Wilderei-Verdacht im Parco del Ticino: Polizei beschlagnahmt 46 Schusswaffen, Schalldämpfer und Nachtsichtoptik
Nach Meldungen über nächtliche Schüsse ermitteln die Behörden gegen drei italienische Waffenbesitzer ohne Vorstrafen an der Grenze der Provinzen Mailand und Varese.
Die bei den Durchsuchungen vom 9. Oktober 2026 sichergestellten Waffen. Foto: Polizia locale Castano Primo e Nosate
Die geraubte Nacht
Am Freitag, 9. Oktober 2026, sind in der Morgendämmerung Beamte der Polizia locale von Castano Primo und Nosate, der Staatspolizei von Busto Arsizio, der Gerichtspolizei bei der Staatsanwaltschaft Busto Arsizio sowie der Forst-Carabinieri von Magenta und Varzi gleichzeitig an mehreren Orten ausgerückt. Sie vollstreckten einen Durchsuchungsbefehl der Staatsanwaltschaft Busto Arsizio wegen des Verdachts auf illegale Entnahme geschützter Arten und auf «furto venatorio» im Zusammenhang mit Huftieren in den Provinzen Mailand und Varese. Sichergestellt wurden 46 Schusswaffen, eine Hieb- oder Stichwaffe, sechs Schalldämpfer und über 6’000 Patronen.
Was die Durchsuchungen zutage brachten
In zwei Wohnungen in Busto Arsizio fanden die Beamten mehrere Schalldämpfer für Schusswaffen. An einem weiteren Ort in Busto Arsizio und an einem in der Provinz Pavia lagerten Hunderte illegal gehaltene Patronen für Kurz- und Langwaffen. In den Wohnungen der drei Beschuldigten lag Munition über den gesetzlich erlaubten Mengen oder ohne Meldung an die Behörden. Mehrere ordnungsgemäss registrierte Waffen standen nicht am gemeldeten Aufbewahrungsort und waren nicht vorschriftsgemäss gesichert.
Die Bilanz laut Polizei:
- 30 Jagdflinten verschiedener Kaliber
- 10 Büchsen verschiedener Kaliber
- 4 halbautomatische Pistolen
- 2 Revolver
- 1 Hieb- oder Stichwaffe
- 6 Schalldämpfer
- 6’201 Patronen für Kurz- und Langwaffen, Kugel und Schrot
- 150 Gramm Schiesspulver
Beschlagnahmt wurden zudem Mobiltelefone, Fotofallen sowie Nachtsicht- und Wärmebildoptiken. Die Schalldämpfer werden kriminaltechnisch untersucht, um zu klären, ob sie bei Straftaten eingesetzt wurden; dasselbe gilt für die Mobiltelefone. Allen drei Beschuldigten wurden sämtliche Waffen, die Munition und die Waffenscheine entzogen.
Einem der drei wird zusätzlich die illegale Haltung geschützter Tiere vorgeworfen: Bei ihm fanden die Beamten sechs Griechische Landschildkröten (Testudo hermanni), eine durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES geschützte Art. Die nichtmenschlichen Tiere wurden beschlagnahmt und einer Auffangstation übergeben.
Ein von der Polizei verbreitetes Foto zeigt zudem mehrere Hirschschädel mit Geweih an einer Mauer. Woher sie stammen, ist Gegenstand der Ermittlungen.
Nächtliche Schüsse im Schutzgebiet
Auslöser der Ermittlungen waren laut dem Bürgermeister von Castano Primo, Roberto Colombo, und dem zuständigen Sicherheitsassessor Carlo Iannantuono wiederholte Meldungen über nächtliche Schüsse im letzten Jahr, auch innerhalb des Parco del Ticino und des Naturschutzgebiets an der Grenze der Gemeinden Castano Primo, Nosate, Lonate Pozzolo und Turbigo. Später wurden Huftierkadaver im Grenzgebiet zwischen Castano Primo und Vanzaghello gefunden. Die Gerichtspolizei der Polizia locale ermittelte daraufhin die drei Männer, die in anderen Gemeinden und Provinzen wohnen, aber auf dem Gebiet der beiden Gemeinden aktiv gewesen sein sollen.
Castano Primo ist in diesem Jahr nicht zum ersten Mal Schauplatz: Im April 2026 stellten die Forst-Carabinieri von Magenta bei Abklärungen wegen Wilderei-Verdachts bei einem 76-jährigen Einwohner eine selbst gebaute Pistole ohne Seriennummer sicher; der Mann kam unter Hausarrest, wie LegnanoNews berichtete. Ein Zusammenhang mit dem aktuellen Verfahren ist nicht bekannt.
Die drei Beschuldigten sind italienische Staatsangehörige ohne Vorstrafen. Das Verfahren befindet sich im Stadium der Vorermittlungen; es gilt die Unschuldsvermutung.
Der Parco del Ticino liegt rund 35 Kilometer Luftlinie südlich der Schweizer Grenze bei Chiasso, entlang des Flusses, der dem Kanton Tessin seinen Namen gibt.
Kommentar: Lizenzierte Waffen, offene Fragen
Was die Polizei hier beschreibt, ist kein Fall von Waffenschmuggel im kriminellen Milieu. Drei unbescholtene Männer mit Waffenschein, 30 Jagdflinten, 10 Büchsen: Das ist die Ausrüstung von Hobby-Jägern. Ob die beschlagnahmten Waffen, Schalldämpfer und Nachtsichtoptiken bei den vermuteten Wildereidelikten eingesetzt wurden, müssen die Ermittlungen klären. Fest steht schon jetzt, was die Polizei selbst festhält: Munition über dem erlaubten Mass, nicht gemeldete Patronen zu Hunderten, registrierte Waffen am falschen Ort und ungesichert.
Schalldämpfer und Wärmebildoptik sind die klassischen Werkzeuge der nächtlichen Wilderei. Wild beim Wild hat dieses Muster dokumentiert: In Mendrisio wurde im April 2026 ein Hobby-Jäger verurteilt, der mit selbst gebautem Schalldämpfer und Wärmebildgerät eine Wildschweinbache vor Jagdbeginn erschossen hatte; in Amden nannte ein verurteilter Hobby-Jäger Nachtabschüsse «ganz geläufig in Jagdkreisen». Dass in Italien gleichzeitig das «Sparatutto»-Gesetz in der Abgeordnetenkammer liegt, mit dem die Jagdlobby den Wildtierschutz umbauen will, macht den Fall nicht kleiner, sondern grösser.
Dass der Fall kein Einzelfall ist, zeigt zeitgleich ein Vorfall auf Sardinien: Am 8. Oktober erschoss in Su Trambuccone bei Olbia ein Hobby-Jäger den dreijährigen Maremmen-Schäferhund Zeus mit zwei Gewehrschüssen, wenige Meter vom Wohnhaus des Besitzers, der ihn eine Stunde zuvor von seinem Grundstück weggewiesen hatte. Der Hobby-Jäger hatte geantwortet, er zahle Jagdabgaben und tue, was er wolle. Die Carabinieri beschlagnahmten laut Unione Sarda alle Waffen des Mannes, suspendierten seine Jagderlaubnis und zeigten ihn bei der Staatsanwaltschaft an; geprüft wird auch, ob er den Besitzer mit dem Gewehr bedrohte und den Kadaver in einer Schlucht verstecken wollte. Die Abgeordnete Michela Vittoria Brambilla, die sich in der Abgeordnetenkammer gegen das «Sparatutto»-Gesetz ihrer eigenen Mehrheit stellt, nennt die Jagd eine «in sich gewalttätige» Praxis, die eingeschränkt und schliesslich abgeschafft werden müsse.
Bemerkenswert ist, wie der Fall ins Rollen kam: nicht durch Routinekontrollen, sondern weil Anwohnerinnen und Anwohner über Monate nächtliche Schüsse meldeten und die kommunale Polizei den Hinweisen nachging; an den Durchsuchungen beteiligten sich dann auch Staatspolizei und Forst-Carabinieri. Der Fall reiht sich ein in die Vorfälle, die Wild beim Wild in der Rubrik Kriminalität und Jagd dokumentiert. 46 Schusswaffen und über 6’000 Patronen in drei Haushalten, teils unregistriert, teils ungesichert: Ein Waffenschein ersetzt keine wirksame Kontrolle.
Quellen: Medienmitteilung der Polizia locale di Castano Primo e Nosate vom 16. Oktober 2026, wiedergegeben von VareseNews und Il Giorno.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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