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Kriminalität & Jagd

Tätermonitoring ohne Waffencheck: der blinde Fleck im Kampf gegen Femizide

Frankreich dokumentiert seit Jahren, wie oft Jagdgewehre bei Femiziden im Spiel sind. Die Schweiz baut ein Tätermonitoring, das genau diese Waffen gar nicht erfasst.

Redaktion Wild beim Wild · 23. September 2026

Der Nationalrat hat am 22. September 2026 gleich mehrere Motionen gegen häusliche Gewalt überwiesen.

Herzstück der Debatte war ein nationales Tätermonitoring, ein System, das gefährliche Gewalttäter erfassen und fortlaufend überwachen soll. Der Ansatz ist richtig. Er hat nur einen blinden Fleck, und dieser blinde Fleck ist ausgerechnet das tödlichste Tatmittel überhaupt.

Ein Monitoring ist nur so scharf wie seine Register

Ein Tätermonitoring lebt vom Datenabgleich. Es kennzeichnet eine Person als Hochrisikotäter und verknüpft diese Kennzeichnung mit Kontaktverboten, Meldepflichten und im Ernstfall mit Haft. Doch was nützt die schärfste Überwachung, wenn niemand prüft, ob dieselbe Person einen Jagdpass besitzt und zu Hause einen Waffenschrank voller Gewehre stehen hat? Wer Täter überwacht, aber ihre Waffen ignoriert, beobachtet die Gefahr und lässt das Werkzeug liegen.

Was Frankreich längst dokumentiert

In Frankreich ist die Datenlage klarer als bei uns. Rund ein Drittel aller Femizide wird dort mit Schusswaffen verübt. Und unter diesen Schusswaffen dominiert eine Kategorie: das Jagdgewehr. Die Rechtsmedizinerin Alexia Delbreil zeigte in ihrer Dissertation zu Partnerschaftstötungen (Universität Poitiers, 2011), dass Jagdgewehre rund 71 Prozent der dabei eingesetzten Schusswaffen ausmachen, weil sie als «Gelegenheitswaffen» griffbereit im Haushalt stehen. Das Kollektiv «Féminicides par conjoint ou ex-conjoint» zählte für 2020 und 2021 Jagdwaffen in rund einem von vier Femiziden insgesamt. Eine Recherche der Journalistinnen Laurène Daycard und Fanny Marlier im Amnesty-Magazin «La Chronique» ermittelte zudem in 104 von 168 Schusswaffen-Femiziden das Täterprofil: 35 Prozent waren Hobby-Jäger, davon 8 Prozent ehemalige.

Die Schweiz sammelt die Zahlen gar nicht erst

Hier beginnt das eigentliche Problem. Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der höchsten Dichte an privaten Schusswaffen in Europa. Trotzdem weist die Kriminalstatistik bis heute nicht aus, welche Rolle Jagdwaffen bei Tötungsdelikten im häuslichen Umfeld spielen. Wo Frankreich zählt, schaut die Schweiz weg. Und wo keine Zahlen erhoben werden, lässt sich bequem behaupten, es gebe kein Problem. Hinzu kommt: Der Waffenentzug nach einer Anzeige wegen häuslicher Gewalt erfolgt nicht systematisch, sondern von Fall zu Fall. Wie dünn die Schweizer Datengrundlage tatsächlich ist, haben wir in «Jagdwaffen und Gewalt: Was die Schweizer Daten zeigen» aufgearbeitet.

Warum ausgerechnet die Hobby-Jagd den Abgleich fürchtet

Ein automatischer Abgleich zwischen Tätermonitoring, Waffenregister und Jagdpass wäre technisch simpel und politisch überfällig. Dass er nicht kommt, hat einen Grund: Kein anderer Kreis privater Waffenbesitzer hat ein derartiges Interesse daran, dass Jagdwaffen in der Statistik unsichtbar bleiben und in der Debatte tabu. Denn sobald sauber gezählt würde, geriete das Selbstbild der Hobby-Jagd als harmloses Naturhandwerk ins Wanken. Es geht nicht um einen Generalverdacht gegen alle Hobby-Jäger. Es geht um die schlichte Weigerung, ein bekanntes Risiko überhaupt zu messen. Und diese Weigerung kostet im Zweifel Menschenleben.

Was jetzt zu fordern ist

Ein Tätermonitoring, das diesen Namen verdient, muss drei Register zusammenführen: die Liste der Hochrisikotäter, das Waffenregister und den Jagdpass. Wird eine Person als Gefährder erfasst, gehören Waffen und Jagdberechtigung automatisch auf den Prüfstand, im Ernstfall sofort entzogen. Dazu braucht es eine Kriminalstatistik, die Jagdwaffen endlich separat ausweist.

Genau diese Forderungen haben wir im Mustertext «Schutz vor häuslicher Waffengewalt: Jagdwaffen, Hobby-Jäger und Femizide» bereits ausformuliert, anschlussfähig an die nun laufende Bundesdebatte. Der Nationalrat hat das Tätermonitoring gewollt. Jetzt muss er es auch scharf stellen. Ein Monitoring, das die Jagdwaffe ausblendet, bleibt ein Papiertiger mit Zielfernrohr. Denn die Gewalt vom Hochsitz bleibt selten dort, wo sie geübt wird. Sie wandert mit ins Haus.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

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