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Jagd

Speziesismus im Jagdrevier

Wie Hobby-Jäger Tiere sortieren und warum das an gefährliche Denkmuster erinnert.

Redaktion Wild beim Wild — 1. Dezember 2025

Wer mit Hobby-Jägern spricht, hört immer wieder dieselben Begriffe: «Schädlinge», «Raubwild», «Nützlinge», «Regulierung», «Bestandskontrolle».

In dieser Sprache zeigt sich ein Weltbild, das Tiere nach Nützlichkeit sortiert. Füchse, Dachse, Krähen und neuerdings auch Waschbären stehen unten in dieser Hierarchie. Rehe und Hirsche stehen weiter oben, aber auch sie sind am Ende «Stück Wild», das «erlegt» oder «entnommen» wird.

Dieses Denken ist nicht einfach nur Geschmackssache einer Hobbygruppe. Es ist Ausdruck von Speziesismus: der Überzeugung, dass menschliche Interessen grundsätzlich mehr zählen als das Leben und Leiden anderer Tiere. Und es trägt Züge, die an Ideologien erinnern, die wir aus der dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts kennen.

Wildtiere nach Nützlichkeit sortiert

Das jagdliche Weltbild ist überraschend simpel:

  • Tiere, die gejagt werden wollen, sind «Nutzwild».
  • Tiere, die mit der Hobby-Jagd konkurrieren oder als störend gelten, sind «Raubwild» oder «Schädlinge».
  • Tiere, die für die Hobby-Jagd nicht interessant sind, sind bestenfalls Kulisse.

Diese Einteilung findet sich in Gesetzestexten, Jagdverbandsbroschüren und auf Stammtischen. Sie entscheidet darüber, wer das ganze Jahr über intensiv verfolgt und wer wenigstens punktuell geschützt wird. Nicht, weil das Individuum einen Eigenwert hätte, sondern weil eine Art als «förderungswürdig» oder «bekämpfungswürdig» definiert ist.

Wenn der Wert eines Tieres von seiner Nützlichkeit abhängt, ist Mitgefühl nur Dekoration.

Der Fuchs ist dafür ein klassisches Beispiel. Er wird in vielen Revieren fast ganzjährig mit Fallen, Baujagd, Lockjagd und Nachtzieltechnik verfolgt. Die Rechtfertigungen schwanken: Mal soll er Niederwildbestände «schonen», mal Krankheiten verhindern, mal Jungtiere von Rehen schützen. Beweise für einen echten ökologischen Nutzen dieser Dauerbekämpfung fehlen, aber das passt ins Muster: Entscheidend ist, dass der Fuchs als Problem markiert ist.

Entindividualisierung: Aus Lebewesen wird „Raubwild“

Speziesismus funktioniert nur, wenn man aus fühlenden Individuen abstrakte Kategorien macht. Die Hobby-Jäger sprechen selten von einem konkreten Fuchs, der Angst hat, Schmerzen empfindet und leben will. Sie sprechen von «dem Raubwild», das reguliert werden muss.

In dieser Logik ist es nicht mehr relevant, ob der einzelne Fuchs seit Jahren unauffällig Mäuse jagt und sich von Aas ernährt. Er ist Träger einer Kategorie, nicht ein Subjekt mit Biografie. Genauso werden Krähenkolonien, Marder oder Waschbären zu Problemgruppen erklärt, deren «Bestand eingedämmt» werden müsse.

Das ist ein psychologischer Mechanismus, den wir aus anderen Zusammenhängen kennen: Wenn man eine grosse, heterogene Gruppe auf eine negative Eigenschaft reduziert, wird es leichter, Gewalt zu rechtfertigen. Die Verantwortung verschiebt sich vom einzelnen Täter auf eine vermeintliche Sachzwangslogik. Es ist dann nicht mehr «Ich töte dieses Tier», sondern «Es muss reguliert werden».

Parallelen zu totalitären Denkmustern

An dieser Stelle wird es heikel, weil Begriffe wie «Nazi» schnell inflationär benutzt werden, um Gegner zu diffamieren. Genau das ist weder sachlich noch respektvoll gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus. Trotzdem lohnt es sich, strukturelle Parallelen in der Denkweise zu benennen.

