3. September 2026, 16:44

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Nach Aarau: Der blinde Fleck der Waffendebatte heisst Hobby-Jagd

Nach dem Amoklauf von Aarau diskutiert die Schweiz über Risikogruppen und Eignungsnachweise. Der fortdauernde private Zugang zu Jagdwaffen bleibt dabei unerwähnt, obwohl sich quer durch Europa gleichartige Fälle häufen.

Redaktion Wild beim Wild — 3. September 2026
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«Waffenstillstand»

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Am Rande einer Rave-Party in Aarau wurde Ende August die 22-jährige Maria S. erschossen.

Unter dringendem Tatverdacht nahm die Polizei einen 43-jährigen Schweizer fest, der laut Polizeiangaben rund 40 Schüsse abgegeben haben soll. Gemäss SRF soll es sich bei der mutmasslichen Tatwaffe um eine halbautomatische Kalaschnikow AK-74 handeln, die der Mann vor rund zwanzig Jahren zusammen mit weiteren Waffen legal im Kanton Jura erworben haben soll, zu einer Zeit, als das noch erlaubt war. Für damals rechtmässig erworbene halbautomatische Waffen gilt heute grundsätzlich eine Registrierungspflicht. Der Fall hat eine Debatte über das Schweizer Waffenrecht ausgelöst.

In dieser Debatte fällt ein Argument auf, das über den Einzelfall hinausweist. Der parteilose Ständerat Daniel Jositsch brachte es gegenüber SRF auf den Punkt: Je schwieriger es für Menschen mit erhöhtem Risiko sei, an eine Waffe zu gelangen, desto kleiner sei die Wahrscheinlichkeit für Taten. Jositsch könne sich vorstellen, Besitzer altrechtlicher Waffen nachträglich zu einem Nachweis als Sportschütze oder Sammler zu verpflichten. SP-Ständerätin Franziska Roth geht weiter und erwägt, halbautomatische Waffen künftig ausnahmslos zu verbieten und bereits gekaufte einzuziehen.

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Der Luchs ist genetisch am Limit, trotzdem soll er als erster Kanton der Schweiz zum Abschuss freigegeben werden.

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Die Stossrichtung ist klar: Wer über erhöhtes Risiko verfügt, soll seinen fortdauernden Waffenbesitz künftig rechtfertigen müssen. In dieser Debatte bleibt allerdings ein ganzer Bereich privaten Waffenzugangs unerwähnt.

Der Zugang zu Jagdwaffen fehlt in der Debatte

Im Jagdjahr 2025 übten in der Schweiz 29’328 Personen die Jagd aus. Die Eidgenössische Jagdstatistik weist für dieses Jahr 74’914 erlegte Wildhuftiere sowie 23’152 erlegte Beutegreifer wie Füchse und Marder aus. Diese beiden vielzitierten Zahlen erfassen jedoch nur einen Ausschnitt: Nicht enthalten sind Federwild, Feldhasen und weiteres Kleinwild. Rechnet man diese Arten hinzu, werden in der Schweiz jährlich über 120’000 Wildtiere meist grundlos durch die Hobby-Jagd getötet. Die Jagdausübung bedeutet damit für eine grosse, institutionell organisierte Gruppe regelmässigen Zugang zu Schusswaffen. Jagdwaffen sind dafür bestimmt, Wildtiere zu töten. Gerade deshalb verlangt ihr privater Besitz und Einsatz aus Sicht des Tierschutzes und der öffentlichen Sicherheit besondere Sorgfalt und Kontrolle.

Anders als bei den nun diskutierten altrechtlichen halbautomatischen Waffen wird der fortdauernde Waffenzugang von Jagdpatentinhaberinnen und Jagdpatentinhabern öffentlich kaum unter dem Gesichtspunkt von Eignung, gesundheitlicher Veränderung und Gefährdung überprüft. Zugleich fehlt eine schweizweit systematische Statistik dazu, ob und wie häufig Personen mit Jagdpatent bei Gewaltdelikten Waffen einsetzen. Wie wir bereits aufgearbeitet haben, weiss in der Schweiz niemand, wie viele solcher Taten von Personen mit Jagdpatent begangen werden, weil die Erhebung schlicht fehlt. Diese Datenlücke verhindert eine seriöse Risikobewertung.

Kein nationales Problem: eine Serie, die sich über Ländergrenzen zieht

Wer meint, es handle sich um ein Schweizer Sonderproblem, verkennt die Faktenlage. In unserer Rubrik Kriminalität und Jagd dokumentieren wir seit Jahren gleichartige Fälle, in denen Hobby-Jäger ihren legalen Zugang zu Jagdwaffen und ihre Vertrautheit mit tödlicher Gewalt gegen Menschen richteten, in der Schweiz wie im Ausland.

In der Schweiz erschoss im Juli 2026 ein 59-jähriger Tessiner Hobby-Jäger im Bleniotal seine Ex-Frau und sprengte anschliessend ein Haus, wobei mehrere Polizisten verletzt wurden. Beim tödlichen Schuss hörte niemand einen Knall, weshalb die Tessiner Polizei laut RSI von einer Schalldämpfer-Nutzung ausgeht. Bereits 2019 tötete in Courfaivre im Kanton Jura ein 47-jähriger Hobby-Jäger, im kantonalen Jagdverband als Jagdlehrer und Präsident der Trophäenbewertung verankert, seine Ehefrau. Wenige Tage zuvor hatte sie Anzeige erstattet, sie sei unter Waffenbedrohung festgehalten und vergewaltigt worden; es galt ein Näherungsverbot, mehrere Schusswaffen waren sichergestellt. Ein Anwalt der Familie warf der Justiz später vor, dem Mann seien zwar die Handfeuerwaffen abgenommen worden, die Kontrolle aber unvollständig geblieben.

Im Ausland reihen sich die Fälle: In Deutschland erschoss im Februar 2026 in Strullendorf bei Bamberg ein 52-jähriger Hobby-Jäger mutmasslich seine Frau und seine beiden Kinder und beging danach Suizid; wenige Monate zuvor, im November 2025, tötete ein 63-jähriger Hobby-Jäger im Raum Reutlingen fünf Angehörige. In Schweden verübte im Februar 2025 ein 35-jähriger Mann mit einer Bewilligung für vier Jagdwaffen in Örebro den schwersten Amoklauf der Landesgeschichte mit zehn Toten. Diese Fälle tauchen in keiner Jagdunfall-Statistik auf, weil sie als Straftaten geführt werden, nicht als Jagdunfälle.

Was die Forschung zeigt

Der Zusammenhang ist nicht bloss anekdotisch. Die Rechtsmedizinerin Alexia Delbreil und der Kriminologe Jean-Louis Senon werteten 42 Partnerschaftstötungen der Cour d’Appel de Poitiers aus: Unter den mit Schusswaffen verübten Femiziden wurden rund 71 Prozent mit Jagdgewehren begangen. Der Grund liege in der Verfügbarkeit, Jagdwaffen sind «Gelegenheitswaffen», die im Haushalt griffbereit stehen. Der Psychiater Jean-Louis Terra hielt fest, dass das Tötungsrisiko für eine Frau in einem Haushalt mit Schusswaffe fünffach höher liegt, ein Befund, den er 2021 als weiterhin gültig bezeichnete.

Hinzu kommt die Persönlichkeitsforschung. Die Dissertation von Ursula Grohs, die bislang einzige systematische Untersuchung im deutschsprachigen Raum, kam zum Ergebnis, dass Hobby-Jäger sich selbst signifikant aggressiver einschätzen als Nichtjäger und Konflikte häufiger über Dominanz und Kontrolle lösen. Internationale Studien zu den «Dark Triad»-Persönlichkeitsmerkmalen (Kavanagh et al., ausgewertet von Beattie 2019) verweisen in dieselbe Richtung: Die Bereitschaft, Tiere ohne Notwendigkeit zu töten, korreliert mit Persönlichkeitsmustern, die in anderen Kontexten als Risikofaktoren gelten. Bezeichnend ist, dass es zu diesen Befunden im deutschsprachigen Raum, wo über eine halbe Million Menschen legal Jagdwaffen führen, bis heute kaum unabhängige Folgeforschung gibt.

Genau hier liegt der sicherheitspolitische Punkt: Wer über längere Zeit Zugang zu tödlichen Waffen hat, sollte bei konkreten Risiken wirksam und fortlaufend überprüft werden können, unabhängig davon, ob die Waffe ein altrechtliches Sturmgewehr ist oder ein Jagdgewehr. Dass es zur Häufigkeit solcher Taten keine schweizweite Datengrundlage gibt, ist kein Argument gegen die Prüfung, sondern eines dafür.

Alter und Eignung

Mit zunehmendem Alter können Sehfähigkeit, Reaktionszeit und kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sein. Bei einer Tätigkeit, die den Umgang mit Schusswaffen im Gelände einschliesst, spricht das für regelmässige, risikoorientierte Eignungsüberprüfungen. Ob zusätzlich eine feste Altersobergrenze sinnvoll und verhältnismässig ist, muss anhand von Unfall- und Gesundheitsdaten geprüft werden. Auch dafür braucht es zuerst eine belastbare Erhebung, die heute fehlt.

Was daraus folgt

Wenn die Politik nach Aarau ernsthaft über Risiko, Eignung und fortlaufende Kontrolle beim privaten Waffenbesitz diskutiert, darf sie den Zugang zu Jagdwaffen nicht ausblenden. Die IG Wild beim Wild fordert regelmässige medizinisch-psychologische Eignungsprüfungen für Jagdpatentinhaberinnen und Jagdpatentinhaber nach niederländischem Vorbild sowie eine wissenschaftlich begründete Regelung für das höhere Lebensalter. Eine Waffenrechtsdebatte, die altrechtliche Sturmgewehre überprüft, den regelmässigen privaten Zugang zu Jagdwaffen aber ausspart, bleibt unvollständig.

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