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Umwelt & Naturschutz

Wenn Schafe, Rinder und Co. Raum der Wildtiere besetzen

Ein kritischer Blick auf die Alpwirtschaft, Biomasse­nutzung und die Folgen für heimische Wildtierpopulationen.

Redaktion Wild beim Wild — 19. Oktober 2025

Die Alpen – für viele ein Sehnsuchtsort wilder Natur.

Doch die Realität sieht anders aus: In weiten Teilen der Berglandschaft beansprucht die Nutz­tierhaltung (Rinder, Schafe, Ziegen) nicht nur Futter – sie nimmt aktiv Raum, strukturiert Lebensräume um und verändert damit die Chancen für Reh, Gämse, Rothirsch & Co.

Nicht nur klimatische Veränderungen und Forstwirtschaft beeinflussen die Berglandschaft – auch die ausufernde und grossflächige Tierhaltung auf Alpenweiden spielt eine zentrale Rolle.

Insbesondere im Blick auf das Verhältnis zwischen domestizierten Weidetieren und wildlebenden Tieren wirft die Nutz­tierhaltung inzwischen relevante Fragen auf. Im Folgenden werden zentrale Fakten zusammengefasst – mit dem Fokus darauf, wie die Nutzung von Biomasse durch Nutztiere Wildräume einengen kann.

Die Schweiz weist rund eine Million Hektar landwirtschaftliche Fläche aus – der Anteil an Naturwiesen und Weideland ist hoch. In Österreich halten hunderttausende Betriebe grosse Bestände: Allein die aktuellen Jahreszahlen zeigen Millionen Stück Vieh (Rinder, Schafe, Schweine) – und Hunderttausende Schafe sind in den Alpen saisonal im Einsatz. Million Hektar Wiesen und Hunderttausende Nutztiere bedeuten eine enorme, jährliche Entnahme von oberirdischer Biomasse – dort, wo Wildtiere sonst fressen oder Ruhe finden würden.

Beweidung verändert Vegetationsstruktur, Boden und Deckung. Intensive oder monotone Beweidung schafft offene, niederflächige Flächen mit weniger Versteck- und Brutmöglichkeiten für bodenbrütende Vögel, Kleinsäuger und Jungtiere grosser Säuger. Forschung in alpinen Regionen berichtet, dass Wildarten wie Gämse sensibel auf die Präsenz von Weidetieren reagieren und Gebiete mit hoher Nutzung meiden.

1. Nutztiere als Biomassekonkurrent für Wildtiere

Die Alpwirtschaft mit Rindern, Schafen und Ziegen führt zu erheblicher Biomasse­nutzung: Grasland wird in grosser Menge geerntet bzw. beweidet, Dung ausgegeben, Flächen intensiv genutzt. Dies hat Konsequenzen:

  • Studien zeigen, dass das Vorhandensein von weidenden Tieren die Produktion oberirdischer Biomasse (Gräser, Kräuter) beeinflusst. Wenn Rinder und Schafe saisonal oder dauerhaft dieselben Flächen in grossen Mengen abgrasen, steht weniger hochwertige Biomasse für wildlebende Wiederkäuer und Kleinwild zur Verfügung – insbesondere in kritischen Zeiten wie Frühling und Spätherbst.
  • Eine Übersicht zur Nutzung von Halbnaturräumen in der EU zeigt: Im Alpen-Südraum werden rund 39,4 % der semi-natürlichen Graslandflächen beweidet.
  • Wildtierforschung belegt: Im Bereich des Projekts Alpensteinbock bzw. Gämse wurde festgestellt, dass Beweidung bzw. die Präsenz von Weidetieren zu einer Verdrängung oder Einschränkung geeigneter Wildräume führen kann.

Diese Werte machen deutlich: Nutztiere beanspruchen Biomasse und Raum, die sonst Wildtieren (z. B. Reh, Gämse, Rothirsch) zur Verfügung stünden. Wenn Grasflächen von Nutztieren dominiert werden, reduziert sich die Verfügbarkeit von Futter, Rückzugsflächen und geeigneten Habitaten für Wildtiere.

2. Raum‐ und Habitatkonkurrenz: Nutztiere vs. Wildtiere

Wildtiere benötigen optimalerweise ein Mosaik aus offenen Flächen, wechselnder Vegetation, Rückzugsorten und geringer Störung. Nutztiere hingegen verändern das Habitat:

  • In einem Forschungsprojekt wird explizit beschrieben: «Gämse … reagieren sehr sensibel auf Rinderbeweidung und bevorzugen Gebiete ohne intensiven Nutztiereinfluss.»
  • Eine Studie zur Vogelwelt in pseudo-alpinen Gräsern stellte fest: Intensive Beweidung kann zu geringerer Deckung, weniger Nahrung (z. B. Arthropoden) und damit zu schlechteren Bedingungen für Bodenbrüter führen.

Somit ist nicht lediglich das Vorhandensein von Nutz­vieh ein Thema, sondern die Art und Weise und Intensität der Nutzung. Dort, wo Nutztiere grosse Flächen belegen, bleiben Wildtieren weniger ungestörte Räume. Besonders im Frühjahr und Sommer, wenn Wildtiere nach hochwertigem Futter suchen, konkurrieren Nutztiere aktiv durch Beweidung, Trittschäden, Dung‐ und Krankheitsverbreitung.

3. Beweidung, Biomasse‐Management und ökologische Folgen

Die Alpwirtschaft behauptet oft, sie fördere die Biodiversität – und in Teilen stimmt das. Allerdings: Die Wirkung ist stark vom Management abhängig und hat auch Grenzen.

  • Eine Untersuchung zeigt: Beide Extreme – Überbeweidung und Aufgabe der Beweidung – können zu Problemen führen.
  • Nutztiere beeinflussen Boden, Vegetation, Biomasseproduktion, nämlich durch Nutz­entnahme (Beweidung), Trittschäden und Düngung.
  • Während extensive Beweidung unter bestimmten Umständen verträglich sein kann, führt intensive Nutzung oder monotone Nutzung grosser Flächen oft zu Veränderung der Vegetationsstruktur – mit Konsequenzen für Wildtiere, die bestimmte Strukturen benötigen.

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt: Nutztiere beanspruchen nicht nur Biomasse – sie beanspruchen auch Flächen­zeiten, Bewegungskorridore und Rückzugsräume, die Wildtieren fehlen können.

4. Konsequenzen für Wildtiermanagement und Jagdpraxis

Für das Wildmanagement ergeben sich daraus mehrere Implikationen:

  • Wenn Nutztiere Flächen grossflächig und saisonal beanspruchen, müssen Wildtiermanager bedenken: Wildtiere haben weniger freie Flächen zur Verfügung. Dies kann zu stressbedingten Effekten führen: geringere Körper­gewichte, erhöhte Winter­mortalität, schlechtere Fortpflanzung.
  • Die Natur- und Wildtierpolitik sollte nicht nur Nutzer (z. B. Weidetierhalter) und Wildtiere gegeneinanderstellen – sondern Raum‐ und Biomassenutzung fair gegenüberstellen: Wer nutzt wie viel Fläche, wie intensiv, wie oft?
  • Ein weiterer Aspekt: Zugänglichkeit und Rückzugsräume. Wildtiere brauchen sowohl Nahrung als auch Ruhebereiche – Flächen mit Nutz­vieh sind häufig stärker frequentiert, lauter, trittschädigend – als z. B. abgeschiedene Areale.
  • Die Naturschutzstrategie kann davon profitieren, alternative Flächen bewusst für Wildtiere offenzuhalten – oder Weideflächen so zu managen, dass Wild­tiere nicht dauerhaft verdrängt werden.

5. Forderungen und Empfehlungen

Aus Sicht der jagdkritischen IG Wild beim Wild lassen sich folgende Forderungen ableiten:

  1. Transparenz über Nutztierdichte & Flächen­anteil: Wie viel Fläche nehmen Nutztiere in einem Wildrevier dauerhaft ein? Welche Biomasse wird entnommen? Diese Daten sollten offengelegt werden.
  2. Zonierung & Zeitplanung: Weideflächen sollten so eingerichtet sein, dass Wildtiere im Frühjahr und Herbst Priorität haben – Nutztiere könnten saisonal dort reduziert werden.
  3. Wildtierfreundliches Weidemanagement: Weidetierhaltung darf nicht auf Kosten von Wildtierraum gehen: Pufferzonen, reduzierte Nutzerdichte, stärkere Rotation.
  4. Monitoring von Wildtierparametern: Körper­gewicht, Überlebensraten, Reviergrösse. Wildtiere müssen im Nutztierradius gemessen werden, um Effekte zu dokumentieren.
  5. Integration in Naturschutzpolitik: Statt «Nutztiere vs. Wildtiere» sollte eine integrierte Strategie verfolgt werden, die beide legitimen Nutzungsansprüche berücksichtigt – aber mit einer fairen Raumverteilung.

Wenn wir die Wildtiere ernst nehmen – ihre Bedürfnisse nach Raum, Biomasse, Rückzugsräumen –, dann ist klar: Nutztiere beanspruchen diese mit. Der Wettbewerb um Biomasse, Lebensraum und Ruhezeit darf nicht ignoriert werden. Insbesondere für die Naturschutzperspektive heisst das: Raum für Wildtiere sichern, Nutztiere nicht als alleinige Raum­faktoren betrachten und aktiv steuern.

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