Totalitäre Ideologien arbeiten mit drei Bausteinen:

  1. Hierarchisierung von Leben
    Es gibt wertvolles und weniger wertvolles Leben. Im Nationalsozialismus wurde das auf Menschen angewandt, verbunden mit grausamem, industriellem Massenmord. In der Hobby-Jagd wird diese Hierarchisierung auf Tiere angewandt. Das moralische Gewicht ist nicht vergleichbar, die Denkstruktur aber ähnelt sich.
  2. Nützlichkeitslogik als moralischer Massstab
    Wer nützt, wird gefördert. Wer schadet, wird bekämpft. In der Hobby-Jagd: Fasanen und Rehe werden ausgesetzt oder gefüttert, damit sie später geschossen werden können. Füchse, Marder und Krähen «schaden» diesem System und werden deshalb bekämpft. Nicht, weil sie moralisch schlechter wären, sondern weil sie in einem künstlich hergestellten Jagd- und Landwirtschaftssystem stören.
  3. Sprachliche Entschärfung von Gewalt
    Wer in Jagdkreisen von «Strecke machen», «Stückzahl», «Entnahme», «Fuchswochen» oder «Raubwildbejagung» spricht, umschreibt Tötung mit technokratischen Begriffen. Gewalt wird buchhalterisch. Auch totalitäre Regime haben Gewalt hinter Verwaltungs- und Fachsprache versteckt, um sie erträglicher zu machen. Der Unterschied in Dimension und Zielsetzung bleibt enorm, aber der Mechanismus ist vergleichbar.

Diese Parallelen zu benennen, bedeutet nicht, Hobby-Jäger mit historischen Tätern gleichsetzen zu wollen. Es bedeutet, zu zeigen, wie gefährlich es ist, wenn wir beginnen, Leben konsequent nach Nützlichkeit, Effizienz und Systemlogik zu sortieren.

Vorsicht vor billigen Vergleichen

Wer die Hobby-Jagd kritisiert, greift gelegentlich zur Steigerungsformel: «Das ist wie damals bei den Nazis.» Solche Aussagen wirken zwar emotional, sind aber analytisch schwach und moralisch problematisch. Sie verwischen Unterschiede, wo Differenzierung wichtig wäre:

  • Der Nationalsozialismus war eine rechtlich erlaubte Praxis, ein menschenverachtendes Herrschaftssystem mit industriell organisierter Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen.
  • Die Hobby-Jagd ist eine rechtlich erlaubte Praxis, in der Menschen nichtmenschliche Tiere töten, oft als Hobby, oftmals gestützt auf falsche ökologische Narrative.

Beides in einen Topf zu werfen, dient am Ende niemandem. Weder den Opfern der Shoah, die ein Recht auf historische Präzision haben, noch den Wildtieren, deren Leiden ernst genommen werden sollte. Seriöse Jagdkritik kann aufzeigen, wie bestimmte Denkfiguren in Richtung Entwertung von Leben führen, ohne alles mit allem gleichzusetzen.

Die jagdliche Einteilung von Tieren in Schädlinge, Raubwild und Nützlinge folgt einem Denkmuster, das wir aus totalitären Ideologien kennen: Leben wird hierarchisiert, entindividualisiert und an Nützlichkeit gemessen. Das ist nicht dasselbe wie die Verbrechen des Nationalsozialismus, aber es zeigt, wie leicht Empathie erodiert, wenn wir Kategorien über das Individuum stellen.

Speziesismus ist kein Naturgesetz, sondern Ideologie

Hobby-Jäger behaupten gerne, sie stünden «auf der Seite der Natur». Tatsächlich vertreten sie eine bestimmte Ideologie:

  • Der Mensch nimmt sich das Recht, über Leben und Tod anderer Tiere zu entscheiden.
  • Die Interessen von Freizeit, Tradition und Trophäensammlung werden höher gewichtet als das Recht der Tiere auf Unversehrtheit.
  • Die Natur wird als Kulisse verstanden, in der bestimmte Arten gefördert und andere bekämpft werden, um jagdliche Ziele zu erreichen.

