Hubertusmesse Zürich: Pfarrerin predigt Verletzlichkeit, aber nicht für Wildtiere
Die Zürcher Pfarrerin Cornelia Camichel Bromeis holte 2023 den Präsidenten des Arbeitskreises Kirche und Tiere auf ihre Kanzel. Dessen Verein lehnt Hubertusmessen in Kirchen ab.
Foto: heino eisner / Unsplash
Warum jagst du mich
Am Sonntag, 15. November 2026, feiert die reformierte Stadtkirche St. Peter in Zürich wieder ihre Hubertusmesse, organisiert von JagdZürich, dem Verband der Zürcher Hobby-Jäger, mit der Brevetierung der neuen Hobby-Jäger und Jagdaufseher des Kantons. Die zuständige Pfarrerin Cornelia Camichel Bromeis hat die Tierrechtsgruppe Hunt Watch schriftlich gebeten, auf ihre bewilligte Mahnwache zu verzichten, wie die IG Wild beim Wild berichtet hat. Ein Blick auf ihr öffentliches Wirken zeigt: Die Pfarrerin weiss genau, was die tierfreundliche Kirche von Hubertusmessen hält. Sie hat es sich in der eigenen Kirche predigen lassen.
Eine Theologie der Verletzlichkeit
Camichel Bromeis war von 2014 bis 2021 die erste Dekanin der reformierten Landeskirche Graubünden und ist seit August 2021 Pfarrerin am St. Peter. Die Verletzlichkeit ist ihr Leitthema. 2022 widmete sie die Passionszeit einer Predigtreihe «Vulnerabilität», 2023 einer zweiten Reihe zur «Verletzlichkeit». Im Interview mit dem Tages-Anzeiger beschrieb sie 2023 die christliche Theologie als Theologie der Vulnerabilität. Die Verletzlichkeit «aller Menschen, ja allen Lebens» habe in Theologie und Kirchen zu wenig Gewicht. Die Kirche müsse sich mit den Opfern solidarisieren, gerade dort, wo Abhängigkeiten bestehen.
Allen Lebens. Das ist ein grosser Satz. Er schliesst den Fuchs ein, der im Kanton Zürich zu Tausenden ohne jeden Nutzen erschossen wird, wie das Dossier zur Fuchsjagd im Kanton Zürich zeigt, und das Reh, das bei einer Treibjagd von Hunden aus der Deckung gehetzt wird. Wehrloser als diese nichtmenschlichen Tiere kann ein Lebewesen gegenüber einem bewaffneten Menschen nicht sein.
Der AKUT-Präsident auf ihrer Kanzel
Am 5. März 2023 stand im Programm ihrer Predigtreihe: «Verletzlichkeit: Tiere». Gepredigt hat Pfarrer Christoph Ammann, Präsident des Arbeitskreises Kirche und Tiere (AKUT). Das hält der offizielle Flyer der Predigtreihe fest. AKUT ist eine Sektion des Schweizer Tierschutzes STS und vertritt seit Jahrzehnten eine unmissverständliche Haltung zu Hubertusmessen.
Im Positionspapier «Hubertusmessen», das der Verein öffentlich zugänglich macht, lehnt AKUT Hubertusmessen in kirchlichen Räumen und unter Beteiligung kirchlicher Mitarbeitender ab. Der theologische Beirat hielt bereits 1996 einstimmig fest, solche Gottesdienste verklärten das «edle Waidwerk» und überspielten die ethischen und ökologischen Probleme des Tötens. Sie verkehrten zudem die Hubertuslegende ins Gegenteil, denn deren Kern sei die Abkehr des Jägers vom Jagen. Kirchenleute, die solche Messen feiern, seien taub für das «Seufzen der Kreatur». Das Töten von Tieren aus Freizeitgestaltung oder angeblicher Hege lehnt der Beirat ab.
AKUT Schweiz ergänzte 2011, die Argumente gälten auch für Hubertusgottesdienste im Freien. Und der Verein verlangt, dass die Praxis des Kantons Genf schweizweit gilt: Die Jagd soll der Willkür von Privatpersonen entzogen und als Freizeitvergnügen verunmöglicht werden, die Regulierung gehört in die Hände staatlich geprüfter und besoldeter Fachleute. Es ist dieselbe Forderung, die auch die IG Wild beim Wild seit Jahren erhebt.
Acht Monate nach der Tier-Predigt stand im November 2023 in derselben Kirche wieder die Hubertusmesse mit Brevetierung im Programm, ebenso am 17. November 2024 und am 16. November 2025. Die IG Wild beim Wild hat die Messe in St. Peter 2024 und 2025 öffentlich kritisiert.
Die Kollekte ändert den Kern nicht
Die Kollekte der diesjährigen Messe geht laut der Pfarrerin an AKUT. Das ist eine Geste, ähnlich jener des Doms Arlesheim, der die Kollekte seiner Hubertusmesse Hunt Watch überliess. Sie zeigt, dass der Pfarrerin die Anliegen des Tierschutzes nicht gleichgültig sind. Den Kern ändert sie nicht: St. Peter unterstützt einen Verein, der Hubertusmessen in Kirchen ablehnt, und richtet die Hubertusmesse trotzdem aus.
Appeasement, das sie selbst kritisiert hat
Im selben Interview warf Camichel Bromeis der eigenen Kirche vor, sie habe beim Missbrauchsskandal der katholischen Kirche zu lange geschwiegen, um dem Gegenüber nicht in die Quere zu kommen. Auf die Frage, ob die reformierte Kirche damit eine Art Appeasement-Politik betrieben habe, antwortete sie mit Ja. Fallen Leben und Lehre auseinander, leide die Glaubwürdigkeit. Wer andere ernst nehme, müsse deutlich widersprechen, wo Grenzen überschritten werden.
Gegenüber JagdZürich gilt dieser Massstab nicht. In ihrer Antwort an Hunt Watch berief sich die Pfarrerin auf viele Gespräche mit Hobby-Jägern, in denen sie einen «sorgfältigen und verantwortungsbewussten Umgang mit der Jagd» kennengelernt habe. JagdZürich wiederum lobte 2022, Liturgie und Predigt habe die Pfarrerin souverän und einfühlsam gestaltet. Der Verband selbst beschreibt die Messe als Förderung eines gesellschaftlich bedeutenden Handwerks, der Jagd. Im Gottesdienst sitzen jene, die schiessen. Die Verletzlichkeit derer, auf die geschossen wird, hat dort keinen Platz.
Kritik von aussen, aber nicht vor der Kirche
Noch als Pfarrerin in Davos sagte Camichel Bromeis gegenüber SRF, in einem Gespräch über freie Ritualbegleiterinnen und deren Kritik an der Amtskirche: «Kritik von aussen regt uns zur Selbstreflexion und Veränderung an.» Hunt Watch bietet genau das an: eine stille, von der Stadt Zürich bewilligte Mahnwache, die den Zugang zur Kirche freilässt und den Gottesdienst nicht stört. Die Pfarrerin hätte es begrüsst, wenn die Gruppe darauf verzichtet hätte.
Der Unterschied zu Arlesheim liegt nicht im Geld, sondern im Umgang mit den Kritikerinnen und Kritikern. Der leitende Pfarrer des Doms hat die Mahnwache begrüsst, sie mit veganer Verpflegung empfangen und jeder Aktivistin und jedem Aktivisten gedankt. In Zürich sollen sie möglichst gar nicht erst kommen.
Die Kritik kommt aus der Kirche selbst
Dass ein kirchlicher Segen für Hobby-Jäger ein falsches Signal ist, sagen Tierrechtsorganisationen seit langem. Die IG Wild beim Wild hat dazu 2023 eine Theologin aus dem Umfeld von PETA Deutschland zitiert. Bei AKUT spricht aber kein Tierrechtsverein, sondern ein kirchlicher Arbeitskreis, dem reformierte Pfarrerinnen und Pfarrer aus Zürich, Bern und dem Aargau vorstehen. Zum theologischen Beirat, der die Ablehnung 1996 einstimmig beschloss, gehörten unter anderen der Basler Theologieprofessor Heinrich Ott und der Kapuziner Anton Rotzetter.
Das Positionspapier erinnert auch daran, dass die Jagd in den frühen christlichen Gemeinden als unvereinbar mit dem Glauben galt. Hubertus selbst legte die Waffe nieder, als ihm der Hirsch begegnete. Am 15. November hat die Pfarrerin von St. Peter die Gelegenheit, die Legende so zu predigen, wie sie gemeint ist: als Geschichte einer Umkehr, nicht als Segen für das Weitermachen.
Mitmachen am 15. November
Die stille Mahnwache von Hunt Watch beginnt am Sonntag, 15. November 2026, um 9.15 Uhr vor der Kirche St. Peter an der St. Peterhofstatt in Zürich und dauert bis spätestens 12.15 Uhr. Anmelden kann man sich über das Facebook-Event von Hunt Watch. Wer mehr tun will, schreibt den Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräten direkt: Adressen und einen Musterbrief gibt es auf der Seite Schluss mit der Fuchsjagd. Alle Mahnwachen gegen Hubertusmessen in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Italien führt die IG Wild beim Wild im Ticker zu den Hubertusmessen 2026.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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