Erstmals Protest am Sammelplatz: Dorfbewohner stellen sich Drückjagd im Erzgebirge entgegen
Rund 50 Menschen protestieren gegen eine Staatsforst-Jagd mit 180 Schützen, und der Sachsenforst räumt ein, dass frühere Fütterung die hohen Bestände zur Folge hatte.
Symbolbild. Foto: Rolf Schmidbauer / Unsplash
Treibjagd
Rund 50 Menschen haben am Samstag im sächsischen Erzgebirge gegen eine Drückjagd des Staatsbetriebs Sachsenforst protestiert. Die Mehrheit kam aus den umliegenden Dörfern. Erstmals wurde am Versammlungsort der Hobby-Jäger eine Demonstration angemeldet, und die Polizei war mit mehreren Fahrzeugbesatzungen vor Ort, um beide Gruppen zu trennen. Das berichtet die «Freie Presse», die mit beiden Seiten sprach.
180 Schützen auf 1’700 Hektaren
Die Jagd fand am Morgen des 24. Oktober 2026 bei Reitzenhain statt, einem Ortsteil von Marienberg. Laut dem Leiter des Staatsforstbetriebs im Forstbezirk Marienberg nahmen rund 180 Schützen und 20 Treiber teil. Freigegeben waren Rotwild, Schwarzwild und Rehwild, dazu das in der Region seltene Muffelwild. Im rund 1’700 Hektaren grossen Jagdgebiet durften ausserdem Füchse, Marderhunde und Waschbären geschossen werden.
Wie sich die Schützen in Reitzenhain zusammensetzten, geht aus dem Bericht nicht hervor. Grundsätzlich stützt sich der Sachsenforst bei seinen Drückjagden stark auf Private: Neben Forstbediensteten nehmen viele private Jäger als Jagdgäste oder mit Begehungsschein teil. 2023 bezifferte der Betrieb diese Helfer auf rund 1’600 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger, die etwa zwei Drittel der Jagdstrecke im Staatswald erzielen.
Was die Anwohner fordern
Auf den Plakaten der Protestierenden stand nicht «Drückjagd», sondern «Hetzjagd». Aus ihren Reihen ging vorab ein Schreiben mit Forderungen an das Forstrevier Marienberg. Zusammen mit den Aussagen vor Ort ergibt sich folgender Katalog:
- keine Treibjagden mit mehr als 20 Schützen
- ein Treibjagdverbot von Dezember bis Januar
- Wildruhezonen, in denen die Bejagung für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt wird
- geschützte Äsungsflächen ohne Hochsitze
- Schonung der Leittiere
Ein Teilnehmer aus Oberschaar warf dem Sachsenforst vor, den Wald grundsätzlich über das Wild zu stellen. Ein Teilnehmer aus Königswalde nannte den Wildverbiss ein menschengemachtes Problem: Der Stress durch die Jagden erhöhe den Energiebedarf der Tiere.
Die Polizei meldete bis Samstagnachmittag keine Vorfälle. Aufrufe in sozialen Medien zu Blockaden im Wald stünden laut Polizei nicht in direkter Verbindung mit den Teilnehmenden der angemeldeten Demonstration.
Frühere Fütterung: Der Sachsenforst bestätigt einen Kernpunkt der Kritik
Bemerkenswert sind die Aussagen des Staatsbetriebs selbst. Ein Referent erklärte gegenüber der «Freien Presse», das Wild sei in der Vergangenheit aktiv gefüttert worden, und das habe eine hohe Population zur Folge gehabt. Die Menschen hätten sich an dieses Bild gewöhnt, es sei aber «nicht normal».
Damit benennt der Sachsenforst genau den menschlichen Einfluss, den die Demonstrierenden anprangern. Wer heute mit hohen Beständen und Schäden an Grün- und Ackerland argumentiert, muss auch erklären, welche Rolle die frühere jagdliche Fütterung dabei spielte. Eine Langzeitstudie von Servanty et al. (2009) deutet zudem darauf hin, dass hoher Jagddruck eine frühe Fortpflanzung bei Wildschweinen begünstigen kann (siehe Alternativen zur Hobby-Jagd). Die Rechnung «mehr Abschüsse, weniger Tiere» geht also nicht so einfach auf.
Ausserdem erklärte der Betrieb, in zwei Revieren könne bereits auf Drückjagden verzichtet werden, weil der Verbiss dort bei zehn Prozent oder weniger liege. Die grosse Bewegungsjagd ist damit selbst nach Darstellung des Sachsenforsts nicht überall nötig.
Füchse schiessen für das Birkhuhn?
Die Freigabe der Füchse begründete die Jagdleitung mit dem Schutz der Birkhuhn-Population. Das wirft konkrete Fragen auf: Welche Rolle spielt der Fuchs vor Ort tatsächlich? Welche Lebensraummassnahmen werden für das Birkhuhn umgesetzt? Und woran wird gemessen, ob die Abschüsse etwas bewirken? Die Freigabe einer Tierart ist noch kein Nachweis für Artenschutz.
In der Schweiz wird mit derselben Begründung gejagt. Selbst der Ökologische Jagdverein nennt beim Rückgang der Raufusshühner vor allem den Verlust von Lebensraum, wie der WBW-Beitrag JagdSchweiz argumentiert gegen sich selbst zeigt. Warum bejagte Fuchsbestände Lücken rasch wieder auffüllen, erklärt das Dossier Der Fuchs in der Schweiz.
Warum die Drückjagd so umstritten ist
Bei Bewegungsjagden werden Tiere aus ihren Einständen aufgescheucht und häufig in der Bewegung beschossen. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz kommt je nach Auswertung zum Ergebnis, dass bis zu rund 70 Prozent der beschossenen Tiere bei Drückjagden nicht sofort tot sind. Die Hintergründe fassen der Beitrag Was ist die Bewegungsjagd und warum ist sie problematisch? und das Dossier Warum Tierschutzrecht an der Waldgrenze endet zusammen.
Neu ist im Erzgebirge, wer sich wehrt: Menschen aus den Dörfern rund um den Wald, die jeden Winter erleben, was dort geschieht, und die mit konkreten Forderungen an die Behörde gelangen.
Auch in der Schweiz können Sie handeln
Was in Reitzenhain geschieht, geht auch hier: Wer selbst aktiv wird, verändert die Debatte. Aus Sicht der IG Wild beim Wild wirkt eine persönliche Nachricht an die Politik am direktesten. Auf der Seite Fuchsjagd: Schreiben Sie Ihrem Kantonsparlament finden Sie die Adressen der Kantonsparlamente und einen Musterbrief. Ein paar Minuten genügen, damit Ihre Kantonsrätinnen und Kantonsräte wissen, dass Sie Treib- und Fuchsjagden nicht länger hinnehmen.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
Wildtiere brauchen eine Stimme
Einmal pro Woche: Recherchen, Petitionen und Hintergründe zur Hobby-Jagd. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →