Wilde Wölfinnen ziehen fremde Welpen auf: So kämpfen die USA um den Mexikanischen Wolf
In Arizona und New Mexico legen Biologen Welpen aus Zuchtprogrammen in die Baue wilder Wolfsfamilien, 148 sind es seit 2016. In der Schweiz, deren Wolfsbestand in einer ähnlichen Grössenordnung liegt, werden Jungwölfe geschossen.
Mexikanischer Wolf (Symbolbild). Foto: Anthony Sebbo / Unsplash
«Im Rudel»
In Arizona und New Mexico tragen Biologen jedes Frühjahr Wolfswelpen aus Zuchtstationen in die Baue wild lebender Wolfsfamilien. Die Wölfinnen ziehen die fremden Jungen gemeinsam mit ihrem eigenen Wurf auf. Seit 2016 sind so 148 Pflegewelpen in die Wildnis gelangt. Der Bestand des Mexikanischen Wolfs ist auf mindestens 319 Tiere gewachsen. In der Schweiz liegt der Wolfsbestand in einer ähnlichen Grössenordnung, doch hier werden gerade Jungwölfe geschossen.
So funktioniert die Pflege im Wolfsbau
Die Methode heisst Cross-Fostering. Die Welpen stammen aus dem binationalen Zuchtprogramm SAFE und sind höchstens 14 Tage alt. Die Biologen bringen sie in den Bau einer wilden Wölfin, deren Junge etwa gleich alt sind. Dort mischen sie die Neuankömmlinge unter den Wurf, damit sie dessen Geruch annehmen, und ziehen sich zurück. Die Wölfin säugt und versorgt danach alle Welpen gleich.
Die Geburtstermine in Gefangenschaft und Wildnis müssen dafür zusammenpassen. 2025 gelang dies in Arizona nur bei einem einzigen Bau, weil die wilden Wölfinnen früher geworfen hatten als die Tiere in den Zuchtstationen (Arizona Game and Fish Department). Im ersten Lebensjahr überlebten die Pflegewelpen laut den Behörden im Jahr 2021 etwa gleich häufig wie wild geborene Welpen, nämlich rund die Hälfte.
148 Pflegewelpen seit 2016
Die Zahlen des U.S. Fish and Wildlife Service zeigen, wie stark das Programm gewachsen ist. 2016 waren es sechs Welpen, im Rekordjahr 2024 schon 27. 2025 kamen 17 Welpen in wilde Baue: sechs in einen Bau in Arizona und elf in drei Baue in New Mexico. Im Juni 2026 folgten fünf weitere Welpen, womit das Total auf 148 stieg.
Bis 2025 kamen 143 Welpen in fast 50 wilde Baue. Laut der Wildtierbehörde von Arizona haben im Juli 2026 insgesamt 23 Pflegewölfe zwei Jahre in der Wildnis überlebt. Damit ist das Ziel des Erholungsplans, 22 solche Wölfe bis 2030, bereits übertroffen. Mindestens 13 Pflegewölfe haben zudem selbst 31 Würfe hervorgebracht (Stand Juni 2025). Ihre Gene tragen sie so in weit verstreute Rudel.
Warum jeder Welpe zählt
Der Mexikanische Wolf ist die kleinste und seltenste Unterart des Grauwolfs in Nordamerika. In freier Wildbahn war er ausgerottet, als die USA und Mexiko 1977 mit sieben Tieren ein Zuchtprogramm aufbauten. Auf diese sieben Gründertiere gehen alle heute wild lebenden Mexikanischen Wölfe zurück. 1998 wurden in Arizona die ersten Wölfe aus Gehegen freigelassen.
Die schmale genetische Basis ist laut der Wildtierbehörde von Arizona die grösste Hürde für die Erholung der Art. Rund 350 Mexikanische Wölfe leben in über 60 Einrichtungen in den USA und in Mexiko. Ihre Gene über Pflegewelpen in die Wildnis zu bringen, gilt den Behörden als wirksamer Weg, die genetische Vielfalt zu erhöhen.
Der Bestand wächst seit zehn Jahren ununterbrochen. Ende 2025 zählte das interbehördliche Feldteam mindestens 319 Wölfe in Arizona und New Mexico, nach 286 im Vorjahr. Für eine Herabstufung des Schutzstatus verlangen die Behörden einen Durchschnitt von 320 Wölfen über vier Jahre.
Was Kritiker bemängeln
Unumstritten ist das Programm nicht. Bereits 2021 hielt das Center for Biological Diversity eingespielte Familien aus Gehegen, die gemeinsam freigelassen werden, für überlebensfähiger als einzelne Pflegewelpen. Vor allem kritisiert die Organisation, dass die Behörde zu wenig gegen illegale Tötungen unternehme. Solange Wölfe gewildert werden, nütze auch die beste genetische Auffrischung wenig (KJZZ).
Und die Schweiz?
Die Schweiz zählte 2025 laut KORA 43 Rudel, insgesamt wurden 350 Wölfe nachgewiesen, mindestens 155 Welpen kamen zur Welt. Die Zahl liegt in einer ähnlichen Grössenordnung wie in Arizona und New Mexico, auch wenn ein Jahresnachweis und eine Mindestzählung zum Jahresende nicht dasselbe messen. Die Hintergründe stehen in unserem Dossier «Wolf in der Schweiz».
Seit dem 1. September 2026 sind in der Schweiz mindestens 43 Wölfe im Rahmen der präventiven Regulierung getötet worden, dazu kommt ein reaktiver Einzelabschuss im Wallis. Das zeigt unser Zähler der Wolfsabschüsse, Stand 27. Oktober 2026. Das BAFU hat bis zum 4. Oktober 39 Zustimmungen für Eingriffe in 37 Rudel erteilt. Die präventive Regulierung richtet sich ausdrücklich gegen die Jungtiere. Im Kanton Schwyz tötete die Wildhut im Chöpfenberg-Rudel vier Welpen statt der nachgewiesenen Rissverursacher. Im Wallis erschossen Wildhüter im August 2025 eine Wölfin als angeblichen «Einzelwolf». Sie hatte im Mai Junge geworfen, drei Tage nach dem Abschuss filmte eine Wildkamera im benachbarten Binntal vier Welpen. Ob die Wölfin deren Mutter war, ist ungeklärt. Und der Bund bewilligt Abschüsse, bevor überhaupt Welpen nachgewiesen sind.
Kommentar: Zwei Programme, zwei Haltungen gegenüber Wolfswelpen
Das US-Erhaltungsprogramm nutzt die Fürsorge wilder Wolfsfamilien, um genetische Vielfalt in den Bestand zu bringen. In der Schweiz bewilligen Behörden dagegen den Abschuss eines Teils des Nachwuchses. Im Chöpfenberg-Rudel traf es vier diesjährige Welpen, nicht die nachgewiesenen Rissverursacher. Die unterschiedliche genetische Ausgangslage gehört zur Einordnung, gleichsetzen lassen sich die beiden Bestände nicht. Der Frage nimmt das aber nichts von ihrer Schärfe: Welchen Wert geben wir dem Leben junger Wölfe?
Eine wilde Wölfin, die fremde Welpen annimmt, zeigt, wie stark der Zusammenhalt in einem Rudel ist. Genau diesen Zusammenhalt zerstört die Schweizer Regulierung Jahr für Jahr.
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