20. April 2026, 11:01

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Jagd

Schweden: Luchsjagd 2026 – Gericht stoppt, dann gibt Regierung grünes Licht

153 Luchse sollten ab dem 1. März 2026 in 14 schwedischen Provinzen geschossen werden. Ein Berufungsgericht hat die gesamte Lizenzjagd ausgesetzt. Es ist der zweite gerichtliche Stopp einer Beutegreifer-Jagd innerhalb weniger Monate.

Redaktion Wild beim Wild — 23. März 2026

Update 24. März 2026: Am 17. März 2026 hat das Berufungsgericht (Kammarrätten) in Sundsvall die einstweilige Aussetzung der Luchsjagd wieder aufgehoben.

Die Lizenzjagd läuft seither in allen betroffenen Provinzen.

Schweden hat die Abschussquote für Luchse 2026 auf 153 Tiere fast verdoppelt (2025: 87 Tiere).

Die Freigabe betraf alle 14 betroffenen Provinzen und hätte mehr als ein Zehntel der geschätzten Gesamtpopulation von rund 1’400 Individuen betroffen. Die Jagd sollte am 1. März beginnen, mitten in der Paarungszeit der Luchse.

Der schwedische Naturschutzverband Naturskyddsföreningen klagte gegen die Abschussverfügungen in allen betroffenen Provinzen, mit Ausnahme der Rentierweidegebiete in Västerbotten, Jämtland und Västernorrland. Das Verwaltungsgericht wies die Klagen in mehreren Provinzen zunächst ab, darunter in Örebro, Stockholm, Västra Götaland, Uppsala und Kalmar.

Berufungsgericht greift ein – und gibt wieder frei

Naturskyddsföreningen legte umgehend Berufung beim Kammarrätten (Berufungsgericht) in Sundsvall ein und beantragte eine einstweilige Aussetzung der Jagd. Das Gericht gab dem Antrag Ende Februar statt und setzte die Luchsjagd in den süd- und mittelsschwedischen Provinzen per Inhibition aus. In den vier nördlichen Provinzen (Västerbotten, Jämtland, Västernorrland, Gävleborg) startete die Hobby-Jagd am 1. März dennoch, wurde aber am 2. März von der Förvaltningsrätten in Luleå ebenfalls gestoppt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 19 Luchse getötet worden.

Beatrice Rindevall, Vorsitzende von Naturskyddsföreningen, hatte bereits bei der Erstinstanz gewarnt: Die Freigabe verstosse sowohl gegen EU-Recht als auch gegen schwedisches Jagdrecht. Wenn mehr als jeder zehnte Luchs zum Abschuss freigegeben werde, sei das langfristige Überleben der Population gefährdet.

Jagdstopp nach zwei Wochen aufgehoben

Der gerichtliche Schutz hielt jedoch nur rund zwei Wochen. Die vollständige Chronologie zeigt, wie schnell der Artenschutz unter dem Druck der Hobby-Jägerschaft erodierte:

  • 27. Februar: Kammarrätten in Sundsvall setzt die Luchsjagd in den süd- und mittelsschwedischen Provinzen per Inhibition aus.
  • 1. März: Die Hobby-Jagd startet trotzdem in den vier nördlichen Provinzen (Västerbotten, Jämtland, Västernorrland, Gävleborg).
  • 2. März: Die Förvaltningsrätten in Luleå stoppt auch die Hobby-Jagd im Norden. 19 Luchse sind bereits tot.
  • 11. März: Die Förvaltningsrätten hebt die Aussetzung in den drei nördlichsten Provinzen (Västerbotten, Västernorrland, Jämtland) wieder auf, mit Verweis auf die Rentierhaltung.
  • 16. März: Auch der Stopp in Gävleborg wird aufgehoben.
  • 17. März: Die Kammarrätten in Sundsvall erteilen in neun von zehn süd- und mittelsschwedischen Provinzen keine Prüfungserlaubnis (prövningstillstånd). Die Inhibition wird aufgehoben, die Luchsjagd ab 15:00 Uhr wieder freigegeben. Einzig in Dalarna wird die Berufung inhaltlich zugelassen, doch auch dort darf gejagt werden, während das Verfahren läuft.

Damit läuft die Lizenzjagd auf 153 Luchse seit dem 17. März in sämtlichen Provinzen. Das Berufungsgericht hat die Klagen der Naturschutzverbände faktisch abgewiesen, ohne sie inhaltlich zu prüfen. Der Antrag von Naturskyddsföreningen, den Fall an den EU-Gerichtshof zu verweisen, wurde ebenfalls abgelehnt.

Eskalation seit 2023

Die Quoten der vergangenen Jahre zeigen den politischen Druck der Hobby-Jägerschaft auf die schwedische Wildtierpolitik:

  • 2023: 188 Luchse durch Lizenzjagd getötet, dazu 30 durch «Schutzjagd» und 54 durch Verkehr und natürliche Ursachen (Sweden’s Big Five)
  • 2024: 143 Luchse durch Lizenzjagd getötet
  • 2025: Quote 87, davon 83 bereits bis Mitte März geschossen
  • 2026: Quote auf 153 erhöht, vorübergehend gerichtlich gestoppt, seit 17. März wieder freigegeben

Seit 2015 wurden in Schweden über 1’100 Luchse durch lizenzierte und «Schutz»-Jagd getötet. Gleichzeitig sank die offizielle Population von geschätzt 1’417 im Winter 2022/23 auf rund 1’276 im Jahr 2024. Erst die jüngste Schätzung zeigt wieder einen leichten Anstieg auf etwa 1’400, was die Behörden jedoch sofort als Rechtfertigung für höhere Quoten nutzten.

Trophäenjagd als eigentliches Motiv

Die offiziellen Begründungen für die Luchsjagd halten einer Überprüfung nicht stand. Die schwedische Umweltschutzbehörde Naturvårdsverket argumentiert, die Jagd diene dem «Schutz von Nutztieren» und der «Erhöhung der Akzeptanz». Doch die Zahlen widersprechen diesem Narrativ: Im Jahr 2023 wurden lediglich 89 von geschätzt 340’000 schwedischen Schafen durch Luchse getötet oder verletzt.

Magnus Orrebrant, Vorsitzender der Swedish Carnivore Association (SCA), bringt es auf den Punkt: Die Hobby-Jagd auf Luchse existiere ausschliesslich zur Befriedigung von Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern. Eine grosse Mehrheit der schwedischen Bevölkerung wolle den Luchs frei in der Natur leben sehen. Laut Umfragen unterstützen 67 bis 80 Prozent der Schwedinnen und Schweden den Fortbestand lebensfähiger Beutegreifer-Populationen, während nur 2,75 Prozent der Bevölkerung als Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger registriert sind.

Selbst der schwedische Jagdverband Svenska Jägareförbundet räumt ein, dass die Luchsjagd nicht mit Gefahren für Menschen zusammenhängte. Ein Berater des Verbands bestätigte, es gehe um den «Nervenkitzel» und für manche auch um das Fell als Trophäe.

Jagdmethoden im Widerspruch zum Tierschutz

Die gängigste Methode der schwedischen Luchsjagd ist der Einsatz von GPS-ausgestatteten Hunden, die den Luchs auf einen Baum treiben, wo er dann wehrlos erschossen wird. Alternativ wird der Luchs durch Gruppen von Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern eingekreist und mit Hunden aus der Deckung getrieben. Vereinzelt kommen noch Kastenfallen zum Einsatz, in denen der Luchs gefangen und anschliessend erschossen wird.

Die Jagd findet im März statt, also während der Paarungszeit, wenn Jungtiere noch von der Mutter abhängig sind. Naturskyddsföreningen hat in einem offenen Brief an die EU-Kommission betont, dass diese Praxis das langfristige Überleben der Art gefährde. Die schwedische Umweltbehörde hat zwar im Februar 2025 eine Studie in Auftrag gegeben, die untersuchen soll, wann Jungtiere sich von der Mutter trennen, doch konkrete Konsequenzen blieben bisher aus.

Wolf gestoppt, Luchs freigegeben – dasselbe Gericht, unterschiedliche Massstäbe

Die Luchsjagd-Entscheidung steht in auffälligem Kontrast zur Wolfsjagd. Bereits im Dezember 2025 hatte das Verwaltungsgericht in Luleå die geplante Wolfsjagd 2026 in allen fünf betroffenen Provinzen gestoppt. Im Januar 2026 bestätigte das Berufungsgericht in Sundsvall diese Entscheidung und stellte fest, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für die Lizenzjagd bei derart niedrigen Populationswerten gebe. Die Wolfsjagd bleibt bis heute blockiert.

Beim Luchs hingegen hat dasselbe Berufungsgericht die Berufungen in neun von zehn Provinzen nicht einmal zur inhaltlichen Prüfung zugelassen. Das wirft die Frage auf, warum der Wolf gerichtlichen Schutz geniesst, der Luchs aber nicht, obwohl beide Arten unter derselben EU-Habitatrichtlinie streng geschützt sind und die schwedische Population mit rund 1’400 Tieren deutlich unter dem Niveau von 2’000 Individuen liegt, das beim EU-Beitritt 1995 registriert wurde.

Die schwedische Regierung hatte im Sommer 2025 den sogenannten Referenzwert für Wölfe von 300 auf 170 Individuen gesenkt. Die EU-Kommission kritisierte diesen Schritt als wissenschaftlich nicht fundiert. Für den Luchs existiert kein vergleichbarer öffentlicher Referenzwert-Streit, was es den Behörden erleichtert, hohe Quoten als «nachhaltig» zu deklarieren.

EU-Beschwerde unbeantwortet

Seit März 2024 liegt bei der EU-Kommission eine formelle Beschwerde der Swedish Carnivore Association (SCA) gegen die schwedische Luchsjagd vor. Die Beschwerde stützt sich auf die EU-Habitatrichtlinie, die den Luchs als streng geschützte Art führt. Die Tötung ist nur zulässig, wenn es keine andere zufriedenstellende Lösung gibt. Artenschutzorganisationen argumentieren, dass weder Trophäenjagd noch die Reduktion der Konkurrenz um Beutetiere wie Rehe unter diese Ausnahme fallen.

Die Kommission hat bislang keine konkreten Schritte unternommen. Parallel dazu stellte sie im Oktober 2025 sogar das Vertragsverletzungsverfahren gegen Schweden wegen der Wolfsjagd ein, nachdem die EU den Schutzstatus des Wolfs von «streng geschützt» auf «geschützt» herabgestuft hatte. Artenschutzorganisationen befürchten, dass diese Entwicklung auch den Schutz des Luchses auf EU-Ebene langfristig schwächen könnte.

Gemäss EU-Habitatrichtlinie darf ein Mitgliedstaat keine geringere Individuenzahl einer geschützten Art aufweisen als zum Zeitpunkt des EU-Beitritts. Bei Schwedens Beitritt 1995 lebten laut der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU) rund 2’000 Luchse im Land, heute sind es rund 1’400.

Auch Norwegen im Fokus

Parallel zu den schwedischen Gerichtsverfahren laufen in Norwegen Strafverfahren wegen organisierter illegaler Wolf- und Luchsjagd. Die Wirtschafts- und Umweltstaatsanwaltschaft Økokrim hat zehn Männer wegen illegaler Wolfsjagd angeklagt, weitere Verfahren wegen mutmasslich illegaler Luchsjagd sind hängig.

Was der schwedische Fall zeigt

Die Entwicklung in Schweden belegt ein Muster, das auch in der Schweiz zunehmend sichtbar wird: Die Hobby-Jägerschaft drängt auf politisch definierte Bestandsobergrenzen und immer höhere Abschussquoten, die Behörden liefern, und wenn Gerichte als Korrektiv eingreifen, hält der Schutz nur so lange, bis der politische Druck die juristischen Hürden überwindet.

Beim Wolf haben die schwedischen Gerichte den Abschuss 2026 dauerhaft blockiert. Beim Luchs dagegen dauerte der gerichtliche Schutz nur zwei Wochen, bevor das Berufungsgericht die Klagen der Naturschutzverbände nicht einmal zur inhaltlichen Prüfung zuliess. Die Luchsjagd läuft seither in allen Provinzen, mitten in der Paarungszeit, mit einer Quote, die gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt wurde.

Dass in einem Land, das international als Vorbild für «nachhaltiges Wildtiermanagement» gilt, derselbe Gerichtshof den Wolf schützt, aber den Luchs der Hobby-Jagd überlässt, ist ein deutliches Signal: Artenschutz in Skandinavien bleibt selektiv, politisch verhandelbar und abhängig davon, wie stark der mediale und gesellschaftliche Druck ist. Für den Luchs war dieser Druck offensichtlich nicht gross genug.

Weiterführende Informationen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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