Hochsitze zerstört: Die Sabotagefälle 2026 in Deutschland
Mindestens 50 beschädigte Hochsitze in 15 Fällen und Serien, kaum ermittelte Täter: eine dokumentierte Übersicht bis Mitte Oktober 2026.
Symbolbild. Foto: Alehandra / Unsplash
«Was am Hochsitz beginnt»
Angesägte Stützen, abgebrannte Kanzeln, umgeworfene Leitern: Seit Januar 2026 haben Unbekannte in Deutschland mindestens 50 Hochsitze beschädigt oder zerstört, verteilt auf 15 Fälle und Serien zwischen dem Allgäu und Niedersachsen. Dazu kommen Vorfälle in Österreich und Belgien.
Die Zahl ist eine redaktionell ermittelte Mindestzahl aus den hier aufgeführten Polizeimeldungen und Lokalberichten, keine amtliche Statistik. Gezählt sind beschädigte oder zerstörte Hochsitze in Deutschland mit Tatzeit 2026. Auslandsfälle, eine mobile Jagdhütte und der ältere sächsische Ermittlungskomplex sind nicht mitgezählt.
Januar bis August: Feuer, Sägen und eine Festnahme
- Niederneisen (Rheinland-Pfalz), 4. Januar: Zwei Hochsitze mit aufwendigen Aufbauten brannten vollständig ab, rund 800 Meter voneinander entfernt. Die Polizeiinspektion Diez sucht einen Mann, der kurz vor dem ersten Brand im Wald gesehen wurde.
- Brandenburg, Januar: In einem Revier wurden zu Jahresbeginn vier Ansitzeinrichtungen zerstört.
- Forstinning (Bayern), 30. Januar: Ein Hochsitz bei der Wagmühle brannte vollständig ab. Die Polizeiinspektion Poing geht von Brandstiftung aus, der Schaden liegt bei rund 500 Euro.
- Nienburg (Niedersachsen), Februar: Unbekannte sägten einen Hochsitz an, ein Hobby-Jäger wurde verletzt. Im betroffenen Revier werden Hochsitze seit mindestens 20 Jahren immer wieder beschädigt, eine Kanzel brannte bereits dreimal.
- Rückholz (Bayern), März: Im Ostallgäu wurden mehrere Hochsitze angesägt. Der Jagdpächter hat Wildkameras montiert.
- Balve (Nordrhein-Westfalen), April: In den Wäldern rund um Sanssouci zerstörten Unbekannte an einem Wochenende elf Hochsitze, die grösste der hier erfassten Serien.
- Völs (Tirol), 12. April: Ein Unbekannter riss eine Kanzel im Nassen Tal aus dem Fundament. Die Polizei beziffert den Schaden auf über 1000 Euro.
- Pforzheim (Baden-Württemberg), Juni: Im Wohngebiet Sonnenhof wurden vier Hochsitze zerstört, einer davon in Einzelteile zerlegt.
- Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen), 14. Juni: Eine Wildkamera filmte einen 64-Jährigen mit Säge und Bohrschrauber, mehrere Pfeiler waren bereits durchgesägt oder abgeschraubt. Die Polizei nahm ihn am Tatort fest. Über sein Motiv ist nichts bekannt.
- Grossenhain (Sachsen), August: Zwei Hochsitze wurden umgeworfen, Schaden bis zu 500 Euro.
Weitere Fälle im Spätsommer und Herbst
- Glissen (Niedersachsen), Spätsommer: Drei gesicherte Hochsitze wurden aufgebrochen, an einem gingen zwei Fenster zu Bruch.
- Willingshausen (Hessen), September: Zwischen Wasenberg und Neustadt wurden an einem Wochenende fünf Hochsitze und eine mobile Jagdhütte beschädigt, Scheiben eingeschlagen und Anbauteile herausgerissen. Die Polizei Schwalmstadt vermutet einen Zusammenhang zwischen den Taten.
- Münchenbernsdorf (Thüringen), 8. bis 22. September: Sieben Hochsitze wurden zersägt, der Schaden liegt im mittleren vierstelligen Bereich. Laut den Geschädigten ist es nicht das erste Mal.
- Sauerland (Nordrhein-Westfalen), Ende September: In Schmallenberg und Winterberg wurden die Stützbalken von mindestens vier Hochsitzen angesägt. Ein Hobby-Jäger aus Winterberg entging laut Westfalenpost knapp einem Unglück.
- Eupen (Belgien), Oktober: An der Monschauer Strasse wurden mehrere Hochsitze angesägt. Laut Forstamt ist es der dritte solche Fall in diesem Jahr.
- Kochel am See (Bayern), 11. bis 13. Oktober: Im Jagdrevier Ried wurden zwei hölzerne Kanzeln absichtlich umgestossen, Schaden rund 1000 Euro.
- Zellhäuser Forst (Hessen), Oktober: Innerhalb einer Woche wurden zwei Hochsitze umgeworfen, einer davon zerstört. Der Jagdpächter setzt 1000 Euro Belohnung für Hinweise aus.
