Luchsin mit Jungtier im Südschwarzwald: Vermutlich aus der Schweiz
Im Südschwarzwald ist erstmals Nachwuchs einer selbstständig eingewanderten Luchsin dokumentiert, während das Wallis den Luchsbestand regulieren will.
Symbolbild. Foto: Adi Albulescu / Unsplash
«Siebenunddreissig»
Im Südschwarzwald ist erstmals Nachwuchs einer selbstständig eingewanderten Luchsin dokumentiert. Ein Beobachter meldete die bislang unbekannte Luchsin mit ihrem Jungtier am 19. Oktober 2026, die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) gab den Nachweis am 4. November bekannt. Laut Badischer Zeitung wurde sie bei Ühlingen-Birkendorf im Landkreis Waldshut gesehen, unweit der Schweizer Grenze. Ihre Herkunft ist noch ungeklärt, Fachleute vermuten die Schweiz. Gleichzeitig verfolgt das Wallis Pläne zur Regulierung seines Luchsbestands.
Was über die Luchsin bekannt ist
Abschliessend geklärt ist ihre Herkunft nicht, wie BreisgauLIVE unter Berufung auf die FVA schreibt. Wegen der geografischen Nähe halten die Fachleute eine Zuwanderung aus der Schweiz aber für sehr wahrscheinlich. Die Nachrichtenagentur dpa formuliert vorsichtiger, sie «könnte aus der Schweiz zugewandert sein». Sicher ist: Sie gehört nicht zu den Luchsen, die Baden-Württemberg im Rahmen seines Projekts zur Bestandsstützung freigelassen hat.
Insgesamt sind in Baden-Württemberg inzwischen vier junge Luchse nachgewiesen, die nach bisherigem Stand von drei Weibchen stammen. Drei davon leben im Nordschwarzwald und gehen auf die ausgewilderten Luchsinnen Verena und Elisabeth zurück, die aus einem europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Karpatenluchse stammen. Das vierte Jungtier im Südschwarzwald ist das einzige einer wild zugewanderten Mutter. «Ein Austausch zwischen den Schweizer und den baden-württembergischen Luchsvorkommen ist wichtig», heisst es in der Meldung.
Warum die Schweiz als Herkunft naheliegt
Die Schweiz ist das nächstgelegene Luchsgebiet. Die Stiftung KORA schätzt den Bestand für das biologische Jahr 2024/25 auf 364 ± 10 selbstständige Luchse über einem Jahr, davon 246 in den Alpen, 86 im Jura und 32 in der Nordostschweiz. Die Schätzung kombiniert die jeweils jüngsten Monitoringdaten der einzelnen Gebiete und ist keine gleichzeitige landesweite Zählung. Diese Vorkommen gehen auf wenige wiederangesiedelte Luchse zurück und sind teils räumlich wie genetisch voneinander getrennt. Aus welchem Schweizer Vorkommen die Luchsin stammen könnte, ist nicht bekannt. Genetische Proben könnten das klären.
Der Austausch zwischen Luchsvorkommen kann die genetische Vielfalt stärken und das Risiko von Inzucht verringern. Warum dafür durchlässige Landschaften entscheidend sind, zeigt unser Beitrag «Das Mittelland als Nadelöhr: Warum der Luchs mehr braucht als Präsenz». Hintergrund zur Art bietet das Dossier «Der Luchs in der Schweiz».
Gleichzeitig will das Wallis Luchse regulieren
Während Baden-Württemberg die Wiederbesiedlung mit Auswilderungen unterstützt, will das Wallis als erster Kanton der Schweiz einen Luchsbestand regulieren. Staatsrat Christophe Darbellay hatte im Juni angekündigt, dafür beim Bundesamt für Umwelt ein Gesuch einzureichen. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Luchsin im Südschwarzwald und dem Walliser Luchsbestand ist nicht belegt. Selbst eine bestätigte Schweizer Herkunft würde noch keinen Walliser Ursprung nachweisen. Der Vergleich zeigt aber, wie unterschiedlich zwei Regionen mit derselben Art umgehen.
In der politischen Debatte war von bis zu 80 Luchsen im Wallis die Rede. Eine als Preprint vorliegende Studie der Universität Bern, vorgestellt am 25. September 2026, schätzt den Walliser Bestand für den Winter 2025/26 dagegen auf 37 selbstständige Luchse, mit einem Vertrauensbereich von 26 bis 52 Luchsen. Für den Zeitraum von 2010 bis 2018 schätzt die Studie den Bestand im gesamten Kanton auf lediglich fünf bis acht Luchse. Ein unabhängiges Peer-Review steht noch aus. Die Einzelheiten stehen im Beitrag «Wallis: Uni-Bern-Studie zählt 37 Luchse statt der behaupteten 80». Die IG Wild beim Wild sammelt mit der Petition «Keine Luchsabschüsse im Wallis» Unterschriften gegen die Pläne.
Einordnung der Redaktion
Der Nachweis im Südschwarzwald zeigt, wie wichtig natürliche Zuwanderung für die Rückkehr des Luchses sein kann. Sollte sich die vermutete Schweizer Herkunft bestätigen, wäre die Luchsin ein konkretes Beispiel für den grenzüberschreitenden Austausch, den die FVA für den langfristigen Aufbau einer stabilen Population als wichtig bezeichnet.
Der politische Kontrast bleibt: Baden-Württemberg unterstützt die Wiederbesiedlung mit Auswilderungen, während das Wallis Abschüsse anstrebt. Die Studie der Universität Bern stellt dabei die in der politischen Debatte genannte Bestandszahl von bis zu 80 Luchsen deutlich infrage.
Abschusspläne brauchen eine belastbare Datengrundlage. Politisch genannte Höchstzahlen dürfen wissenschaftliche Bestandsschätzungen nicht ersetzen. Ebenso wenig darf das Interesse an Reh- und Gämsbeständen für die Hobby-Jagd die langfristige Erholung und Vernetzung des Luchses in den Hintergrund drängen.
Quellen
- Badische Zeitung, 4. November 2026: Erstes Luchs-Baby einer eingewanderten Katze seit 180 Jahren bei Ühlingen-Birkendorf gesichtet
- BreisgauLIVE, 4. November 2026: Luchsnachwuchs im Schwarzwald: Vier junge Luchse nachgewiesen
- Stiftung KORA: Luchs, Bestand
- dpa/lsw via WNOZ, 4. November 2026: Was der neue Luchsnachwuchs für Baden-Württemberg bedeutet
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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