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Kriminalität & Jagd

Vier Tote in Gy: Wieder tötet ein Jagdgewehr eine ganze Familie

Ein 42-Jähriger erschoss in Ostfrankreich seine beiden Söhne und die Schwiegermutter, filmte die Tat und richtete danach das Jagdgewehr gegen sich selbst.

Redaktion Wild beim Wild — 3. September 2026

Am Mittwochabend, dem 2. September 2026, gegen 20 Uhr rückten rund fünfzig Gendarmen und dreissig Feuerwehrleute auf die Anhöhen von Gy aus, einer Gemeinde mit rund tausend Einwohnerinnen und Einwohnern, etwa 30 Kilometer nördlich von Besançon.

Auf einem privaten Grundstück am Chemin de Bellevue, wo die Familie in einem Mobilheim neben einem im Bau befindlichen Haus lebte, fanden die Einsatzkräfte vier Leichen. Die Spurensicherung dauerte die ganze Nacht, das Dispositiv wurde erst um sechs Uhr morgens aufgehoben.

Die Toten stammen aus derselben Familie: ein Mann von 42 Jahren, seine beiden Söhne im Alter von sechs und zehn Jahren sowie die 74-jährige Mutter seiner Ehefrau. Nach Angaben des Staatsanwalts von Vesoul, Arnaud Grécourt, wurden die Leichen der beiden Erwachsenen in einem Bungalow auf dem Grundstück gefunden, jene der Kinder in einem in der Nähe abgestellten Lieferwagen. Die Ermittler waren alarmiert worden, nachdem der Familienvater selbst gemeldet hatte, seine Kinder getötet zu haben.

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Ein Jagdgewehr, Kaliber 12

Nach den ersten Erkenntnissen der Untersuchung wurden die beiden Kinder und der 42-jährige Mann mit einem Jagdgewehr getötet, einer doppelläufigen Flinte im Kaliber 12. Die bevorzugte Hypothese des Staatsanwalts von Vesoul, Arnaud Grécourt, lautet, dass der Vater, der sich in einem Trennungsverfahren befand, die drei anderen Personen tötete, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete. Die Autopsien standen am Donnerstag noch aus. Formal eröffnete die Staatsanwaltschaft die Untersuchung zunächst wegen fahrlässiger Tötung, der üblichen französischen Ausgangsqualifikation, solange die Rechtsmedizin die genauen Umstände nicht bestätigt hat. Die Ausrichtung der Ermittlung auf eine vorsätzliche Familientötung mit anschliessendem Suizid ergibt sich aus der genannten Hypothese.

Besonders verstörend ist ein Detail, über das mehrere französische Medien übereinstimmend berichten: Der Mann soll die Tat gefilmt und die Aufnahme an seine Frau geschickt haben. Ein Angehöriger, der sich gegenüber der AFP als Cousin des Täters vorstellte, gab an, die Schwiegermutter sei gekommen, um die Kinder abzuholen, als die Tat geschah. Nach seiner Darstellung wollte sich die Partnerin seit Monaten trennen. Die Mutter der Kinder war zum Zeitpunkt der Tat nicht anwesend.

Wir berichten über solche Fälle mit Zurückhaltung und ohne die Angehörigen zusätzlich zu belasten. Was uns hier interessiert, ist nicht das persönliche Drama, sondern ein strukturelles Muster, das sich hinter der Tatwaffe verbirgt.

Kein Einzelfall, sondern ein Muster

Der Fall Gy passt in eine Reihe, die wir in unserer Rubrik Kriminalität und Jagd seit Jahren dokumentieren: Menschen mit legalem Zugang zu Jagdwaffen richten diese Waffen und ihre Vertrautheit mit tödlicher Gewalt gegen die eigene Familie, oft in einer Trennungssituation und häufig mit anschliessendem Suizid.

Die Beispiele der jüngeren Vergangenheit sind zahlreich. In der Schweiz erschoss im Juli 2026 ein 59-jähriger Tessiner Hobby-Jäger im Bleniotal seine Ex-Frau und sprengte anschliessend ein Haus. Bereits 2019 tötete im jurassischen Courfaivre ein 47-jähriger Hobby-Jäger, im kantonalen Jagdverband als Jagdlehrer verankert, seine Ehefrau, wenige Tage nachdem sie Anzeige erstattet hatte. In Deutschland erschoss im Februar 2026 in Strullendorf bei Bamberg ein 52-jähriger Hobby-Jäger mutmasslich seine Frau und seine beiden Kinder und beging danach Suizid. In Schweden verübte im Februar 2025 ein Mann mit einer Bewilligung für vier Jagdwaffen in Örebro den schwersten Amoklauf der Landesgeschichte mit zehn Toten. Solche Fälle tauchen in keiner Jagdunfall-Statistik auf, weil sie als Straftaten geführt werden, nicht als Jagdunfälle.

Was die Forschung zeigt

Dass das Jagdgewehr in diesen Taten so oft die Waffe ist, hat einen nüchternen Grund: Verfügbarkeit. Die Rechtsmedizinerin Alexia Delbreil und der Kriminologe Jean-Louis Senon werteten 42 Partnerschaftstötungen der Cour d’Appel de Poitiers aus. Unter den mit Schusswaffen verübten Femiziden wurden rund 71 Prozent mit Jagdgewehren begangen. Jagdwaffen sind, so die Forschenden, «Gelegenheitswaffen», die im Haushalt griffbereit stehen. Der Psychiater Jean-Louis Terra hielt fest, dass das Tötungsrisiko für eine Frau in einem Haushalt mit Schusswaffe fünffach höher liegt, ein Befund, den er 2021 als weiterhin gültig bezeichnete.

Hinzu kommt die Persönlichkeitsforschung. Die Dissertation von Ursula Grohs, bislang die einzige systematische Untersuchung im deutschsprachigen Raum, kam zum Ergebnis, dass Hobby-Jäger sich selbst signifikant aggressiver einschätzen als Nichtjäger und Konflikte häufiger über Dominanz und Kontrolle lösen. Internationale Studien zu den «Dark Triad»-Merkmalen weisen in dieselbe Richtung: Die Bereitschaft, Tiere ohne Notwendigkeit zu töten, korreliert mit Persönlichkeitsmustern, die in anderen Kontexten als Risikofaktoren gelten.

Der blinde Fleck bleibt

Der Fall Gy fällt in eine Woche, in der die Schweiz nach dem Amoklauf von Aarau über Risikogruppen und Eignungsnachweise beim privaten Waffenbesitz debattiert. Wie wir im Beitrag zu Aarau ausgeführt haben, bleibt dabei ausgerechnet der fortdauernde private Zugang zu Jagdwaffen unerwähnt. Gy zeigt am gleichen Tag, wie wenig dieser blinde Fleck an Ländergrenzen haltmacht. Eine Waffenrechtsdebatte, die Sturmgewehre überprüft, den regelmässigen privaten Zugang zu Jagdwaffen aber ausspart, bleibt unvollständig.

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