07.11.2026, 15:39

Suchen

Jagdgesetz

Tessiner Wolf-Motion: Schon der erste Angriff soll Abschüsse ermöglichen

Eine neue Motion will auf «nicht schützbaren» Alpen schon das erste Rissereignis als erheblichen Schaden werten. Auf diese Kategorie entfällt fast die Hälfte der getöteten Nutztiere.

Redaktion Wild beim Wild · 7. November 2026
Audio zum Beitrag

«Auf Vorrat»

0:00 -0:00
Alle Lieder

Eine neue Motion im Tessiner Grossen Rat verlangt, dass auf als «nicht schützbar» eingestuften Alpen bereits das erste Rissereignis als erheblicher Schaden gelten kann. Auf diese Kategorie entfallen rund 47 Prozent der vom Kanton erfassten getöteten oder tödlich verletzten Nutztiere. Eingereicht haben die Motion «Alpeggi non proteggibili, che non suoni la campana a morto!» am 6. November 2026 Sem Genini und Roberta Soldati zusammen mit 16 weiteren Ratsmitgliedern, wie tio.ch berichtet. Sinngemäss übersetzt: Für die nicht schützbaren Alpen soll nicht die Totenglocke läuten.

Was die Motion verlangt

Die Motionärinnen und Motionäre richten vier Forderungen an den Staatsrat:

  • Alle zusätzlichen Kosten, die den Tierhaltern durch vorgeschriebene Schutzmassnahmen entstehen, sollen zu 100 Prozent entschädigt werden, von Zäunen über Personal bis zu gesundheitlichen Folgen für die Herden.
  • Bevor eine Alp vorzeitig entladen werden muss, soll der Kanton Wölfe abschiessen oder vergrämen.
  • Die kantonale Landwirtschaftsberatung soll schon zu Saisonbeginn Ausweichmöglichkeiten für das Vieh bereitstellen.
  • Der Staatsrat soll in Bern darauf hinwirken, dass auf nicht schützbaren Alpen schon nach dem ersten Angriff («prima predazione») ein «danno rilevante» anerkannt wird und alle Angriffe für die proaktive Regulierung der Rudel berücksichtigt werden.

Hinter der Motion stehen zwei bekannte Namen. Roberta Soldati präsidiert die «Associazione per la protezione del territorio dai grandi predatori», Sem Genini kommt vom Tessiner Bauernverband. Im «Corriere del Ticino» nannte Soldati Anfang Oktober als Zielzahl für Wölfe im Tessin «zero», Genini hielt null ebenfalls für richtig. Wir haben das im Tessin-Ticker festgehalten.

Die Kritik der Motionäre am Notfallplan

Nach Darstellung der Motionäre können auf nicht schützbaren Alpen nach einem ersten Rissereignis Nachtpferche und kürzere Weidezeiten angeordnet werden. Nach einem zweiten Angriff am Tag sei ständige Behirtung vorgeschrieben, nach dem dritten die Entladung der Alp. Die Motionäre halten dagegen: «Se le misure di emergenza fossero ragionevolmente applicabili in un alpeggio non proteggibile, allora non sarebbe un alpeggio non proteggibile, bensì proteggibile!» Wären die Notfallmassnahmen auf einer nicht schützbaren Alp zumutbar, wäre sie eben schützbar.

Weiter bemängeln sie, dass für Abschüsse eine Schadenschwelle gilt, die in der Motion mit sechs gerissenen Nutztieren in vier Monaten angegeben wird, während die Auflagen für Tierhalter nach der Zahl der Angriffe ausgelöst werden. Und sie halten fest, dass Risse nicht entschädigt und nicht an die Abschussschwelle angerechnet werden, wenn vorgeschriebene Massnahmen nicht umgesetzt wurden. Die Motion warnt zudem, dass manche Angriffe womöglich gar nicht gemeldet werden, um weitere Auflagen zu vermeiden. Das würde die Statistik verfälschen, auf die sich der Kanton bei Abschüssen stützt.

