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Jagd

Wenn die Kirche das Töten während der Hubertusmesse segnet

Hubertusmessen werden vielerorts als harmloses Brauchtum präsentiert: Jagdhörner, Grün, feierliche Worte, der Segen für „Waidgerechtigkeit“. Doch hinter dieser ästhetisierten Fassade steht eine geschlossene Kultur, die Gewalt romantisiert und spirituell auflädt.

Redaktion Wild beim Wild — 8. November 2025

Ein Ritual, das Tiere zu Projektionsflächen macht und diejenigen ehrt, die über sie Macht ausüben.

Die zentrale Frage lautet: Warum segnet die Kirche eine Praxis, die heute vor allem als Hobby, Freizeitbeschäftigung oder sinnfreies Regulierungsmittel dient, und die nachweislich Tierleid verursacht? Die Kirche schützt nicht nur Täter (Missbrauchsskandale). Die Kirche schützt Hubertusmessen, selbst wenn Gewalt daran hängt. Die Kirche bietet „Gewalttätern somit eine Bühne“. Das wirkt wie ein Verrat an eigenen Grundsätzen.

Die katholische Kirche hat über Jahrzehnte hinweg sexuelle Gewalt, besonders an Minderjährigen, nicht nur zugelassen, sondern teilweise systematisch vertuscht. Dies betrifft Kleriker, die ihre Stellung ausgenutzt haben, und kirchliche Strukturen, die Täter geschützt und Opfer im Stich gelassen haben.

Das steht im vollständigen Widerspruch zu christlicher Ethik. Hier gibt es nichts zu relativieren. Die Kirche hat bewiesenermassen vielfach versagt und tut es mit den Hubertusmessen immer noch.

Die Jagd wird gern mit Begriffen wie „Hege“, „Tradition“ oder „Schutz“ ummantelt. Doch im Kern ist sie eine organisierte Form der Gewalt und Tierquälerei sowie Kriminalität. Es handelt sich um gezielte Tötung von Individuen, oftmals hochsozialen und intelligenten Wildtieren. Die Hobby-Jagd ist nicht Natur, sondern Intervention; nicht Harmonie, sondern Kontrolle. Und bis heute geschieht sie überwiegend aus Freizeitmotiven. Hobby-Jäger sind keine Diener der Natur, sie sind deren Zerstörer. Die Tötung empfindungsfähiger Wildtiere ist nur zulässig, wenn ein „vernünftiger Grund“ besteht. Freizeit- und Traditionsmotive erfüllen dieses Kriterium nicht. Drück- und Treibjagden verursachen nachweislich erhebliches Leid und widersprechen dem gesetzlichen Leitprinzip der Leidvermeidung.

Kritiker sprechen nicht zufällig von einer Form kleinräumiger Kriege gegen die Wildtiere. Die Strukturen ähneln einer paramilitärischen Kultur: Waffen, Tarnung, strategische Planung, Treibjagden, Abschusslisten. Die Sprache ist militarisiert, „Bejagung“, „Strecke machen“, „Bestand regulieren“. Gewalt wird zur Routine.

Viele Arten, etwa der Rotfuchs oder zahlreiche Kleinraubtiere, regulieren ihre Bestände über natürliche Mechanismen. Flächendeckende Bejagung ist ökologisch nicht nötig und führt teilweise zu kompensatorischen Effekten, die den Bestand sogar stabil halten oder steigern. Eine wirksame „Bestandskontrolle“ ist wissenschaftlich nicht belegt. Zeitgenössische Ethik anerkennt Wildtiere als Individuen mit eigenem Interesse am Weiterleben. Die gezielte Tötung ohne zwingende Notwendigkeit ist damit inkompatibel. Die moralische Legitimation der Hobby-Jagd bricht vor diesem Hintergrund weg.

Die Hobby-Jagd ist eine menschliche Intervention, die primär aus Tradition, Freizeitmotiven und forstpolitischen Interessen heraus betrieben wird. Viele Wildtierpopulationen, etwa der Rotfuchs, verfügen über wirksame Selbstregulationsmechanismen, die ohne jagdliche Eingriffe stabile Bestände ermöglichen. Zahlreiche Ökologen verweisen darauf, dass Regulierungsbedarf nur für wenige Arten in spezifischen, stark vom Menschen veränderten Habitaten besteht. Die verbreitete Behauptung, eine umfassende „Bestandskontrolle“ sei flächendeckend notwendig, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Hobby-Jagd entspricht weder dem heutigen Tierschutzverständnis noch dem gesellschaftlichen Anspruch an einen verantwortungsvollen Umgang mit Wildtieren.

Die Praxis der Hobby-Jagd erzeugt Leid, insbesondere bei Drück- und Treibjagden, in denen Fehlabschüsse, Fluchten und langwierige Verletzungsfolgen auftreten. Diese Effekte werden in der öffentlichen Darstellung häufig ausgeblendet. Auch die moralische Rechtfertigung bleibt fragwürdig: Die gezielte Tötung empfindungsfähiger Wildtiere aus nicht-essentiellen Gründen steht im Spannungsfeld zu modernen ethischen Ansätzen, die Tiere als autonome Individuen und nicht als zu verwaltende Ressource begreifen.

Eine kritische Neubewertung der Jagdpraxis ist daher notwendig – ökologisch, ethisch und gesellschaftlich.

Schmerz, der liturgisch verdeckt wird

Hubertusmessen erzeugen eine Atmosphäre der Erhabenheit. Jagdhörner, Lieder, Kerzenlicht. Doch diese feierliche Kulisse verschleiert, was die Hobby-Jagd real bedeutet: Schüsse, Verletzungen, panische Flucht, Blut, sinnloser Tod.

Bei Drück- und Treibjagden werden Tiere in Stress und Angst getrieben, bevor sie häufig nicht sofort tödlich getroffen werden. Verletzte Tiere flüchten, sterben später qualvoll oder müssen nachgesucht werden. Dieser Aspekt fehlt in den Messen vollständig. Sie feiern die Jägerschaft, aber nicht die Opfer. Die liturgische Sprache reinigt den Akt symbolisch, Gewalt wird zu „Waidgerechtigkeit“.

Eine Kirche zwischen Moral und Tradition

Die Kirche betont gern, sie stehe für die Bewahrung der Schöpfung. Gleichzeitig gewährt sie einem Brauchtum Raum, das nachweislich mit Leid und Tod verbunden ist. Der moralische Widerspruch ist offensichtlich: Ein Ritual, das Gewalt spirituell erhöht, widerspricht jeder glaubwürdigen Ethik, die Mitgefühl und Schutz für Schwächere betont.

Die Kirche bewegt sich damit in einem Spannungsfeld aus Tradition und moralischer Verantwortung. Doch Tradition allein ist kein Argument, wenn sie auf Kosten von Lebewesen geht. Die Vergangenheit ist kein Freibrief für strukturell verankerte Gewalt.

Der blinde Fleck: Macht

Die Hobby-Jagd ist ein Machtakt. Sie ordnet die Welt in oben und unten: Menschen als Verfügende, Tiere als Verfügbare. Hubertusmessen verstärken diese Ordnung, indem sie jenen symbolischen Rückhalt geben, die die Gewalt ausüben. Die Kirche segnet nicht den Wald, nicht die Wildtiere, nicht das friedliche Nebeneinander, sie segnet diejenigen, die Waffen tragen, die Gewalttäter.

Das kirchliche Ritual schafft eine Bühne, auf der Jägerschaft nicht hinterfragt, sondern gefeiert wird. Kritik findet keinen Platz. Die Kirche steht damit unfreiwillig auf der Seite der Stärkeren und legitimiert eine Praxis, die im 21. Jahrhundert zunehmend gesellschaftlich umstritten ist.

Zeit für ein neues Verständnis von „Schöpfung“

Eine moderne ökologische Ethik erkennt Wildtiere als fühlende, eigenständige Individuen und nicht als Ressourcen. Sie versteht Natur nicht als etwas, das „reguliert“, „bewirtschaftet“ oder „unter Kontrolle gehalten“ werden muss. Sie sieht Tiere als Subjekte, nicht als Kulisse.

Wenn die Kirche glaubwürdig für die Schöpfung eintreten will, muss sie sich fragen: Warum bietet sie ein Ritual an, das diejenigen ehrt, die schwächere Lebewesen töten? Warum werden diese Gewaltakte festlich überhöht, statt kritisch beleuchtet?

Hubertusmessen sind kein harmloser Brauch, sondern die sakralisierte Begleitung einer Praxis, die im Kern aus Gewalt besteht. Die Hobby-Jagd ist nicht romantische Naturverbundenheit, sondern ein struktureller Eingriff in das Leben der Schwächsten. Die Kirche steht vor der Entscheidung, ob sie weiterhin Traditionspflege über Ethik stellt oder ob sie sich auf die Seite der Lebewesen stellt, die keine Stimme haben.

Wenn christliche Werte wie Mitgefühl, Schutz und Verantwortung ernst gemeint sind, dann gibt es nur eine Konsequenz: Die Hubertusmesse gehört in die Vergangenheit.

Die Hobby-Jagd ist eine nicht notwendige und tierschutzrechtlich wie ethisch unzureichend begründbare Praxis. Eine Reduktion auf klar definierte Notwendigkeitsfälle oder ein Auslaufen der Freizeitjagd ist konsistent mit Gesetzeslage, Ökologie und gesellschaftlicher Erwartung.

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