Podcast-Episode: Jagd, Wolf und Politik
Die zentrale Frage der Episode lautet: Wer füllt den Spielraum zwischen Schutzversprechen und Vollzug, und in wessen Interesse?
In dieser Ausgabe von «Wild beim Wild» geht es um den Abstand zwischen dem, was Behörden und Verbände versprechen, und dem, was in den Kantonen tatsächlich geschieht. Die Folge führt durch die Wolfspolitik, die kantonalen Jagdbilanzen, die Medienarbeit der Jagdlobby und vier Entscheide zum Tierschutz.
Wolfspolitik: Prämien, Rudel und offene Schutzgrenzen
Im Tessin ist ein Jungwolf aus dem Camoghè-Rudel getötet worden. Dabei wird sichtbar, wie das neue Kantonsmodell funktioniert: Ausgebildete Hobby-Jäger erhalten 300 Franken Startpauschale, 30 Franken pro Stunde bis maximal 80 Stunden und 500 Franken für jeden getöteten Wolf. Anders als bei der professionellen Wildhut hängt ein Teil der Entschädigung damit direkt am tödlichen Ausgang.
Gleichzeitig läuft die Vernehmlassung zur Jagdgesetz-Revision bis 16. Oktober. Sie will Wolfsabschüsse neu auch zwischen Februar und Mai sowie in eidgenössischen Jagdbanngebieten ermöglichen. Der Erläuterungsbericht räumt selbst ein, dass verwaiste Jungtiere zurückbleiben können. Der Beitrag zu den Jagdbanngebieten stellt die Grundsatzfrage: Ein Schutzgebiet, das nur so lange schützt, wie niemand gestört wird, ist eine Kulisse.
Im Wallis wurde das Nanz-Rudel zum Totalabschuss freigegeben, innert einer Woche das zweite Rudel nach dem Augstbord-Rudel. Wie viele Wölfe betroffen sind, welche Risse ihnen zugeordnet werden und wie die Herden geschützt waren, legt der Kanton nicht offen.
Jagdbilanzen aus den Kantonen
Graubünden startet mit 4’616 geplanten Hirschabschüssen und der dritten proaktiven Wolfsregulation in Folge. Dokumentiert sind ein angeschossener Rehbock, dessen Nachsuche nach zehn Stunden erfolglos abgebrochen wurde, und Fehlabschüsse, die sich laut Amtsdaten seit Jahren im vierstelligen Bereich bewegen.
Im Tessin lautet die amtliche Bilanz der Hochjagd, es sei weniger, aber besser gejagt worden. Gemeint ist das Geschlechterverhältnis der getöteten Hirsche, nicht das Wohlergehen der nichtmenschlichen Tiere: 1’882 Hirsche, 501 Gämsen, 399 Wildschweine und 167 Rehe. Die zwei tödlich verunglückten Hobby-Jäger kommen in der Bilanz nicht vor.
Das Wallis gibt mit Waldschnepfe, Birkhuhn und Alpenschneehuhn drei Arten der Roten Liste frei und hält an Kopfprämien für Füchse fest. St. Gallen will die Rotwild-Hegegemeinschaften auflösen, weil die Abschussziele seit Jahren verfehlt werden und sich die Hobby-Jäger laut Kantonsbericht lieber um Trophäenstiere streiten als um Kahlwild.
Wie Medienporträts diese Praxis als Naturverbundenheit rahmen, zeigen die Beiträge zur Rehjagd im Kanton Bern und zum Eschenbergwald. Im Aargau erklärt ein Merkblatt der Hobby-Jäger der Bevölkerung, wie sie sich anzupassen hat, bei Bussen bis 20’000 Franken. Zugleich wurden dort geschlossene Jagdkanzeln als bewilligungsfrei eingestuft, obwohl das Kreisschreiben von 2015 sie der Baubewilligungspflicht unterstellt.
Jagdkultur, Medien und Lobby
RTR verlost ein Jagdpatent und lässt das Publikum das «schönste» Erlegerbild küren. Eine medienethische Einschätzung hält das für unproblematisch, obwohl der Schweizerische Wildhüterverband solche Bilder als sinnlos und schädlich bezeichnet.
Der Beitrag zu JagdSchweiz und FACE zeigt, wie dieser Rahmen europaweit funktioniert: Personalunion von Verband und Politik, öffentliches Geld mit wenig Kontrolle und der Wolf als gemeinsames Feindbild. Das Jagdbarometer hat der Verband selbst bestellt. Das Ergebnis von WaMos 2, wonach 79 Prozent der Bevölkerung der Hobby-Jagd mit Vorbehalten gegenüberstehen oder sie ablehnen, fehlt in den Verbandsmitteilungen.
Tierschutz und Wildtierpolitik
Das Parlament hat das Verbot für tierquälerisch erzeugten Pelz im Gesetz verankert, mit einer Übergangsfrist bis 2030. 30 junge Bartgeier sind dieses Jahr flügge geworden, ein Rekord, doch Blei aus Jagdmunition bleibt bis 2030 weitgehend erlaubt. Der Thurgau hat ein Verbot für Stacheldrahtzäune einstimmig überwiesen. Und die Schweiz hat an der Internationalen Walfangkommission ihre Delfin-Resolution zurückgezogen, bevor verhandelt wurde.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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