Mailand mobilisiert gegen die Hobby-Jagd
Einen Tag vor dem Jagdstart in der Lombardei mobilisieren Tierschützer gegen Italiens Reform C.2984.
Am Samstag, 19. September 2026, soll in Mailand ein nationaler Demonstrationszug gegen die Hobby-Jagd stattfinden.
Treffpunkt ist um 14.00 Uhr an den Bastioni di Porta Venezia; der Protest richtet sich gegen die geplante italienische Jagdreform DDL S.1552, die nach dem Senatsentscheid als C.2984 in der Abgeordnetenkammer weiterberaten wird.
Mailand wird damit einen Tag vor der allgemeinen Jagderöffnung in der Lombardei zum Schauplatz einer überregionalen Tierschutzmobilisierung. Organisiert wird der Zug laut den Ankündigungen von Fronte Animalista und AVI – Associazione Vegani Internazionale; angesprochen sind Tierschutzvereine, Tierheime, Schutzzentren, Freiwillige und Menschen ohne Organisationszugehörigkeit.
Protest vor Jagdstart
Die Wahl des Datums ist politisch aufgeladen. In der Lombardei beginnt die allgemeine Hobby-Jagdsaison 2026/27 am 20. September, unmittelbar nach dem geplanten Protest in der Metropole der Region.
Die Veranstaltenden wollen den Konflikt damit sichtbar machen: Während regional die Hobby-Jagdsaison beginnt, berät das italienische Parlament über eine Reform, welche die rechtliche Stellung wild lebender Tiere und die Grenzen der Jagdausübung tiefgreifend verändern würde.
Der Aufruf formuliert bewusst breit. Es gehe nicht um die Demonstration einer einzelnen Organisation, sondern um ein gemeinsames Signal verschiedener Bewegungen für den Schutz von Wildtieren, Lebensräumen und Ökosystemen.
Der Anlass: C.2984
Das DDL S.1552 wurde am 23. Juni 2026 vom Senat mit 80 Ja-Stimmen, 56 Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen angenommen. Es fasst mehrere Vorlagen zusammen und soll das Gesetz 157/1992 ändern, Italiens bisheriges Grundgesetz zum Schutz wild lebender Säugetiere und Vögel sowie zur Jagd.
Seit dem 24. Juni liegt die Vorlage bei der Camera dei deputati unter der Nummer C.2984. Nach dem zuletzt dokumentierten offiziellen Stand befindet sie sich in der Landwirtschaftskommission; sie ist nicht in Kraft und muss das parlamentarische Verfahren einschliesslich einer endgültigen Annahme noch durchlaufen.
Diese Differenz ist zentral: In Mailand wird gegen einen fortgeschrittenen, vom Senat beschlossenen Entwurf demonstriert, nicht gegen ein bereits geltendes neues Jagdgesetz. Bis zu einem endgültigen Parlamentsbeschluss und der Verkündung bleibt das bisherige Gesetz 157/1992 anwendbar.
Was auf dem Spiel steht
Die Reform greift nicht nur punktuell in Jagdregeln ein. Sie verändert den gesetzlichen Rahmen, in dem Wildtierschutz, Wildtiermanagement und jagdliche Nutzung zueinander stehen. Das Gesetz würde ausdrücklich stärker auf «Bewirtschaftung» ausgerichtet und damit die bisherige Schutzlogik des Gesetzes 157/1992 politisch und rechtlich verschieben.
Zu den umstrittensten Punkten zählen die Ausweitung jagdbarer Arten, flexiblere Jagdzeiten, neue Möglichkeiten für Hobby-Jagd auf schneebedecktem Boden und eine stärkere Rolle privater Akteure bei Wildtierkontrollen. Der Entwurf sieht ausserdem Änderungen bei Jagdbetrieben, Lockvögeln und technischen Hilfsmitteln vor.
