13. Juni 2026, 02:35

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FAQ

Wie viele Jagdunfälle passieren in der Schweiz?

In der Schweiz werden jährlich rund 300 UVG-anerkannte Unfälle bei der Hobby-Jagd registriert. Seit dem Jahr 2000 wurden laut Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) über 75 Menschen im Kontext der Hobby-Jagd getötet.

Redaktion Wild beim Wild — 7. März 2026
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Rein rechnerisch passiert alle 29 Stunden ein Jagdunfall. Trotzdem gibt es bis heute keine zentrale, vollständige Meldepflicht – und die Dunkelziffer ist erheblich.

Was sagen BFU-Daten seit dem Jahr 2000?

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) dokumentiert Jagdunfälle seit Jahrzehnten. Die Auswertungen seit dem Jahr 2000 zeigen ein konstant besorgniserregendes Bild: Über einen Zeitraum von rund 25 Jahren wurden mehr als 75 tödliche Jagdunfälle erfasst. Das entspricht im Schnitt drei Toten pro Jahr allein in den erfassten Kategorien. Hinzu kommen jährlich Dutzende Schwerverletzte mit bleibenden Schäden.

Die BFU unterscheidet dabei zwischen Schusswaffenunfällen, Stürzen und sonstigen Unfällen im Jagdbetrieb. Schusswaffenunfälle machen einen erheblichen Teil der schweren und tödlichen Unfälle aus – entgegen dem gelegentlich zitierten Narrativ der Jagdlobby, wonach die Hobby-Jagd «sicherer als Golf» sei. Quelle: BFU – Beratungsstelle für Unfallverhütung.

SUVA-Daten 2006–2015 und 2016–2020: Was die Zahlen zeigen

Die SUVA (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt) erfasst Jagdunfälle als Freizeitunfälle im Rahmen des Unfallversicherungsgesetzes (UVG). Die Auswertung für die Periode 2006–2015 zeigt jährlich rund 300 anerkannte Unfälle im Bereich Hobby-Jagd, rund 2 Todesfälle pro Jahr sowie rund 2 neue Invalidenrenten pro Jahr.

Die Folgeperiode 2016–2020 bestätigt diese Zahlen und liefert eine wichtige Kostendimension: Weiterhin rund 300 Unfälle pro Jahr, rund 1 Todesfall pro Jahr (im erfassten Kollektiv), rund 2 neue Invalidenrenten pro Jahr und jährliche Versicherungskosten von rund 3,6 Millionen Franken.

Diese 3,6 Millionen Franken pro Jahr decken ausschliesslich die Kosten für das versicherte Kollektiv – also angestellte Jagdaufseher, Wildhüter und ähnliche Berufsgruppen sowie Hobbyjagende, die als Erwerbstätige UVG-pflichtig sind. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten inkl. Nichtversicherter liegen weit höher.

Die Dunkelziffer: Wer nicht erfasst wird

Die SUVA-Statistik hat eine fundamentale Lücke: Sie erfasst nur Personen, die obligatorisch nach dem Unfallversicherungsgesetz (UVG) versichert sind. Pensionierte Hobby-Jäger – statistisch eine besonders unfallgefährdete Gruppe, da ältere Jahrgänge überproportional stark in der Jagd vertreten sind – fallen vollständig aus der Statistik. Gleiches gilt für Selbständigerwerbende ohne freiwillige UVG-Deckung, Hausfrauen und Hausmänner, Studierende sowie ausländische Gastjäger, die in der Schweiz jagen.

Da Hobby-Jäger in der Schweiz deutlich älter sind als der Bevölkerungsdurchschnitt – viele sind 55 Jahre und älter, ein erheblicher Anteil ist bereits pensioniert –, ist die Dunkelziffer strukturell erheblich. Eine gesamtschweizerische, vollständige Jagdunfallstatistik existiert bis heute nicht.

Kantonsverteilung: Wo passieren die meisten Unfälle?

Die regionale Verteilung der Jagdunfälle folgt der Jagdintensität und dem Geländecharakter. Laut BFU-Auswertungen entfallen auf Graubünden 28 % aller erfassten Jagdunfälle. Es folgen Unfälle im Ausland (Schweizer Hobby-Jäger auf Jagdreisen) mit 16 %, Tessin mit 7 %, Aargau mit 6 % und Wallis mit 5 %. Die übrigen Kantone teilen sich die restlichen 38 %.

Der hohe Anteil des Kantons Graubünden erklärt sich durch das alpine Gelände, die Hochjagd (die jährlich Tausende von Hobby-Jägern in schwieriges Bergterrain schickt) und die schiere Grösse des Jagdgebiets. Die 16 % Auslandsunfälle zeigen, dass Schweizer Hobby-Jäger auch bei Jagdreisen ins Ausland erhebliche Unfallrisiken eingehen.

Konkreter Fall: Der tödliche Unfall in der Waadt, Dezember 2024

Im Dezember 2024 wurde in Oulens-sous-Echallens im Kanton Waadt ein 64-jähriger Hobby-Jäger von einem Kollegen erschossen. Eine Gruppe versuchte, Wildschweine aus einem dichten Gebüsch herauszutreiben. In der Unübersichtlichkeit der Situation öffnete ein anderer Hobby-Jäger das Feuer und traf den 64-Jährigen tödlich. Der Fall illustriert exemplarisch die gefährliche Kombination aus Gruppenhetze, schlechter Sicht und hohem Stressniveau, die typisch für Drückjagden und Treibjagden ist.

Solche Fälle sind keine Einzelereignisse. Auch in den Vorjahren gab es in verschiedenen Schweizer Kantonen tödliche Jagdunfälle durch Verwechslung von Tier und Mensch oder durch fehlgeleitete Schüsse in Gruppen. Die mangelnde öffentliche Dokumentation verhindert eine systematische Aufarbeitung dieser Fälle.

Alkohol auf der Hobby-Jagd

Ein Faktor, der in der öffentlichen Diskussion kaum thematisiert wird, ist der Alkoholkonsum. Auf vielen Jagden – insbesondere bei geselligen Treibjagden und Gesellschaftsjagden – ist der gemeinsame Konsum von Alkohol Teil der Jagdkultur. Ansitz und Treiben wechseln sich mit Pausen ab, bei denen Schnaps und Wein gereicht werden.

In der Schweiz existieren keine flächendeckenden, verbindlichen gesetzlichen Alkoholverbote für Hobby-Jäger während des aktiven Jagdbetriebs. Einige Kantone haben Empfehlungen oder Regelungen in Jagdverordnungen, aber eine dem Strassenverkehrsrecht vergleichbare klare 0,5-Promille-Grenze mit systematischer Kontrolle ist in der Jagd nicht etabliert. Wer mit dem Auto Alkohol am Steuer trinkt, riskiert den Führerausweis; wer mit dem Gewehr auf der Jagd Alkohol konsumiert, riskiert – ausser dem Leben anderer – wenig rechtliche Konsequenzen.

Der Interessenkonflikt von JagdSchweiz bei eigener Statistik

JagdSchweiz, der Dachverband der Schweizer Hobby-Jäger, erhebt und publiziert selbst Daten zu Jagdunfällen. Dabei besteht ein offensichtlicher struktureller Interessenkonflikt: Der Verband, der für die Interessen der Hobby-Jäger lobbyiert und die Jagd in einem möglichst positiven Licht darstellen will, produziert gleichzeitig die Statistiken, auf die sich öffentliche Debatten und Behörden beziehen.

JagdSchweiz-Statistiken erfassen nicht dieselbe Grundgesamtheit wie SUVA oder BFU, was Direktvergleiche erschwert. Der Verband hat ein Interesse daran, Unfallzahlen möglichst tief darzustellen. Es gibt keine unabhängige externe Prüfung der JagdSchweiz-eigenen Datenerhebung. Kantone, die Jagdunfälle melden sollen, tun dies an unterschiedlichen Stellen und nach unterschiedlichen Kriterien.

Fehlende zentrale Meldepflicht: Ein strukturelles Problem

Anders als in anderen gefährlichen Freizeitbereichen gibt es für die Hobby-Jagd in der Schweiz keine zentrale, vollständige Meldepflicht für alle Unfälle. Die Kantone handhaben die Erfassung unterschiedlich, manche gar nicht systematisch.

Der Kontrast zu anderen EU-Ländern ist markant: In Frankreich, wo die Jagd besonders intensiv und gesellschaftlich umstritten ist, hat die Regierung nach einer Serie von Todesunfällen eine öffentliche Datenbank für Jagdunfälle eingeführt und Mindestabstände zu Wohngebieten gesetzlich verankert. In der Schweiz ist man weit von vergleichbaren Transparenzmassnahmen entfernt. Weitere Informationen zu europäischen Vergleichen bietet unser Dossier zu Jagdopfern in Europa.

Was die 3,6 Millionen Franken nicht enthalten

Die jährlichen SUVA-Kosten von 3,6 Millionen Franken für Jagdunfälle erfassen nur direkte Versicherungsleistungen für das UVG-pflichtige Kollektiv. Nicht enthalten sind: Kosten für Unfälle von Pensionierten und Selbstständigen; Kosten für psychische Nachbehandlung von Unfallopfern und Zeugen; Kosten für Strafverfolgung und Gerichtsverfahren nach Jagdunfällen; Kosten für Such- und Rettungseinsätze (Helikopter, Bergrettung); Produktionsausfälle durch Invalidität; Kosten für Unfälle im Ausland. Die realen volkswirtschaftlichen Gesamtkosten sind damit erheblich höher. Mehr dazu im Dossier «Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet».

Jagdunfälle und Wilderei: Die kriminelle Dimension

Nicht alle Schusswaffenvorfälle im Jagdkontext sind Unfälle. Ein Teil der gemeldeten Fälle betrifft illegale Abschüsse, Wilderei und das vorsätzliche Beschiessen von Wildtieren ausserhalb der erlaubten Zeiten, Gebiete oder Arten. Diese Fälle werden in der Jagdunfallstatistik anders kategorisiert, sind aber Teil des Gesamtbilds. Unser Dossier zu Wilderei und Jagdkriminalität beleuchtet diese Dimension.

Politische Forderungen: Was nötig wäre

Aus jagdkritischer Perspektive braucht es dringend: eine zentrale, unabhängige Meldepflicht für alle Jagdunfälle unabhängig vom Versicherungsstatus; vollständige Erfassung aller Opfergruppen inkl. pensionierter und ausländischer Jagdtouristen; ein Alkohol- und Drogenverbot auf der Jagd analog zum Strassenverkehrsrecht; Sicherheitsabstände zu Siedlungen, Wanderwegen und Erholungsgebieten; und unabhängige Kontrolle der JagdSchweiz-Statistiken. Weitere Kontextinformationen bietet unser Dossier zur Hobby-Jagd und Waffen.

Fazit: Transparenz statt Verbandsstatistik

Jagdunfälle in der Schweiz sind kein Randphänomen. Rund 300 erfasste Unfälle pro Jahr, 3,6 Millionen Franken direkte Versicherungskosten, eine massive Dunkelziffer durch fehlende Erfassung von Pensionierten und Selbstständigen – und ein Interessenverband, der die Datenhoheit über die eigene Unfallstatistik besitzt. Das ist kein Zufall, sondern das Resultat einer Lobby-Struktur, die Transparenz verhindert. Solange keine unabhängige, vollständige und obligatorische Jagdunfallstatistik existiert, bleibt das Ausmass des Problems im Dunkeln.

Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com:

Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.

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