Sachsen: Ermittlungen wegen krimineller Vereinigung
Der grösste Komplex stammt nicht aus diesem Jahr, wurde aber 2026 öffentlich. Anfang März durchsuchten das Landeskriminalamt Sachsen und die Staatsanwaltschaft Dresden Wohnungen in Dresden, Leipzig und Halle (Saale). Den Beschuldigten wird vorgeworfen, zwischen Dezember 2023 und Mai 2025 in 24 Fällen 75 Jagdeinrichtungen im Raum Dresden zerstört zu haben, um die Jagd zu sabotieren. Der Schaden wird auf rund 70’000 Euro geschätzt. Ermittelt wird gegen fünf Personen wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Über eine Anklage ist bisher nichts bekannt. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Angesägt statt umgeworfen
Ein umgeworfener Hochsitz ist Sachbeschädigung. Bei einem angesägten Hochsitz kommt eine Gefahr für Menschen hinzu: Angesägte tragende Bauteile beeinträchtigen die Standsicherheit, und wer den Schaden vor dem Aufstieg nicht bemerkt, riskiert einen Zusammenbruch unter seinem Gewicht. Im Fall Schmallenberg ermittelt die Polizei deshalb nicht nur wegen Sachbeschädigung, sondern wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung. Der Eupener Forstamtsleiter Maxim Philipps sagte dazu: «Das gefährdet das Leben und die Sicherheit eines Menschen.»
Keine eigene Fallzahl
Eine bundesweite Zahl zu beschädigten Hochsitzen gibt es nach unseren Recherchen nicht. Laut dem Jagdportal PIRSCH werden solche Taten in der Polizeilichen Kriminalstatistik als Sachbeschädigung erfasst und nicht separat ausgewiesen. In Hessen kündigte die FDP-Abgeordnete Wiebke Knell nach den Taten in Willingshausen eine Kleine Anfrage zu Fallzahlen, Aufklärungsquote und politischer Motivation seit 2020 an.
Täter aus den eigenen Reihen
Auffällig ist, wie schnell die Jagdpresse die Täter benennt, bevor die Polizei sie kennt. Schlagzeilen wie «Schon wieder Jagdgegner» stehen über Fällen, in denen weder Täter noch Motiv bekannt sind. Einzig im sächsischen Ermittlungskomplex nennen die Behörden ausdrücklich ein mutmasslich gegen die Jagd gerichtetes Motiv.
Dabei führte die Spur schon mehrfach in die Jägerschaft selbst, wie Wild beim Wild dokumentiert hat. Im Landkreis Celle brannten ab 2016 über Jahre Hochsitze. Verhaftet wurde ein früherer Polizist aus dem Ort, der laut Regionalpresse keine Aufnahme in die Jägerschaft gefunden hatte. Er erhielt drei Jahre Haft, wie wir in den Beiträgen zu den brennenden Hochsitzen und zu den zertrümmerten Hochsitzen in der Valsugana berichteten. Im erzgebirgischen Pöhla überführte eine Überwachungskamera einen ortsbekannten Hobby-Jäger, der eine Kanzel aufbrach, um Wildkameras seiner Jagdkollegen zu stehlen.
Auch in der Schweiz ist das Muster bekannt. In Graubünden berichtete die «Südostschweiz» von Revierkämpfen zwischen Hobby-Jägern um einzelne Kanzeln. Im Kanton Zürich wies ein Regionalblatt schon 2017 darauf hin, dass Hobby-Jäger wiederholt Hochsitze anderer Hobby-Jäger beschädigt und die Spur gezielt auf Tierrechtsaktivisten gelenkt haben sollen.
Revierneid, Fehden unter Pächtern und Streit um Ansitzplätze tauchen in keiner Polizeimeldung auf. Dort steht nur: Sachbeschädigung durch Unbekannte.
Tödliche Schüsse auf Hochsitzen
Unabhängig von den hier dokumentierten Beschädigungen gab es 2026 auch Todesfälle auf Hochsitzen. Sie gingen nicht auf Sabotage zurück. Im Januar erschoss bei Warburg ein 22-jähriger Hobby-Jäger seinen 23-jährigen Bekannten auf einem Hochsitz in mindestens 100 Metern Entfernung. Ende August tötete im Westerwald ein Jagdpächter bei einer nächtlichen Jagd einen Kollegen auf dem Hochsitz, wie Wild beim Wild berichtete. In den für diese Übersicht ausgewerteten Berichten wird kein Todesfall durch einen manipulierten Hochsitz genannt. Die Schlagzeilen über «Angriffe auf die Jägerschaft» sind laut, die Schüsse aus den eigenen Reihen gehen als Jagdunfall durch.
Wie es um Hochsitze in der Schweiz steht, wo viele Anlagen im Wald ohne Bewilligung stehen, zeigt unser Beitrag zur Rechtslage und Bewilligungspflicht. Über ähnliche Sabotageserien im Ausland berichteten wir aus Lothringen, dem Département Isère und Finnland.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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