| Streitpunkt | Bedeutung des Entwurfs |
|---|---|
| Neue jagdbare Arten | Unter anderem Graugans und verwilderte Stadttaube sollen in den Kreis jagdbarer Arten aufgenommen werden. |
| Küsten und Strände | Die Lockerung des Jagdverbots auf staatlichem Meeresgrund könnte freie Strand- und Küstenabschnitte sowie weitere Bereiche des demanio marittimo für die Hobby-Jagd öffnen. |
| Nachtjagdtechnik | Nachtsicht- und Wärmebildgeräte sowie Schalldämpfer werden in Berichten zur Reform als Teil einer technischen Ausweitung der Jagd genannt. |
| Jagd bei Schnee | Für einzelne Jagdformen und Gebiete, besonders im Alpenraum sowie bei bestimmten Huftier- und Wildschweinjagden, sollen Ausnahmen vom Schneeverbot möglich werden. |
| Private Jagdbetriebe | Jagdbetriebe könnten wirtschaftlicher organisiert und unter Bedingungen mit erweiterten Jagdzeiten versehen werden. |
| Wildtierkontrolle | Regionen könnten neben Behörden auch Jagdscheininhaber, Grundeigentümer, Pächter und weitere private Akteure zur Kontrolle heranziehen. |
| Wolf | Der Wolf würde aus der besonderen nationalen Schutzliste in Artikel 2 gestrichen. Eine allgemeine Freigabe der Wolfsjagd folgt daraus jedoch nicht automatisch, weil weiterhin europarechtliche Regeln gelten. |
Küstenjagd als Symbol
Die Möglichkeit der Hobby-Jagd in Küstenbereichen ist zu einem Symbol für die Reform geworden. Sie beruht auf der erneuten Öffnung des demanio marittimo, des staatlichen Meeresgrunds; dazu gehören je nach konkreter Lage freie Strände, Küstenstreifen, Klippen und andere öffentliche Küstenflächen.
Dabei ist präzise Sprache wichtig: Es geht nicht darum, dass jeder Badestrand jederzeit automatisch zur Jagdfläche wird. Der rechtliche Effekt besteht in der Aufhebung oder Lockerung eines bisherigen Verbots, wodurch solche Gebiete grundsätzlich wieder in den jagdrechtlichen Regelungsbereich geraten können; die konkrete Anwendung hängt von finalem Gesetzestext und regionalen Vorgaben ab.
Für Tierschutzorganisationen ist dies dennoch ein zentraler Angriff auf die öffentliche Sicherheit und auf die Idee gemeinschaftlich nutzbarer Natur- und Erholungsräume. Die Kritik richtet sich gegen eine Politik, die Hobby-Jagd nicht begrenzt, sondern territorial und technisch weiter normalisieren würde.
Widerstand wächst
Die angekündigte Demonstration steht nicht allein. OIPA Milano hat öffentlich erklärt, sich dem nationalen Zug anzuschliessen; der Verein begründet dies mit seinem Widerstand gegen die Jagdreform und gegen die Wildtierpolitik der italienischen Regierung.
Auch ausserhalb des organisierten Tierschutzes wuchs der Widerstand. Wild beim Wild berichtete über Kritik aus Wissenschaft, Umweltverbänden, Kirche und Teilen der politischen Mehrheit; zudem stehen Fragen zur Vereinbarkeit der Reform mit europäischem Naturschutzrecht im Raum.
Die EU-rechtliche Auseinandersetzung betrifft insbesondere die Vogel- und die Habitatrichtlinie. Verbände und Medien verwiesen auf eine Stellungnahme der Europäischen Kommission, die Teile der Reform kritisch beurteilt haben soll; ohne Veröffentlichung des vollständigen Originaldokuments muss dieser Vorwurf jedoch als dokumentierte Kritik und nicht als abschliessend geklärte Rechtsfeststellung dargestellt werden.
Mailand als Signal
Der geplante Zug verbindet zwei Ebenen: die konkrete Jagdpolitik der Lombardei und den Kampf um das nationale Jagdrecht. Die Demonstrierenden wollen verhindern, dass eine Reform mit weitreichenden Folgen für Wildtiere, Schutzgebiete, Küstenräume und die öffentliche Nutzung der Landschaft ohne breiten gesellschaftlichen Widerspruch verabschiedet wird.
Die Kundgebung am 19. September ist deshalb mehr als ein Aktionstag gegen die Hobby-Jagd. Sie ist ein öffentlicher Appell an die Abgeordnetenkammer, C.2984 nicht unverändert zu verabschieden, und die italienische Wildtierpolitik wieder an Schutz, Biodiversität und wissenschaftlichen Kriterien auszurichten.
Service
Nationaler Demonstrationszug gegen die Hobby-Jagd
Datum: Samstag, 19. September 2026
Zeit: 14.00 Uhr
Ort: Bastioni di Porta Venezia, Mailand
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