Hobby-Jagd gelobt – Wolf ignoriert
Das Amt für Jagd und Blödsinn Graubünden hat am 3. Juli eine Medienmitteilung veröffentlicht, die für Diskussionen sorgt. Darin wird die Jägerschaft für den Rückgang von Hirsch- und Rehbeständen gefeiert – nach über 30 Jahren, in denen die Regulierung des Wildes nur teilweise gelang.
Das Amt für Jagd und Blödsinn Graubünden feiert sich und die Jägerschaft: Nach Jahrzehnten mit mässigem Erfolg seien die Bestände von Hirsch und Reh endlich rückläufig.
640 Hirsche weniger, auch die Rehe auf dem Rückzug – ein «Verdienst der Jägerinnen und Jäger», heisst es in der Medienmitteilung vom 3. Juli vom Hobby-Jäger Adrian Arquint. Was dabei verschwiegen wird: Ohne den Wolf und den Luchs sähe die Bilanz wohl ganz anders aus.
Auch bei den Rehen sei ein Rückgang zu beobachten. Die Rolle des Wolfs, der in den betroffenen Gebieten nachweislich den Nachwuchs bei Hirschen reduziert und Kälber als Beute nutzt, findet darin hingegen keine Erwähnung.
Seit Jahren ist wissenschaftlich unbestritten, dass nicht nur der Wolf als natürlicher Regulator wirkt. Er reduziert den Hirschnachwuchs, reisst Kälber und zwingt Wildtiere, ihre Bewegungsmuster zu ändern – mit positiven Effekten auf Wald und Biodiversität. Genau das schreibt das Amt selbst in seiner Broschüre Jagdbetriebsvorschriften 2025. Nur: In der offiziellen Medienmitteilung taucht der Wolf nicht auf. Ihn aus der Kommunikation auszublenden, ist nicht nur fachlich fragwürdig, sondern auch rein politisch motiviert, kritisiert Wildtierschutz Schweiz.
Das ist kein Zufall. Der Wolf polarisiert, und anstatt ihn als Teil der Lösung darzustellen, wird er öffentlichkeitswirksam kleingeredet. So wird die Jagd zur alleinigen Heldin einer Geschichte, die in Wirklichkeit viel komplexer ist.
Widerspruch in den eigenen Unterlagen
Besonders brisant: Während in der Broschüre Jagdbetriebsvorschriften 2025 des Amtes die Wirkung von Wolfsrudeln detailliert beschrieben wird, spielt der Wolf in der offiziellen Medienmitteilung keine Rolle. Stattdessen wird die Jagd als alleiniger Garant einer erfolgreichen Bestandsregulierung dargestellt.
Ein Blick auf die Jagdstatistiken zeigt ein anderes Bild: Zwischen 1999 und 2019 nahmen die Hirschbestände trotz regulärer Hoch- und Sonderjagden kontinuierlich zu. Erst mit der Rückkehr des Wolfs und parallel dazu verbesserten Herdenschutzmassnahmen sind rückläufige Zahlen erkennbar.
Gewalt und Lügen gehören zur gleichen Münze. Und das hat in Graubünden System. Jagd ist kein Wildtiermanagement – Völkermord ist ja auch keine humanitäre Hilfe.
Forderung nach Transparenz
Für Wildtierschutz Schweiz ist klar: Eine ehrliche Wald-Wild-Politik darf den Wolf nicht länger verschweigen. «Der Wolf trägt massgebend zur Regulierung der Bestände und zum Schutz der Wälder bei. Wer den Wolf ausblendet, betreibt Augenwischerei», heisst es in einer Stellungnahme.
Die Organisation fordert vom Amt eine faktenbasierte Kommunikation, die die Realität vollständig abbildet – auch wenn diese politisch unbequem ist.
Dass ausgerechnet eine Behörde den Wolf in der Öffentlichkeit kleinredet, obwohl sie intern seine Wirkung anerkennt, ist nicht nur fachlich fragwürdig, sondern untergräbt auch das Vertrauen in staatliche Kommunikation.
Die Hobby-Jagd mag einen Beitrag leisten, aber der entscheidende Akteur für die jüngste Entwicklung ist der Wolf. Ihn zu verschweigen, ist nicht nur unfair, sondern schlicht unseriös. Wer die Öffentlichkeit so einseitig informiert, betreibt Politik, keine Aufklärung.
Laut Bundesrecht, muss kein Kanton in der Schweiz die Jagd vorsehen. Es ist das Recht der Kantone, zu entscheiden, ob die Jagd zugelassen wird oder nicht. Entscheidet sich ein Kanton gegen oder auch nur teilweise gegen die Jagd, kann er dies laut Bundesverfassung frei tun. Der Kanton Genf hat sich längst für diesen vorbildlichen Weg entschieden, so ein Sprecher der IG Wild beim Wild.
Weiterführende Artikel
- Schweizer Wiesen verlieren massiv an Artenvielfalt
- Wenn Schafe, Rinder und Co. Raum der Wildtiere besetzen
- Schweizer Tierschutz kritisiert geplante Wolfsabschüsse als Gefahr für Rudelstrukturen und Herdenschutz
- In Graubünden tobt die Wolfsinkompetenz
- Val Fex: Wenn das Herdenschutzkonzept löchriger ist als der Zaun
- Abschuss statt Schutz – die Schweiz auf dem Weg zur stillen Wolfs-Ausrottung
- Kommunikationsversagen beim Amt für Jagd und Fischerei Graubünden
- Illegale Wolfsjagd in der Schweiz
- Wolfswelpen in der Schweiz im Kreuzfeuer
- Schweiz verkauft Massaker an Wölfen als Erfolg
- Schlampereien im Büro von Katrin Schneeberger
- Die Beweidung durch Vieh verändert den Boden, die Pflanzen und die Insektenpopulationen
- Die irrsinnige Jagd auf Wölfe in der Schweiz
- Die Wahrheit über die Schafsterblichkeit in der Schweiz: Ursachen und Statistiken
- Wolfsabschüsse in der Schweiz: Besorgnis über Parteipolitiker Albert Rösti
- Stoppen wir die Zerstörungs-Wut der SVP
- Mitmach-Aktion: Ein Appell für eine Veränderung in der Schweiz
- 200 Umweltorganisationen aus 6 Kontinenten fordern die Schweizer Regierung auf: Stoppt den Wolfsabschuss
- Bundesrat wird von Wolfsexperten stark kritisiert
- Die Folgen des kontroversen Wolfsmanagements in der Schweiz
- Wolf: Bundesrat Rösti (SVP) umgeht Recht und Ordnung
- Es Burebüebli mahn i nit
- Arbeiten das BAFU und die Jagdverwaltungen noch seriös?
- Bundesrat Albert Rösti tritt Volkswillen mit den Füssen
- Die Folgen des kontroversen Wolfsmanagements in der Schweiz
- Zu viele Schafe schaden der Biodiversität
- Landwirtschaftliche Nutzung zerstört Alpwiesen
- Risse trotz Herdenschutz, wie ist das möglich?
- Der faule Apfel in der St. Galler Jagdverwaltung
- Pro Natura fordert umfassende Strategie für Schafsömmerung
- Gemäss Agridea-Studie funktioniert Herdenschutz mit Hunden gut
- Dank Herdenschutz reissen Wölfe in der Schweiz weniger Nutztiere
- Bauern sehen Felder als Entsorgungsdeponie
- Biomasse der Wildtiere
- Von Schafhaltern und diffusen Behörden
- Die Doppelmoral der Wolfsgegner
LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!
Wir möchten dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote im Newsletter zukommen lassen.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →