Podcast-Episode: Wildtiere zwischen Schutz und Hobby-Jagd
Ein Gehegewolf als Abschussargument, Verfügungen ohne Begründung, Zuchtfasane für die Treibjagd, der globale Wildtierhandel und was Hirschsalsiz mit Krebsrisiko und Blei zu tun hat.
In dieser Ausgabe von «Wild beim Wild» geht es um Wölfe im Gehege, im Visier und in der Statistik, um Brauchtum und Hobby-Jagd ohne Feigenblatt, um den weltweiten Wildtierhandel und um die Frage, was in der Wildwurst eigentlich steckt.
Wolfsmanagement: Begründungen, die fehlen
Im Wildpark Johannismühle bei Baruth/Mark hat am 28. Oktober ein Polarwolf ein achtjähriges Mädchen schwer verletzt, während eines gebuchten «Tierpflegertags» für Kinder in der Wolfsanlage. Es war ein Gehegewolf, kein freilebendes Tier. Trotzdem wird der Fall rhetorisch in die Debatte um Abschüsse verschoben. In Graubünden hat das Amt für Jagd und Fischerei erst im Quartalsbericht erklärt, warum es im September einen Wolf in Lantsch/Lenz zum Abschuss freigab: «verzögertes Fluchtverhalten». Zwei andere Wölfe mit demselben Verhalten erhielten keine Verfügung, eine Rechtsgrundlage nennt der Kanton nicht, und die Vergrämung hatte im November 2025 laut seinem eigenen Bericht gewirkt.
Wildtierökologe Raphaël Arlettaz hält die Regulierung biologisch für kontraproduktiv: Rudel gleichen Abschüsse durch stärkere Fortpflanzung aus. Die Schweiz hätte laut seiner Berechnung Platz für über 60 Rudel, heute sind es rund 40. Der Nationalrat stimmte dennoch mit 116 zu 73 einer Motion für Abschüsse ab einem Schwellenwert zu. Zum Vergleich: In Arizona und New Mexico ziehen wilde Wölfinnen fremde Welpen auf, seit 2016 kamen so 148 Pflegewelpen in die Wildnis, der Bestand liegt bei mindestens 319 Tieren. Und im Voyageurs-Nationalpark sank der Wolfsbestand seit 2023 um 44 Prozent, ganz ohne Abschussplan, weil die Beute fehlte. Alle Abschüsse der Saison erfasst der Wolfszähler.
Hobby-Jagd und Brauchtum: Was übrig bleibt
In Hof am Leithagebirge entdeckte der VGT rund 100 Zuchtfasane in Transportkisten, bestimmt für zwei Treibjagden, die danach abgesagt wurden. Der Jagdleiter hatte die Tiere ohne Papiere aus Ungarn bezogen. Die Solothurner Zeitung porträtierte den Präsidenten der Thaler Jäger, der nach den gesetzlichen Aufgaben einräumt: «Nicht zuletzt habe ich aber auch gerne etwas Feines auf dem Teller.» Uri öffnet ab dem 7. November Jagdbanngebiete für eine Nachjagd auf 119 Hirschkühe und Kälber, genau dann, wenn die Tiere in den Wintereinständen Ruhe brauchen.
Vor der Hubertusmesse in Zürich bat eine Pfarrerin Hunt Watch schriftlich, auf die Mahnwache zu verzichten, in Arlesheim dagegen begrüsste der Pfarrer die Gruppe, und die gesamte Kollekte ging an ihre Tierrechtsarbeit. Alle Aktionen sammelt der Ticker Hubertusmessen 2026. In Frankreich stoppte das Verwaltungsgericht Marseille die Fuchs-Abschüsse in Les Orres, weil Beweise fehlten, und bezog die Rolle der Füchse im Ökosystem in die Abwägung ein. In der Schweiz ist dieser Klageweg kaum offen.
Wildtierhandel: 107’356 Arten
Eine Studie der Universität Melbourne in «Science Advances» zählt mindestens 107’356 gehandelte Arten, mehr als doppelt so viele wie bisher angenommen. Der legale Handel bringt jährlich 220 bis 300 Milliarden Dollar, gehandelte Populationen sind im Schnitt 50 bis 60 Prozent kleiner. Neun Tage nach Erscheinen der Studie öffnet die Umwelt Arena Spreitenbach am 8. November ihre Hallen für die TerraExpo mit über 120 Ausstellern. Der Schweizer Tierschutz STS geht von über 60’000 tierquälerischen Reptilienhaltungen im Land aus.
Wildwurst: Krebsrisiko und Blei
Ein Tessiner Darmkrebsspezialist führt rund 15 Prozent der Darmkrebsfälle auf verarbeitetes Fleisch zurück, hochgerechnet auf die Schweiz rund 700 Erkrankte und 230 Todesfälle pro Jahr. Hirschsalsiz und Wildsalami fallen genauso darunter: Die IARC stuft verarbeitetes Fleisch unabhängig von der Tierart in Gruppe 1 ein. Dazu kommt Blei aus der Munition. Im deutschen Lebensmittelmonitoring enthielten 72 Prozent von 75 Wildwurstproben Blei, eine Rehpastete fast das Tausendfache des Höchstwerts für Rind und Schwein. Das BLV rät Kindern bis sieben Jahre, Schwangeren, Stillenden und Frauen mit Kinderwunsch, möglichst kein Wildfleisch zu essen.
Gehegewolf, Abschussverfügung, Fasane in Kisten, Blei in der Salami: Der Schaden wird kleingeredet, der Nutzen grossgeredet, und die Kontrolle fehlt. Die Frage der Episode lautet: Was wäre, wenn man einfach beobachtet, statt zu schiessen?
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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