28. August 2026, 15:50

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Jagd

Graubünden startet die dritte Wolfsregulation, obwohl die Risse sinken

BAFU bewilligt Abschüsse in zwölf Rudeln und die vollständige Entnahme des Calderas-Rudels, während der Kanton drei Tage zuvor Nachwuchs feierte, der nur leergeschossene Territorien auffüllt.

Redaktion Wild beim Wild — 28. August 2026

Das BAFU hat die Gesuche des Kantons Graubünden bewilligt. Ab dem 1. September 2026 dürfen in zwölf Rudeln bis zu zwei Drittel der Jungtiere getötet werden, das Rudel Calderas sogar vollständig. Das geschieht, während die Nutztierrisse sich mehr als halbiert haben. Die Zahlen entlarven die proaktive Regulation als das, was sie ist: ein Abschuss auf Vorrat.

Die Verfügungslage

Am 26. August 2026 hat das Bundesamt für Umwelt die Gesuche des Kantons Graubünden zur proaktiven Wolfsregulation für die kommende Periode bewilligt. Das teilte das Bündner Amt für Jagd und Fischerei (AJF) am 28. August mit. Betroffen sind zwölf Rudel. In allen Rudeln mit bestätigtem Nachwuchs dürfen bis zu zwei Drittel der bestätigten Jungtiere erlegt werden. Bei vier weiteren Rudeln ist die Regulation ebenfalls möglich, sobald diesjähriger Nachwuchs nachgewiesen ist.

Zusätzlich hat der Kanton die vollständige Entnahme des Rudels Calderas in Mittelbünden beantragt. Als Begründung dient dem AJF, dass dieses Rudel Nutztiere in «fachgerecht geschützten Herden» gerissen habe. Die proaktive Abschussperiode läuft vom 1. September 2026 bis zum 31. Januar 2027. Die Bündner Hobby-Jägerschaft wird während Hoch- und Sonderjagd einbezogen. Graubünden führt damit seine seit 2023 bestehende Praxis fort.

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Der Luchs ist genetisch am Limit, trotzdem soll er als erster Kanton der Schweiz zum Abschuss freigegeben werden.

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Der Widerspruch, den niemand erklärt

Der entscheidende Punkt steckt in einer einzigen Zahl, die das AJF selbst nennt. Die Nutztierrisse haben sich 2026 mehr als halbiert. Bis Ende Juli hatten Wölfe im Kanton 30 Nutztiere gerissen, gegenüber 68 im Vorjahreszeitraum. Der Rückgang folgt dem schweizweiten Trend.

Weniger Schäden, gleiche Abschusslogik. Wenn die Risse sinken, aber das Kontingent unverändert maximal ausgeschöpft wird, dann ist der Abschuss nicht mehr die Antwort auf ein Problem. Er ist zur Routine geworden. Genau das ist der Kern der proaktiven Regulation: Getötet wird nicht, weil ein Schaden entstanden ist, sondern bevor einer entstehen könnte. Eine Massnahme, deren Rechtfertigung sich abschwächt, während ihr Umfang gleich bleibt, hat ihre Steuerungsfunktion verloren.

Drei Tage zuvor: gefeierter Nachwuchs, der nur Lücken füllt

Der Zynismus dieser Bewilligung erschliesst sich erst im Zusammenhang mit einer Meldung von wenigen Tagen zuvor. Am 25. August feierte der Kanton den Nachweis von drei «neuen» Rudeln, Heinzenberg, Giarsinom und Madlain, mit mindestens zehn Welpen. Rechnerisch gelten damit 13 Rudel als bestätigt. Was nach Wachstum klingt, ist in Wahrheit blosser Ersatz: Die drei Rudel besetzen exakt die Territorien jener Rudel, welche die Abschüsse zuvor ausgelöscht haben. Heinzenberg übernimmt das Gebiet des früheren Beverin-Rudels, Giarsinom jenes des erloschenen Fuorn-Rudels, Madlain das Territorium des im November 2025 vollständig entnommenen Sinestra-Rudels.

Damit schliesst sich ein Kreislauf, der die ganze Absurdität der Praxis offenlegt. Erst werden Rudelstrukturen zerstört, dann besiedeln zuwandernde Wölfe die leergeschossenen Reviere zuverlässig neu, und schliesslich behandelt das Amt genau diese Wiederbesiedlung als frische Ausgangslage für die nächste Abschussrunde. Die Kompensationsfähigkeit der Wölfe, eigentlich der Beweis, dass die Natur repariert, was die Hobby-Jagd zerstört, wird so zur Legitimation für weiteres Töten umgedeutet. Der Nachwuchs vom 25. August und die Abschussbewilligung vom 28. August sind zwei Seiten derselben Medaille.

Calderas: dieselbe Familie, zweite Runde

Besonders aufschlussreich ist das Rudel Calderas. Es stand bereits in der Periode 2025/26 unter Regulation, damals wurden zwei Drittel seiner Jungtiere zum Abschuss freigegeben. Jetzt soll dieselbe Wolfsfamilie vollständig ausgelöscht werden. Ein Rudel, das über zwei aufeinanderfolgende Perioden hinweg dezimiert und schliesslich ganz entnommen wird, illustriert, was der Verein Wolfshirten kollektive Bestrafung ganzer Wolfsfamilien nennt. Nicht das Verhalten eines einzelnen Tieres wird geahndet, sondern der Fortbestand eines Sozialverbandes verhindert.

Das grosse Bild widerlegt die Erfolgserzählung

Die Behörden verkaufen die proaktive Massaker als Instrument, das die Ausbreitung des Wolfs bremst. Die Zahlen des Bundes zeichnen ein anderes Bild. Über drei Regulierungsperioden hinweg wurden gesamtschweizerisch 226 Wölfe getötet, aufgeteilt auf 57, 92 und 77 Tiere. Trotzdem stieg die Zahl der Rudel weiter: von 35 nach 2023/24 auf 36 nach 2024/25 und schliesslich 40 nach 2025/26.

Mehr Abschüsse, mehr Rudel. Wer eine Massnahme als Erfolg bezeichnet, deren erklärtes Ziel nachweislich verfehlt wird, betreibt keine Wildtierpolitik, sondern Symbolpolitik. Graubünden lag dabei stets an der Spitze. In der vergangenen Periode töteten die Bündner Behörden 35 Wölfe, so viele wie kein anderer Kanton.

Das Muster hinter der Regulation

Der Fall reiht sich in ein bekanntes Muster ein. Sobald Tiere getötet werden, gilt das behördliche Handeln als Erfolg. Ob ein ökologischer Nutzen belegt ist, ob Schäden tatsächlich zurückgehen oder ob die getöteten Tiere überhaupt den anvisierten Rudeln angehörten, tritt in den Hintergrund. Der Abschuss selbst wird zur Kennzahl.

Dabei bleibt die wirksamste Präventionsmassnahme dieselbe wie eh und je: der Herdenschutz. Statt ihn konsequent auszubauen, lenkt die Politik den Fokus auf Abschüsse, weil diese ein einfaches Narrativ liefern. Handlungsfähigkeit, Kontrolle, Durchgreifen. Prävention und Koexistenz sind mühsam und politisch schlechter verwertbar. Wie tief sich diese Logik durch die staatlich organisierte Hobby-Jagd zieht, dokumentieren wir im Dossier Einstieg in die Jagdkritik.

Was es bräuchte

Solange Töten als Erfolg gilt und natürliche Ordnung mit menschlicher Kontrolle verwechselt wird, bleibt die Wolfsregulation ein politisches Projekt ohne fachliches Fundament. Für eine sachliche Debatte wäre ein Moratorium der proaktiven Abschüsse notwendig, bis belastbare Langzeitdaten vorliegen. Ohne klare Zieldefinition, transparente Wirkungskontrolle und den Vorrang nicht letaler Massnahmen ist der Start in die dritte Regulationsperiode das, was die vorangegangenen bereits waren: Dauerintervention statt Naturschutz. Leidtragende sind nicht nur die Beutegreifer, sondern auch die Glaubwürdigkeit staatlicher Wildtierpolitik.

Alle Hintergründe im Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd».

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier umfassende Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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