Das alles wird mit Begriffen wie «Hege», «Waidgerechtigkeit» oder «ökologischer Verantwortung» aufgeladen. Auf den ersten Blick klingt es nach Fürsorge. Auf den zweiten Blick ist es Kontrolle: Wer leben darf, wie viele leben dürfen, wer als «Feind» gilt, ist festgelegt von Menschen, die daraus emotionale Befriedigung oder Prestige gewinnen.

Speziesismus funktioniert deshalb so hartnäckig, weil er uns von Kindesbeinen an vertraut ist. Wir lernen früh, dass manche Tiere zum Streicheln da sind und andere zum Essen, einige zum Bewundern und andere zum Töten. Die Hobby-Jagd ist nur ein besonders sichtbares Symptom dieser Ideologie.

Jeder getötete Fuchs ist ein massiver Eingriff in das Leben eines Individuums. Dass irgendwo die Zahl der Hasen in einer Statistik vielleicht leicht steigt, ändert nichts daran, dass dieses eine Fuchsleben unwiderruflich beendet ist.

Wer Tiere ernst nimmt, sollte nicht vortäuschen, als könnten ein paar zusätzliche Hasen auf der Strecke den Tod der Füchse moralisch ausgleichen.

Bestände fühlen nichts. Individuen schon.

Zwischen Fuchs und Feldhase besteht eine natürliche ökologische Beziehung. Der Fuchs frisst Hasen, aber auch Mäuse, Aas und Früchte. Der Hase hat sich mit Prädation über Jahrtausende entwickelt.

Die massiven Probleme der Feldhasen in Mitteleuropa haben vor allem mit uns Menschen zu tun:

  • Intensivierung der Landwirtschaft
  • Verlust von Strukturen, Deckung, Brachflächen
  • Pestizide, Mähverluste, Verkehr, Hobby-Jagd

Die Logik «Wir zerstören Lebensräume, reden dann aber vom Fuchs als Hauptproblem und schiessen ihn weg» ist ethisch höchst schief. Man schiebt die Verantwortung einem Tier zu, das einfach seine ökologische Rolle erfüllt.

Warum Sprache der erste Hebel ist

Wer Denkmuster verändern will, muss mit der Sprache beginnen. Solange Füchse «Raubwild» sind, lassen sie sich leichter schiessen. Solange Krähen «Schädlinge» heissen, fällt es einfacher, ihre Kolonien zu zerstören. Solange Wildtiere «Strecke» sind, wird ihr Tod zur Zahl in einer Statistik.

Ein jagdkritischer Ansatz setzt deshalb bei Fragen wie diesen an:

  • Warum nennen wir ein Tier «Schädling», nur weil es Interessen hat, die unseren widersprechen?
  • Warum akzeptieren wir, dass Leid von Füchsen und Rehen hinter abstrakten Begriffen verschwindet?
  • Warum fällt es uns so schwer, das Individuum zu sehen, wo das System nur Kategorien kennt?

Wenn wir anfangen, Tiere als Individuen mit eigenen Bedürfnissen und Empfindungen zu beschreiben, gerät die jagdliche Ideologie ins Wanken. Ein «Stück Rehwild» zu töten, ist etwas anderes als einem bestimmten Reh das Leben zu nehmen, das jede Nacht denselben Pfad nutzt, soziale Beziehungen hat und Schmerz vermeiden möchte.

Konsequenz für eine moderne Ethik

Dort, wo Leben hierarchisiert, entwertet und nach Nützlichkeit sortiert wird, schrumpft Empathie. Das ist bei Tieren nicht harmlos. Es sagt viel darüber, wie eine Gesellschaft grundsätzlich mit Schwächeren umgeht. Die Hobby-Jagd ist in diesem Sinne ein Brennglas für Speziesismus.

Wer die Hobby-Jagd kritisiert, weil sie auf solchen Mustern aufbaut, führt keine Nebendebatte. Er stellt eine Grundsatzfrage: Wollen wir weiterhin hinnehmen, dass fühlende Lebewesen in Kategorien eingeteilt werden, die über ihr Recht auf Leben entscheiden, oder sind wir bereit, unsere tradierten Privilegien zu hinterfragen?

Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über das Schicksal der Füchse im Revier. Sie sagt auch etwas darüber, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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