Was die Zahlen des Kantons zeigen

Die Rissstatistik des Ufficio della caccia e della pesca mit Stand 30. Oktober 2026 schreibt dem Wolf von Januar bis Oktober 46 Rissereignisse mit 131 getöteten oder tödlich verletzten Nutztieren zu. Nur sechs davon waren angemessen geschützt. 61 starben in Situationen, in denen der Kanton Schutz als nicht zumutbar einstuft, 48 bei ungenügendem Schutz und 13 bei ungenügendem Schutz «aus höherer Gewalt». Bei drei Tieren fehlt eine Angabe zum Schutzstatus. Die Aufschlüsselung haben wir im Beitrag «Wolfsrisse im Tessin: Nur 6 von 131 Tieren waren geschützt» dokumentiert.

Die Motion zielt damit auf eine Kategorie, die einen erheblichen Teil der dokumentierten Verluste ausmacht. Wie sich diese Verluste auf die 46 Rissereignisse verteilen, geht aus den Tierzahlen nicht hervor.

Dass «nicht zumutbar schützbar» nicht zwingend bedeutet, dass keinerlei Schutz möglich ist, zeigt die Alpe Bri/Ninagn: Laut unserer bisherigen Berichterstattung schützt der Hirte seine rund 360 Schafe dort trotz entsprechender kantonaler Einstufung mit Herdenschutzhunden, Zäunen und Nachtpferch. Warum auf vielen Alpen eher das Personal als die Topografie fehlt, beschreibt unser Beitrag «Hirtenmangel auf den Alpen: Wer schützt die Herden?».

Der zweite Vorstoss innert zwei Wochen

Die Motion folgt kurz auf einen anderen Entscheid. Am 26. Oktober hiess der Grosse Rat laut tio.ch mit 59 zu 14 Stimmen bei zwei Enthaltungen den Mehrheitsbericht zu einer früheren Motion von Roberta Soldati und 21 weiteren Ratsmitgliedern gut. Der Staatsrat soll den kantonalen Notfallplan für die Alpen mit wirksameren Massnahmen verschärfen. Zuständig ist seit Oktober Piero Marchesi (UDC), dem der Staatsrat laut RSI das Dipartimento del territorio übertragen hat. Die Motionäre verweisen zudem auf knapp 12’000 Unterschriften für die Tessiner Alpen, die 2025 der Kantonsregierung und im Mai 2026 in Bern übergeben wurden.

Ausgewählte und geschulte Hobby-Jäger sind im Tessin bereits Teil des kantonalen Wolfsprogramms. Wie der «Corriere del Ticino» im Juni berichtete, sieht das Programm neben einem Startbeitrag von 300 Franken und einer Entschädigung von 30 Franken pro Stunde eine Prämie von 500 Franken für jeden Abschuss vor, der den Einsatzvorgaben entspricht. Eingeordnet haben wir das im Beitrag «500 Franken pro Wolf». Was Herdenschutz leisten kann und wo er scheitert, zeigt das Dossier «Herdenschutz Schweiz: Was wirkt und was scheitert».

Einordnung der Redaktion

Die Motion spricht ein ernst zu nehmendes Problem an: zusätzliche Schutzauflagen, deren praktische Umsetzbarkeit und Finanzierung die Unterzeichnenden infrage stellen. Die Forderung nach vollständiger Übernahme der vorgeschriebenen Zusatzkosten ist nachvollziehbar.

Die Motion will zugleich die Schwelle für Eingriffe gegen Wölfe weiter senken: Auf als nicht schützbar eingestuften Alpen soll bereits das erste Rissereignis als erheblicher Schaden gelten können. Zusätzlich sollen sämtliche Angriffe dort für die proaktive Regulierung der Rudel berücksichtigt werden. Damit sollen Verluste in Situationen, in denen Schutz als unzumutbar gilt, leichter als Begründung für Abschüsse herangezogen werden können. Aus Sicht der Redaktion droht dadurch ein Fehlanreiz: Die Einstufung als «nicht schützbar» könnte politisch attraktiver werden als die Investition in Schutzmassnahmen.

Wenn die Motionäre selbst davor warnen, dass Risse aus Angst vor Auflagen verschwiegen werden könnten, spricht das nicht für schnellere Abschüsse, sondern für bessere Beratung, verlässliche Finanzierung und eine nachvollziehbare Begründung der Einstufungen. Getötete Wölfe schliessen keine Lücke im Zaun und ersetzen keinen fehlenden Hirten. Den Preis zahlen am Ende nichtmenschliche Tiere auf beiden Seiten.

Quellen

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Wildtiere brauchen eine Stimme

Einmal pro Woche: Recherchen, Petitionen und Hintergründe zur Hobby-Jagd. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden →