er flügge wurde, um dort selbst zu nisten. Fachlich abgestützt wurde die Methode in einem gemeinsamen Grundlagenbericht der Schweizerischen Vogelwarte, von BirdLife Schweiz und «Nos Oiseaux», der die Wiederansiedlung des Fischadlers dem Vorbild früherer Artenförderprojekte annäherte: Nach dem Weissstorch, der in den 1950er-Jahren zurückgeholt wurde, und dem Bartgeier in den 1990er-Jahren ist der Fischadler die dritte Art, die auf diesem Weg in die Schweiz zurückkehrt.
Das Vorhaben war zu Beginn nicht unumstritten. Naturschutzorganisationen wie Pro Natura und BirdLife Schweiz plädierten ursprünglich dafür, eine natürliche Wiederbesiedlung durch aus Frankreich einwandernde Fischadler abzuwarten, da die nächsten Brutplätze nur rund 200 Kilometer entfernt lägen. «Nos Oiseaux» entschied sich für die aktive Translokation, gestützt auf jahrzehntelange Erfahrungen mit dieser Methode in anderen europäischen Ländern.
2018 gelang mit dem Männchen «Fusée» die erste dokumentierte Rückkehr eines ausgewilderten Jungvogels in die Schweiz, damals noch ohne Fortpflanzung. Die Projektverantwortlichen bezifferten die für einen Erfolg nötige Bestandsgrösse auf mindestens 60 ausgewilderte Tiere, eine Schwelle, die mit der aktuellen Brut nun ihre Bewährungsprobe besteht. Die erste erfolgreiche Brut ist ein zentraler Meilenstein. Ob sich eine langfristig selbsttragende Population etabliert, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Genau das ist jetzt eingetreten. Das Männchen des brütenden Paares stammt aus dem Jahrgang 2020 und ist dank eines nummerierten blauen Rings eindeutig identifizierbar, wie Denis Landenbergue von der Steuerungsgruppe des Projekts festhält. Das nicht beringte Weibchen ist unbekannter Herkunft. Beide Vögel waren bereits im Sommer 2025 gesichtet worden, das Weibchen war damals allerdings noch nicht geschlechtsreif. Nach getrennt verbrachtem Winter in Afrika kehrten beide zurück und bezogen eine von rund dreissig Nistplattformen, die Freiwillige in der Drei-Seen-Region errichtet haben.
Drei Jungvögel trotz kaltem Frühling
Dass gleich der erste Brutversuch erfolgreich verlief, ist bemerkenswert, zumal der Frühling 2026 kalt und regnerisch ausfiel. Laut Landenbergue überlebt oft nicht einmal das dritte Küken. Diesmal überstanden alle drei Jungvögel, die zwei Weibchen Somone und Khnifiss sowie das Männchen Diawling, die Aufzucht.
Der nächste kritische Abschnitt steht den jungen Fischadlern noch bevor: Ende August beginnt ihr erster Zug nach Afrika, bei dem die Sterblichkeitsrate junger Zugvögel statistisch bei rund 80 Prozent liegt. Überstehen sie den ersten Zug und die Überwinterung, könnten sie in rund zwei Jahren in die Drei-Seen-Region zurückkehren.
Einordnung
Die Rückkehr des Fischadlers ist ein Meilenstein für den Artenschutz in der Schweiz. Erstmals seit über 110 Jahren hat wieder ein Paar erfolgreich gebrütet. Noch ist damit keine dauerhaft selbsttragende Population gesichert: Entscheidend wird sein, ob weitere zurückkehrende Vögel geeignete, störungsarme Brutplätze finden und ob die drei Jungvögel ihren ersten Zug nach Afrika überstehen. Gerade deshalb zeigt das Projekt, wie langfristig und konsequent Artenförderung angelegt sein muss – von der Verringerung menschlicher Verfolgung über den Schutz geeigneter Lebensräume bis zur Sicherung von Zugwegen.
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