Tessiner Hochjagd 2026: Wild beim Wild begleitet die Saison
Ab morgen sind im Tessin während der Jagdtage wieder rund 1'800 patentierte Hobby-Jäger unterwegs. Wir dokumentieren die Saison, Vorfall für Vorfall.
Ab morgen, 5. September, beginnt im Tessin die Hochjagd.
Während der Jagdtage sind in weiten Teilen des Kantons wieder rund 1’800 patentierte Hobby-Jäger unterwegs. Die Jagd dauert in zwei Phasen bis zum 27. September und reicht von der Leventina bis ins Mendrisiotto. Die genauen Daten und die je nach Höhenlage geltenden Schusszeiten legt der Kanton im kantonalen Jagdreglement fest.
Zwei Sonderregeln prägen diese Saison. In den Bezirken Blenio und Leventina gilt seit 2025 ein dreijähriges Moratorium für die Rehjagd. Kantonale Erhebungen hatten dort einen deutlichen Rückgang der Rehbestände gezeigt. Und im Bleniotal wirkt der Fall von Faido und Leontica nach: Ein Hobby-Jäger erschoss dort seine Ex-Frau und sprengte anschliessend ein Haus. Der Fall steht neben weiteren dokumentierten Ereignissen, bei denen legaler Waffenzugang, persönliche Krisen und Gewalt im jagdlichen Umfeld zusammentrafen.
Die Hochjagd ist dabei nur ein Teil des Tessiner Jagdsystems. Bereits am 3. September hat der Staatsrat die teilweise Regulierung der Wolfsrudel Molare und Lepontino beschlossen. Freigegeben sind bis zu zwei Drittel der 2026 geborenen Jungtiere, konkret zwei beim Rudel Molare und drei beim Rudel Lepontino. Neben dem kantonalen Wildhüterdienst können dafür auch eigens ausgebildete Hobby-Jäger eingesetzt werden. Einen konkreten, den betroffenen Rudeln zugeordneten Riss nennt der Kanton als Voraussetzung nicht.
Hinzu kommt die Wildschwein-Sommerjagd, die das Tessin 2022 eingeführt hat. Sie läuft von Juni bis August: Im Juni wird auf offenen Flächen in der Morgen- und Abenddämmerung gejagt, im Juli und August ausschliesslich nachts von zugewiesenen erhöhten Ansitzen im Wald. Offiziell dient sie dazu, Wildschweinschäden an Kulturen und Privateigentum zu begrenzen und einer Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest vorzubeugen.
Zusammengenommen schaffen Sommerjagd, Hochjagd, Fuchs- und Wildschweinjagd sowie Wolfsregulierung im Tessin ein System, in dem Wildtiere während grosser Teile des Jahres bejagt oder durch unnötige Hobby-Jagdaktivitäten gestört werden. Eine kantonsweit verlässliche, lange Ruhephase ist für viele betroffene Tiere damit kaum erkennbar.
Jagdzeiten im Tessin im Überblick
- Wildschwein-Sommerjagd: Juni bis August; im Juni auf offenen Flächen in der Dämmerung, im Juli und August nachts von zugewiesenen erhöhten Ansitzen im Wald.
- Hochjagd: 5.–19. September sowie 23.–27. September 2026.
- Fuchsjagd («Caccia bassa»): gemäss jährlicher kantonaler Saisonregelung; in den Wintermonaten je nach Gebiet und Freigabe mit zusätzlichen Methoden.
- Caccia tardo autunnale für Hirsch und Reh: mögliche Anschlussjagd nach der Hochjagd, falls die kantonalen Abschussziele nicht erreicht werden; die Daten für 2026/27 stehen noch aus.
- Winterjagd auf Wildschweine: nach kantonaler Anordnung; die Daten für 2026/27 stehen noch aus.
- Proaktive Wolfsregulierung: nach kantonaler Anordnung und innerhalb der jeweils geltenden Bewilligungsfrist.
Was das für Wanderer und die Bevölkerung heisst
Wer sich während der Hochjagd im Tessin in der Natur bewegt, sollte die geltenden Regeln kennen. Für Erholungssuchende sind vor allem die je nach Höhenlage unterschiedlichen Schusszeiten wichtig. Oberhalb von 400 Metern gelten längere tägliche Jagdzeiten, dort wird von morgens bis abends gejagt, im Bleniotal und in den übrigen Bergregionen also fast den ganzen Tag. Unterhalb von 400 Metern, in den dichter besiedelten Tallagen, schränkt der Kanton die Jagd stärker ein und sperrt über die Mittagszeit ein Fenster, damit die Bevölkerung die Natur nutzen kann. Wer eine bestimmte Wanderung plant, prüft die für 2026 geltenden Zeiten am besten im jährlichen Jagdreglement.
Beim Sicherheitsabstand zeigt sich, wie knapp der Schutz bemessen ist. Gemäss der offiziellen Auskunft des Amts für Jagd und Fischerei (Art. 53 RALCC) müssen Hobby-Jäger lediglich 50 Meter Abstand zu Wohnhäusern, Campingplätzen, Vita-Parcours und Naturlehrpfaden einhalten, derselbe Abstand gilt zu Kantonsstrassen, Autobahnen und Bahnlinien. Geschossen werden darf zudem nicht auf Distanzen über 250 Meter. 50 Meter sind wenig: Es ist die Länge eines Schwimmbeckens.
Nach schweren Jagdereignissen im Herbst 2019, bei denen Hobby-Jäger schweizweit Kollegen und Unbeteiligte trafen, darunter ein Kaminfeger mit Warnweste, der erschossen wurde, sowie ein Mann, den ein Begleiter für ein Wildschwein hielt und tötete, kündigte das Tessin an, den Mindestabstand von 50 auf 200 Meter anzuheben und die Schusszeiten in den Talebenen zu verkürzen. Der angekündigte 200-Meter-Abstand wurde jedoch nicht umgesetzt: Bis heute gilt die 50-Meter-Regel. Seit dem 3. Juli 2026 sind bei der Jagd im Tessin zudem Schalldämpfer zugelassen. Als Begründung wurde unter anderem genannt, Schüsse in der Nähe besiedelter Zonen mit weniger Lärm abgeben zu können. An den Risiken durch Schussabgabe, Geschossflug und Nähe zu Siedlungen ändert die technische Dämpfung jedoch nichts. Wir haben die damalige Sicherheitsdebatte im Beitrag «Kanton Tessin wehrt sich gegen Hobby-Jäger» dokumentiert. Unser Dossier «Wie viele Jagdunfälle passieren in der Schweiz?» zeigt, dass solche Ereignisse nicht als isolierte Tragödien, sondern im Kontext eines strukturellen Sicherheitsproblems betrachtet werden müssen.
Genau das dokumentiert Wild beim Wild in den kommenden Wochen: Wir werten während der gesamten Hochjagd Mitteilungen der Kantonspolizei, die Berichterstattung der Tessiner Medien sowie Hinweise aus, die bei der IG Wild beim Wild eingehen. Wir halten fest, wo Vorfälle geschehen, wie darüber berichtet wird und wie oft die Erzählung vom «bedauerlichen Einzelfall» einem wiederkehrenden Muster weicht.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →