Ö1, RTR, Solothurner Zeitung: Hobby-Jagd ohne Einordnung
Kurt Kotrschal nennt eine Ö1-Jagdsendung eine journalistische Fehlleistung. RTR und die Solothurner Zeitung zeigen in der Schweiz dasselbe Muster.
Symbolbild. Foto: Markus Spiske / Unsplash
Hofbericht
Am 27. Oktober 2026 sendete Ö1 in der Reihe «Journal-Panorama» ein Porträt der Jagd in Österreich. Der Titel: «Viel mehr als nur Schiessen». Zwei Tage später erschien in der Solothurner Zeitung das Porträt eines Hobby-Jägers, das dieselbe Formel bemühte: Die Jagd sei «weit mehr als nur Schiessen». Was dieses Porträt auslässt, haben wir bereits beschrieben. Jetzt nennt der Wiener Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal die Ö1-Sendung in einem Gastkommentar in der «Presse» eine journalistische Fehlleistung. Die Naturschutzorganisation Austrian Nature Conservation Alliance (ANCA) hat sich am 2. November mit einer Medienmitteilung angeschlossen.
Drei Medien, zwei Länder, ein Muster: Die Hobby-Jäger erzählen, die Redaktion übernimmt, die Einordnung fehlt.
Was Ö1 gesendet hat
Die Sendung von Helene Seelmann lief am 27. Oktober um 18.25 Uhr. Die Programmankündigung erwähnt die Kritiker in einem Satz: Gegnerinnen und Gegner kritisierten die Jagd «als anachronistisch und unnötig grausam». Zu Wort kamen laut ANCA aber vor allem Vertreter der Jägerschaft, darunter Anton Larcher, Präsident von Jagd Österreich. Als wissenschaftlicher Experte trat Klaus Hackländer auf, Leiter des Instituts für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien. Unabhängige Ökologinnen und Ökologen, sogenannte Öko-Jäger und Vertreter des Naturschutzes fehlten laut ANCA.
Zur Einordnung von Hackländer gehört, was in einer ausgewogenen Sendung hätte gesagt werden müssen: Sein Institut erstellt für das Land Tirol Gutachten zum Wolf, zuletzt am 26. März 2026 im Auftrag der Landesregierung (Gutachten als PDF), unter anderem zur Frage, welche Auswirkungen die Entnahme von Wölfen hat. Tirol gehört zu den Bundesländern, die am meisten Wölfe töten lassen. Wer die Grundlagen für Abschüsse liefert, ist kein neutraler Beobachter der Abschusspolitik.
Die 30-Prozent-Zahl zum Wolf
In der Sendung sagte Hackländer laut ANCA, der Wolfsbestand wachse jährlich um rund 30 Prozent und müsse deshalb reguliert werden. Das klingt nach einer Naturkonstante. Es ist eine Momentaufnahme aus der Phase, in der Wölfe leere Lebensräume wiederbesiedeln. Hackländer weiss das selbst. In seinem Gutachten für Tirol schreibt er, die Wachstumsrate von 30 Prozent halte «wahrscheinlich bis zur Erreichung der Lebensraumtragfähigkeit» an. Für Tirol seien «deutlich weniger als 30 % Zuwachs» anzunehmen, unter anderem wegen der Schweizer Wolfspolitik, mit der die Zahl der abwandernden Jungwölfe «bereits drastisch reduziert» werde. Diese Einschränkungen fehlten in der Sendung.
Wie sich eine solche Population tatsächlich entwickelt, hat ein Team um Aimara Planillo am Beispiel Deutschlands über zwanzig Jahre untersucht (Planillo et al. 2024, Wildlife Biology). Die Zahl der nachgewiesenen Welpen pro Wurf sinkt, je dichter die benachbarten Wolfsreviere liegen; sie steigt mit der Habitatqualität und der Erfahrung der Fähe. Die Fortpflanzung ist also dichteabhängig. Die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass die Tragfähigkeit in ihrem Untersuchungsgebiet noch nicht erreicht ist und das Überleben sinken dürfte, sobald die Landschaft gesättigt ist. Eine pauschale Wachstumsrate fortzuschreiben, ignoriert genau diese Mechanismen.
Kotrschal formuliert es laut ANCA so: «Im Prinzip sollte man Wölfe nicht bejagen, sie regulieren ihre Dichte höchst effizient selber.» Abschüsse können zudem Rudel destabilisieren und das Verhalten der verbleibenden Tiere verändern, wie wir im Dossier zum Wolf in der Schweiz dargelegt haben. Österreich hat seit 2022 rund 70 Wölfe behördlich töten lassen, wie aus einer Beschwerde an die EU-Kommission hervorgeht. Im laufenden Jahr waren es laut WWF bis Anfang Oktober mindestens 29, nach 22 im ganzen Jahr 2025.
Was in der Sendung fehlte
Laut Statistik Austria haben die Hobby-Jäger in Österreich im Jagdjahr 2025/26 rund 690’500 Wildtiere erlegt, darunter 296’900 Rehe und 64’400 Füchse (Zusammenfassung der Jagdstatistik). Die tatsächliche Zahl liegt laut ANCA höher, weil Tötungen geschützter Beutegreifer, Biber und Vögel auf behördliche Freigabe nicht gesondert ausgewiesen werden, ebenso wenig erschossene Hunde und Katzen.
Kotrschal vermisst die «Einordnung der Jagd in einen politisch-ökologischen Gesamtrahmen» und zählt auf, was die Sendung ausblendete:
- die Bejagung gefährdeter und ökologisch wichtiger Arten
- grausame Jagdmethoden
- das Töten von Hunden und Katzen durch Hobby-Jäger
- die Belastung von Wildbret durch Blei, zu der die Studienlage eindeutig ist (Jagd im Faktencheck)
- die radioaktive Belastung von Wildschweinen
Sein Fazit: Österreich brauche eine grundlegende Jagdreform und ein bundesweit einheitliches Jagdgesetz. ANCA fordert unter anderem Schonzeiten für alle jagdbaren Arten, ein Verbot von Fallen-, Bau- und Gatterjagd, ein Ende der Haustierabschüsse und ein Verbot der Bleimunition.
Dasselbe Muster in der Schweiz
In der Schweiz kennen wir diese Art Berichterstattung gut. Das Bündner SRG-Unternehmen RTR verlost unter den Hobby-Jägern, die eine Abschussmeldung einsenden, ein Jagdpatent und kürt das «schönste» Erlegerbild. Der Ombudsmann hat unsere Beanstandung abgewiesen, unter anderem mit dem Argument, das Sachgerechtigkeitsgebot sei nicht anwendbar, weil es um Unterhaltung gehe. Mit 114 Unterschriften liegt der Fall jetzt bei der UBI.
Die Solothurner Zeitung liess den Präsidenten der Thaler Jäger erzählen, er schätze «etwas Feines auf dem Teller» und gehe zum «Runterfahren» auf den Hochsitz, und liess die Aussagen stehen, ohne nachzufragen. Und bereits 2025 lud TeleBärn zu einem Streitgespräch, in dem der Präsident des Berner Jägerverbands Aussagen machte, die wir einem Faktencheck unterzogen haben.
Der Fall Ö1 wiegt schwerer als die Unterhaltungsformate von RTR. Das «Journal-Panorama» ist eine Informationssendung. Wer dort die Hobby-Jagd porträtiert, kann sich nicht hinter dem Unterhaltungscharakter verstecken.
Was öffentlich-rechtliche Sender schulden
In der Schweiz verlangt das Radio- und Fernsehgesetz, dass Informationssendungen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, damit sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann (Art. 4 Abs. 2 RTVG). Konzessionierte Programme müssen zudem die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck bringen (Art. 4 Abs. 4 RTVG). Wer das verletzt sieht, wendet sich innert 20 Tagen nach der Ausstrahlung an die Ombudsstelle und danach an die UBI, auch ohne eigene Betroffenheit, wenn mindestens 20 weitere Personen die Beschwerde unterstützen.
In Österreich verpflichtet das ORF-Gesetz den Sender zu einer objektiven Auswahl und Vermittlung von Informationen und zur angemessenen Berücksichtigung der Meinungsvielfalt. Beschwerden gehen an die Medienbehörde KommAustria. Wer nicht selbst betroffen ist, braucht die Unterstützung von mindestens 120 Personen, die den ORF-Beitrag bezahlen. Die Frist beträgt sechs Wochen ab der Sendung, für das «Journal-Panorama» vom 27. Oktober also bis 8. Dezember 2026.
Eine Jagdsendung, in der die Jägerschaft und ein für die Abschusspolitik tätiger Gutachter das Wort haben und unabhängige Stimmen kaum zu hören sind, ist kein Porträt. Sie ist Imagepflege mit öffentlichen Mitteln. Die nichtmenschlichen Tiere, um die es geht, kommen darin nur als Wildbret, Bestand oder Problem vor. Ihr Leid, die angeschossenen Tiere, die Nachsuchen, die Fehlabschüsse und die erschossenen Haustiere bleiben unhörbar. Dass Ö1 und die Solothurner Zeitung innerhalb von zwei Tagen dieselbe Formel von der Jagd als «mehr als nur Schiessen» verwendet haben, ist kein Zufall. Es ist die Sprache der Hobby-Jäger-Verbände, und sie landet ungeprüft im Programm.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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