Ungarn beschliesst Wildtierverbot im Zirkus ab 2027
Ungarn schliesst zu jenen europäischen Ländern auf, die dem Tierleid in der Manege längst ein Ende gesetzt haben. Die Schweiz bleibt weiterhin Schlusslicht.
An einer Pressekonferenz in Budapest hat Regierungssprecherin Éva Magyar am Freitag das umfassende Verbot angekündigt.
Ab dem 1. Januar 2027 verbietet die Regierung die Beschaffung, Haltung und den Auftritt bestimmter Wildtierarten im Zirkus. Das Verbot beschränkt sich nicht auf die eigentlichen Auftritte in der Manege, sondern umfasst den Erwerb, die Zucht, die Haltung, das Abrichten sowie das Vorführen bestimmter Wildtierarten und ihrer Hybriden. Nach dem festgelegten Datum dürfen diese Tiere nicht mehr in Zirkusvorstellungen auftreten.
Eine Lücke wird geschlossen
Bisher galt in Ungarn nur ein Teilverbot. Diese Rechtslage hatte zur Folge, dass Tiere aus Ländern mit strengeren Vorschriften in ungarische Menagerien gebracht werden konnten. Ungarn wurde so zum Schlupfloch für einen Betrieb, den andere Staaten bereits untersagt hatten. Das neue Verbot schliesst diese Lücke.
Für die derzeit gehaltenen Tiere sieht die Regelung laut Regierungssprecherin eine angemessene Übergangsphase vor. Magyar bezeichnete die Entscheidung sowohl aus Sicht des Tierschutzes als auch aus Sicherheitsgründen als gerechtfertigt. Sie wies darauf hin, dass Haltung, Transport, Dressur und öffentliche Vorführung von Wildtieren mit modernen Tierschutzstandards unvereinbar seien und ein Unfallrisiko darstellen könnten. In den vergangenen Jahren seien die gesellschaftlichen und tierschützerischen Erwartungen, keine Wildtiere mehr im Zirkus einzusetzen, deutlich gestiegen.
Warum Wildtiere nicht in den Zirkus gehören
Das Argument der Sicherheit ist kein abstraktes. Immer wieder kommt es zu Ausbrüchen, Verletzungen und Todesfällen durch Grosskatzen und Elefanten. Der Bundesrat in Deutschland verwies in seiner Entschliessung von 2016 ausdrücklich auf diese Gefahrenlage: Die eigentlich notwendige Einrichtung ausreichend grosser, ausbruchssicherer und artgerecht ausgestatteter Gehege kollidiere mit der Notwendigkeit zur fortwährenden Mobilität eines Wanderbetriebs.
Dazu kommt das Tierleid selbst. Wildtiere im Zirkus fristen ihr Dasein in engen Käfigen, Gehegen und Transportwagen. Die Tiere sind gezwungen, den Auftrittsort im Schnitt bis zu 50-mal pro Jahr zu wechseln. Verhaltensstörungen wie sich ständig wiederholende Bewegungsmuster sind Ausdruck dafür, dass die Tiere unter diesen Bedingungen leiden und ihre natürlichen Verhaltensweisen nicht ausleben können. Die tierärztliche Betreuung ist kaum sicherzustellen, weil nicht an jedem Ort auf Wildtiere spezialisierte Veterinäre verfügbar sind.
Die Dressur selbst beruht anerkannten Fachleuten zufolge stets auf Zwang und dem Prinzip, Schwächeren den eigenen Willen aufzuzwingen. Elefantenhaken, Stock, Peitsche und Elektroschocker gehören zu den üblichen Instrumenten, um die Tiere zum Gehorsam zu zwingen.
Der europäische Kontext
Ungarn folgt mit dem Beschluss einem klaren europäischen Trend, den Magyar selbst betonte. Immer mehr Mitgliedstaaten schränken den Einsatz von Wildtieren im Zirkus ein oder verbieten ihn ganz.
Ein generelles Wildtierverbot im Zirkus gilt bereits in Österreich, den Niederlanden, in Belgien, Dänemark, Norwegen, Irland, Italien, Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Estland, Lettland, Litauen und Luxemburg. In Griechenland, Malta und Zypern besteht sogar ein Verbot aller Tierarten in Zirkussen. Frankreich hat den schrittweisen Ausstieg beschlossen und verbietet Wildtiere im Zirkus ab 2028. Bereits England hatte den Gebrauch von Wildtieren in Wanderzirkussen untersagt, ebenso Schottland und Wales.
Ungarn reiht sich damit in eine wachsende Gruppe von Ländern ein, die den Wanderzirkus mit Wildtieren als Auslaufmodell behandeln. Auch ausserhalb Europas ist die Entwicklung eindeutig: Zahlreiche süd- und mittelamerikanische Staaten haben Verbote für alle Tierarten im Zirkus erlassen.
Deutschland und die Schweiz bleiben zurück
Während sich die Verbote europaweit ausbreiten, hinken die deutschsprachigen Länder hinterher. In Deutschland scheiterten wiederholte Anläufe für ein Wildtierverbot, obwohl sich Bundesrat und Agrarministerkonferenz mehrfach dafür ausgesprochen haben. Einer repräsentativen Forsa-Umfrage zufolge vertreten 82 Prozent der Deutschen die Auffassung, dass Wildtiere nicht artgerecht im Zirkus gehalten werden können.
Auch die Schweiz gehört europaweit zu den Nachzüglern. Hierzulande dürfen Zirkusse grundsätzlich jede beliebige Tierart auf Tournee mitführen. Den Behörden sind die Hände gebunden, solange in der Tierschutzgesetzgebung ein Instrument fehlt, das das Mitführen ungeeigneter Tierarten verbietet. Der ungarische Beschluss macht einmal mehr deutlich, wie weit sich die Schweiz von der europäischen Entwicklung entfernt hat.
Fazit
Der ungarische Entscheid ist ein weiterer Baustein in einer europaweiten Bewegung, die dem Tierleid in der Zirkusmanege ein Ende setzt. Erwerb, Zucht, Haltung, Dressur und Vorführung von Wildtieren werden ab 2027 umfassend untersagt, und ein bisheriges Schlupfloch wird geschlossen. Für die betroffenen Tiere ist das ein Fortschritt. Für die Schweiz und Deutschland bleibt der Beschluss ein unbequemer Vergleich: Was in immer mehr Ländern selbstverständlich wird, lässt hier weiter auf sich warten.
Weitere Beiträge zum Thema in unserem Dossier Tierrechte.
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