14. April 2026, 17:41

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Jagd

Frankreich und der Fuchs: Jagdmythen entlarvt

In Frankreich mobilisieren sieben Naturschutzverbände gegen einen Verwaltungsbegriff, der seit Jahrzehnten als Tötungslizenz wirkt. Mit einer Petition an die Assemblée nationale fordern sie, den Rotfuchs (Vulpes vulpes) von der Liste der «espèces susceptibles d’occasionner des dégâts» (ESOD) zu streichen. Diese Einstufung ermöglicht in vielen Fällen ganzjähriges Töten, inklusive Jagd und Fallenstellen, und sie prägt das öffentliche Bild des Fuchses als angeblicher «Schadenverursacher».

Redaktion Wild beim Wild — 3. Februar 2026

Mehr als 25’000 Menschen hatten das Anliegen bis zum 2. Februar 2026 unterzeichnet.

Der Zeitpunkt ist politisch heikel, weil ein neues Dekret zur ESOD-Liste für die kommenden drei Jahre im Sommer erwartet wird. Genau deshalb drängen Jagdlobbys und Teile der Verwaltung darauf, den bisherigen Status zu zementieren.

Was hier verhandelt wird, betrifft nicht nur Frankreich. Es ist ein europäischer Mechanismus: Wildtiere werden über administrative Labels zu «Problemen» erklärt, und aus dieser Etikette wird dann ein Dauerauftrag zur «Regulation». In der Schweiz funktioniert diese Logik ähnlich. Der Rotfuchs ist ökologisch ein zentraler Beutegreifer. Er stabilisiert Nahrungsnetze, beeinflusst Kleinsäugerbestände und wirkt in vielen Systemen als Scharnierart. Trotzdem wird er in Debatten immer wieder zur Projektionsfläche, weil sich an ihm Jagdtradition, Interessenpolitik und alte Feindbilder bündeln.

Die wichtigste Sprengkraft der französischen Petition liegt nicht im moralischen Appell, sondern in der wissenschaftlichen Lage. Eine Übersicht der Fondation pour la recherche sur la biodiversité (FRB) kommt nach kritischer Analyse zum Ergebnis, dass 70 Prozent der geprüften Studien keinen signifikanten Effekt von ESOD-Entnahmen auf die Reduktion der zugeschriebenen Schäden zeigen. Anders gesagt: Töten löst das behauptete Problem in der Mehrheit der untersuchten Fälle nicht.

Für Jagdkritisierende ist dies kein Zufall. Der Fuchs wird seit Jahrhunderten als kultivierter «Schädling» dämonisiert, obwohl historische wie aktuelle Studien zeigen, dass diese Einstufung meist auf subjektiven Bewertungen und Eigeninteressen beruht und nicht auf robusten ökologischen Daten. Diese Dynamik kennen wir auch aus der Schweiz: Kleine Beutegreifer wie der Fuchs, der Dachs oder der Iltis werden gesellschaftlich und administrativ als zu regulierendes «Problemtier» markiert, während strukturelle ökologische Probleme wie Lebensraumzerstörung oder Pestizideinsatz kaum politisch angegangen werden.

Die französische Petition legt den Finger in eine alte Wunde: Wann beginnt Hobby-Jagd tatsächlich im Dienst des Schutzes von Natur und Artenvielfalt, und wann ist sie reine Tradition, deren Rechtfertigungen auf kultureller Macht und politischen Netzwerken beruhen? Dass Jagdverbände jegliche «Entschärfung» ablehnen, zeigt klar, dass es weniger um Ökologie geht, als um den Erhalt von Privilegien. Die Wissenschaft spricht sich gegen die pauschale Hobby-Jagd auf Füchse aus. Trotzdem verteidigen Lobbygruppen den Status quo mit Verweis auf angebliche Schäden, die oft selbst gemeldet und nicht objektiv verifiziert sind.

Für Medien und Aktive in der Schweiz wäre der französische Fall eine Gelegenheit, die eigene Praxis kritisch zu beleuchten. In unserem Kontext wird ebenso argumentiert, dass Wildtiere Schäden verursachen, sei es am Vieh, an Kulturen oder an «Erholungslandschaften». Doch wir müssen die wissenschaftlichen Daten ernst nehmen und dürfen nicht in veraltete Narrative tappen, die Tötung und Reduktion als erste, statt als letzte Lösung propagieren. Gerade bei Arten mit Schlüsselrollen im Ökosystem kann die Eliminierung zu weitreichenden ökologischen Störungen führen, deren Auswirkungen oft erst Jahrzehnte später sichtbar werden.

Am Ende fordert der französische Diskurs mehr Transparenz, mehr Wissenschaft und weniger ideologische Vorurteile. Das ist ein Aufruf, der auch in der Schweiz Gehör finden sollte: Eine echte Revision von jagdlichen Listen und Tötungsbefugnissen muss auf robusten Daten basieren und nicht auf historischen Ressentiments gegen vermeintliche «Schädlinge». Der Rotfuchs steht dabei nicht nur symbolisch im Vordergrund. Er repräsentiert die breitere Auseinandersetzung darüber, wie Gesellschaften mit Wildtieren umgehen, ob als Gegner oder als integraler Bestandteil intakter Ökosysteme.

Wenn Hobby-Jagd aussetzt, stabilisiert sich das System: Warum Füchse jagdfreie Räume brauchen

Ein oft übersehener, aber zentraler Punkt in der Debatte um den Rotfuchs sind jagdfreie Gebiete. Luxemburg zeigt seit Jahren, dass der Verzicht auf Fuchsjagd weder zu einer «Explosion» der Bestände noch zu ökologischen oder gesundheitlichen Problemen führt. Im Gegenteil: Wo die Hobby-Jagd endet, regulieren sich Populationen über Revierbildung, Nahrungsverfügbarkeit und Sozialstruktur selbst. Genau diese Erfahrungen widersprechen direkt dem jagdlichen Narrativ, wonach der Mensch als dauerhafte Ordnungsmacht notwendig sei.

Auch in der Schweiz existieren bereits reale Vergleichsräume. Der Kanton Genf gilt seit Jahrzehnten als faktisch jagdfreie Zone. Dort wird keine Hobby-Jagd ausgeübt, auch Füchse werden nicht systematisch bejagt. Die immer wieder beschworenen Horrorszenarien sind ausgeblieben. Weder ist Genf im Fuchs «erstickt», noch sind Biodiversität oder öffentliche Gesundheit kollabiert. Im Gegenteil zeigt sich, dass urbane und periurbane Räume mit hoher Akzeptanz von Wildtieren stabile Koexistenz ermöglichen, sofern nicht permanent durch Abschüsse in Sozialgefüge eingegriffen wird.

Ein weiteres Gegenmodell liefern Nationalpärke und streng geschützte Gebiete, etwa der Schweizer Nationalpark. In diesen Zonen ist Hobby-Jagd grundsätzlich ausgeschlossen. Füchse sind dort Teil funktionierender Nahrungsnetze, ohne dass sie als «Problemtiere» definiert werden. Gerade diese Räume zeigen, was die Jagdlogik oft verdeckt: Beutegreifer destabilisieren Systeme nicht, sie stabilisieren sie. Künstliche Dauerbejagung dagegen fördert hohe Reproduktionsraten, Wanderbewegungen und soziale Unruhe, genau jene Effekte, die später wieder als Rechtfertigung für noch mehr Abschüsse herhalten müssen.

Für die Schweiz ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung. Wer ernsthaft über Wildtierschutz, Biodiversität und evidenzbasierte Politik spricht, muss jagdfreie Zonen für den Fuchs zumindest prüfen und ausbauen. Luxemburg, Genf und Nationalpärke liefern keine Ideologie, sondern Praxisdaten. Sie zeigen, dass der Verzicht auf Hobby-Jagd kein Risiko ist, sondern eine Voraussetzung für ökologische Stabilität. Die Frage ist längst nicht mehr, ob solche Modelle funktionieren, sondern warum sie politisch weiterhin blockiert werden.

Dossiers: Fuchs in der Schweiz: Meistgejagter Beutegreifer ohne Lobby | Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet

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